Großbritannien Psychotherapeuten wollen Homosexualität heilen

Forscher haben Hunderte britische Psychotherapeuten befragt - und eine Überraschung erlebt: Viele versuchen noch immer, Homosexuelle in Heterosexuelle zu verwandeln. Experten warnen, dass das nicht nur wissenschaftlicher Unfug ist, sondern schädlich sein kann.


1848 Fragebögen haben die Londoner Wissenschaftler an Psychiater und Therapeuten verschickt. Die beachtliche Zahl von 1406 Exemplaren kam zurück, 1328 konnten ausgewertet werden. Das überraschende Ergebnis: Zahlreiche Therapeuten versuchen noch immer, schwulen, lesbischen und bisexuellen Menschen bei der Veränderung ihrer sexuellen Orientierung zu helfen.

Homosexuelle Frauen: Umfrage unter britischen Psychotherapeuten fördert Erschreckendes zutage
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Homosexuelle Frauen: Umfrage unter britischen Psychotherapeuten fördert Erschreckendes zutage

Annie Bartlett, Glenn Smith und Michael King vom University College London (UCL) hatten die Psychotherapeuten gefragt, ob sie einem Patienten bei der Veränderung seiner sexuellen Orientierung helfen würden, wenn er dies wünsche. Zwar hätten nur 55 Therapeuten und damit vier Prozent angegeben, dass sie dies tun würden. Doch rund jeder Sechste (17 Prozent) habe geantwortet, mindestens einem Patienten dabei geholfen zu haben, schwule oder lesbische Gefühle zu reduzieren - üblicherweise durch Therapie. Die Umfrage habe auch ergeben, dass sich die Häufigkeit dieser Fälle über die Zeit stabil geblieben sei, schreiben die Forscher im Fachblatt "BMC Psychiatry".

"Es gibt kaum Belege dafür, dass die Behandlung homosexueller Gefühle funktionieren kann", sagte UCL-Professor Michael King. "Tatsächlich kann sie sogar schädlich sein." Deshalb sei es überraschend, "dass eine bedeutende Minderheit von Therapeuten so etwas noch immer anbietet".

Die Gründe, die dafür in der Umfrage genannt wurden, klingen kaum beruhigend. Manche Therapeuten gaben an, Opfern von Diskriminierung helfen zu wollen. Andere antworteten mit erfrischender Offenheit, dass sie sich von ihren moralischen oder religiösen Ansichten über Homosexualität leiten ließen.

So habe beispielsweise ein Therapeut geantwortet, Patienten mit "starkem Glauben" bei der Überwindung ihrer Homosexualität geholfen zu haben. Dies sei "der beste Ansatz, wenn die Person glaubt, dass sie Gott verlieren könnte und das Leben dann nicht mehr lebenswert ist". Ein anderer Therapeut war der Meinung, dass der sexuelle Akt unter Schwulen "physische Schäden" hervorruft. "Er ist der Hauptgrund für Aids und HIV in diesem Land. Und außerdem ist er pervers."

King und seine Kollegen stellten außerdem einen "gewissen Grad an Ignoranz" fest, was den Stand der psychologischen Forschung betrifft. So hätten eine ganze Reihe der Befragten nicht gewusst, dass keine einzige zufallsbasierte, kontrollierte klinische Studie existiert, die das Funktionieren einer Therapie gegen Homosexualität bewiesen hätte.

Die Forscher waren offenbar so beeindruckt von den Ergebnissen ihrer Umfrage, dass sie eigens eine Website eingerichtet haben. Auf www.treatmentshomosexuality.org.uk können Therapeuten und Patienten von ihren Erfahrungen mit Homosexualitätstherapien berichten.

