Bahnbrechendes Urteil in Großbritannien Luftverschmutzung für Tod eines Mädchens mitverantwortlich

In London starb ein neunjähriges Mädchen an Asthma. Nun erstritt die Familie ein einzigartiges Urteil in der britischen Justizgeschichte.
Bild der verstorbenen Ella Kissi-Debrah

Bild der verstorbenen Ella Kissi-Debrah

Foto: HOLLIE ADAMS / AFP

Warum starb Ella Kissi-Debrah im Februar 2013 in Großbritannien? Seit einiger Zeit streiten Experten vor Gericht über die Frage, was ursächlich für den Tod der damals Neunjährigen war, die in London lebte.

Nun ist das Urteil ergangen, es ist beispiellos in der britischen Justizgeschichte. Demnach starb Ella auch an den Folgen von Luftverschmutzung. Die schlechte Luftqualität in der britischen Hauptstadt habe zum Tod der Kleinen »wesentlich beigetragen«, befand der Gerichtsmediziner für den Inner South Coroner's Court, Philip Batlow, am Mittwoch.

Das an Asthma leidende Mädchen war im Februar 2013 an akuter Atemnot gestorben. Es sei einer Verschmutzung durch Stickstoffdioxid und Feinstaub ausgesetzt gewesen, die damals über die von der Weltgesundheitsorganisation WHO gesetzten Grenzwerte hinausgingen, hieß es. Die wesentliche Quelle dafür sind Verkehrsemissionen.

Laut den Experten habe das Versäumnis, die Werte zu senken, zu ihrem Tod beigetragen, berichtete der »Guardian« . Außerdem sei es unterlassen worden, ihrer Mutter Informationen über die gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung im Zusammenhang mit Asthma zu liefern.

Zunächst allein Asthma als Todesursache festgestellt

Rosamund Kissi-Debrah, die Mutter des Kindes, kämpfte mit ihrer Familie jahrelang darum, dass der Tod ihrer Tochter genauer untersucht würde. Die ehemalige Lehrerin bekam nun Recht, als das Gericht dem von ihr vorgelegten Gutachten folgte.

Im Jahr 2014 hatte eine erste gerichtsmedizinische Untersuchung allein Asthma als Todesursache festgestellt. Das wurde jedoch angezweifelt und eine neue Untersuchung angeordnet. Kissi-Debrah argumentierte, es gebe genügend Beweise, die den Schluss zuließen, dass der Staat keine Schritte unternommen habe, um die Öffentlichkeit vor gefährlicher Luftverschmutzung zu schützen.

Wissenschaftler warnen seit Jahren, dass sich schlechte Luft auf die Gesundheit auswirkt. Wer auf Dauer viel Feinstaub einatmet, hat ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Lungenerkrankungen. Erst kürzlich hatte ein NGO-Bericht den Tod Hunderttausender Babys in 2019 auf Luftverschmutzung zurückgeführt. Betroffen sind vor allem Menschen in Afrika südlich der Sahara und in Südasien, wo die Belastung etwa durch das Kochen an offenen Feuerstellen besonders groß ist.

Kausale Zusammenhänge teils schwer nachweisbar

Im Detail lässt sich allerdings oft nur schwer nachweisen, welchen Beitrag Luftverschmutzung in Krankheitsfällen leistet. Oft wird das Ausmaß der Schäden, wie auch bei der Baby-Studie, in vorzeitigen Todesfällen angegeben. Die Berechnung steht allerdings seit Jahren in der Kritik, weil aus ihr nicht hervorgeht, wie viel Lebenszeit durch schlechte Luft verloren geht – sind es ein paar Sekunden oder Stunden, Tage, Monate, Jahre?

Zu welchem Anteil genau schlechte Luft den Tod von Ella Kissi-Debrah begünstigt hat und welcher Anteil allein auf das Asthma zurückzuführen ist, lässt sich somit schwer sagen. Das Mädchen musste in den drei Jahren vor ihrem Tod etwa 30 Mal mit akuten asthmatischen Beschwerden im Krankenhaus behandelt werden. Es lebte im Stadtteil Lewisham im Südosten von London an einer viel befahrenen Straße.

Laut den Anwälten von Rosamund Kissi-Debrah müsse Luftverschmutzung als nationaler Notfall für die öffentliche Gesundheit betrachtet werden und sei als relevante Todesursache zu behandeln. Das Urteil könnte laut Beobachtern den Druck auf die Regierung erhöhen, die illegale Luftverschmutzung im ganzen Land zu bekämpfen.

joe/jme
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