mbe



insgesamt 141 Beiträge
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mbberlin, 26.03.2009
1. ...
Offenbar gibt es dann aber auch genügend Patienten, die mit ihrer Homosexualität Probleme haben oder zu haben meinen? Sonst wurde wohl keiner hingehen. Aufschlußreich wären zudem vor allem auch die Ergebnisse dieser Behandlungen.
avollmer 26.03.2009
2. Ethisch?
Es ist zumindest ethisch fragwürdig wenn das Ziel der Behandlung wirklich eine sexuelle Umorientierung wäre. Sinnvoll ist eine Behandlung im Falle von Homosexualität, wenn der Patient Beschwerden bedingt durch seine sexuelle Orientierung hat. Dies kann durch entsprechende Sozialisation in homophober Umgebung hervorgerufen sein oder durch ein bildungsfernes Umfeld. Hier kann Psychotherapie den Patienten mit seiner Situation versöhnen und ihn stärken sich weiter zu entwickeln. Hier kann man nur hoffen, dass die Psychotherapeuten die Fragen der Studie missverstanden haben. Obwohl auch das ein Grund wäre ihnen die Berufserlaubnis zu entziehen. Bedenklich ist allerdings auch die Position der Wissenschaftler hinter der Studie. Es erfolgt keine Aussage ob die Psychotherapeuten auch Menschen gegen Heterosexualität und weitere sexuelle Orientierungen behandeln. Man stelle sich ein Szenario vor, in dem ein aggressiver Mann, der seine Frau regelmässig schlägt, zu einer homosexuellen Orientierung mit Fixierung auf Catcher und Eishockeyspieler therapiert wird. Ethisch vertretbar? Dann die Verwendung der Vokabel "pervers" durch einen Therapeuten, ebenso hätte er auch erklären können dass er seit Jahrzehnten keine Fortbildungen besucht oder gar keine professionelle Ausbildung hat. Homosexualität ist im ICD nicht mehr klassifiziert. Dort werden im F65-Abschnitt aber noch Paraphilien gelistet, die inzwischen gesellschaftlich akzeptiert sind und nicht mehr per se als Deviation gelten müssten. Des weiteren finden sich auch im aktuellen ICD-10 für Deutschland Begriffe wie "normal" mit der impliziten Deutung des Gegenstands als abnorm bzw. pervers, wobei hier eine Begriffsunschärfe mit "üblich" bzw "unüblich" auftritt. Hier verirren sich auch Fachleute in der Sprache, denn nicht alles was üblich ist, ist auch normal oder gesund. Es ist immer noch üblich in der Öffentlichkeit zu rauchen, obwohl dies im Sinne der auslösenden Sucht wie auch in den Auswirkungen mehrfach ungesund und krank ist. Damit ist Rauchen eine abnorme Verhaltensweise. Homosexualität ist dagegen nicht üblich, aber normal. Fetischismus ist dagegen weit verbreitet, also üblich, gilt aber sofern er sexuell ausgeprägt ist als behandlungsbedürftig und abnorm. Wer jetzt meint, Fetischismus wäre nicht weit verbreitet, der denke bitte daran, dass es auch "Klingelton-Fetischismus" und ähnliche Verhaltensprägungen gibt.
maxmovie77 26.03.2009
3. Wissen?
@praise: Was heißt denn in Ihren Augen WISSEN? Wissen kann man lediglich aus Informationen erlangen. 1. Homosexuelle leiden unter der Homosexualität auf Grund der Ablehnung der Gesellschaft. 2. Die Ablehnung der Gesellschaft suggeriert Homosexuellen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, was noch lange nicht heißt, dass das der Wahrheit entspricht. 3. Ihnen in solch einem Fall zu helfen ist ein falsches Signal, wenn die Hilfe darin besteht, sie "heilen" zu wollen. Genau das Gegenteil sollte der Fall sein: die Gesellschaft müsste endlich von ihrer Homophobie geheilt werden. 4. Das unwissenschaftliche daran ist, dass es eben keine wissenschaftlichen Grundlagen gibt, mit denen man Homosexualität als Krankheit einstufen könnte. Im Falle der Homosexualität fließt halt das moralische Empfinden der Gesellschaft mit ein, welche sich einfach nur sehr langsam verändert. Und es ist sehr schädlich, wenn man die eigentlichen Neigungen eines Menschen versucht zu unterdrücken (denn "heilen" wird man sie kaum können). Das könnte vielleicht ECHTE psychische Störungen verursachen. PS: Wussten Sie, dass es inzwischen Theorien gibt, die Homosexualität tatsächlich für sinnvoll im Sinne der Evolution halten? Das nur am Rande.
lichtschalter 26.03.2009
4. Rein logisch nach Freud
Soweit ich Freud verstanden habe sind Kinder noch ungeprägt und durchlaufen verschiedene Phasen der Entwicklung, wobei sie (Kleinkinder) körperliche Kontakte zu Gleichaltrigen (!) beiderlei Geschlechts haben. Irgendwann stellt sich aber normalerweise ein alleiniges Interesse für das jeweils andere Geschlecht ein. Allerdings weiß ich daß das nicht so sein muß. Wenn es keine weieteren neurotischen Handlungsformen gibt, sollte man auch nicht zu behandeln versuchen. Der übertriebene Zurschaustellung der sexuellen Orientierung zB, die auf Heteros oft abschreckend wirkt, entspringt wohl dem Gefühl weniger wert zu sein. Das sollte man behandeln, nicht die Orientierung. Da kann ich mir schon vorstellen daß das traumatisch wirken kann.
lichtschalter 26.03.2009
5. Sinn Kinder zu haben
Zitat von maxmovie77@praise: Was heißt denn in Ihren Augen WISSEN? Wissen kann man lediglich aus Informationen erlangen. 1. Homosexuelle leiden unter der Homosexualität auf Grund der Ablehnung der Gesellschaft. 2. Die Ablehnung der Gesellschaft suggeriert Homosexuellen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, was noch lange nicht heißt, dass das der Wahrheit entspricht. 3. Ihnen in solch einem Fall zu helfen ist ein falsches Signal, wenn die Hilfe darin besteht, sie "heilen" zu wollen. Genau das Gegenteil sollte der Fall sein: die Gesellschaft müsste endlich von ihrer Homophobie geheilt werden. 4. Das unwissenschaftliche daran ist, dass es eben keine wissenschaftlichen Grundlagen gibt, mit denen man Homosexualität als Krankheit einstufen könnte. Im Falle der Homosexualität fließt halt das moralische Empfinden der Gesellschaft mit ein, welche sich einfach nur sehr langsam verändert. Und es ist sehr schädlich, wenn man die eigentlichen Neigungen eines Menschen versucht zu unterdrücken (denn "heilen" wird man sie kaum können). Das könnte vielleicht ECHTE psychische Störungen verursachen. PS: Wussten Sie, dass es inzwischen Theorien gibt, die Homosexualität tatsächlich für sinnvoll im Sinne der Evolution halten? Das nur am Rande.
Allerdings, sprach die Sphinx: Bei vielen Paaren fragt man sich ob sie Kinder haben sollten. Aus purem Egoismus und mit allen Mitteln wie es sicher häufig vorkommt? Es gibt viele Hinweise darauf daß es schon was besondere ist wenn zwei zueinander passen (Geruch zB) und da gibt es keine Veranlassung deswegen auf Homosexuelle herabzuschauen. Wenn man zudem berücksichtigt daß die Erziehung der Kinder gar nicht optimal blos von den Eltern, sondern von einer größeren Gruppe übernommen wird (schon bei Wölfen ist das ja so), dann brauchen wir Leute ohne Kinder. Das biologische Wachstum hört ja nicht bei Geburt auf und soziales ist längst biologisch.
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