Grundimmunisierung gegen Sars-CoV-2 Drei Impfungen? Oder vier? Virologen stellen Impfschema infrage

Ist der Impfzyklus zur Grundimmunisierung gegen das Coronavirus erst nach drei Impfungen abgeschlossen? Darüber wird in Fachkreisen debattiert. Die Folgen könnten weitreichend sein.
Impfung eines Mannes in Los Angeles

Impfung eines Mannes in Los Angeles

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Gary Coronado / Los Angeles Times / Getty Images

In Deutschland geht es gut voran mit den Auffrischimpfungen. Laut Robert Koch-Institut sind bis zum Mittwoch 31,6 Millionen Bürgerinnen und Bürger geboostert worden – allein an diesem Tag waren es mehr als eine halbe Million verabreichte Spritzen. »Den vollen Grundschutz mit der meist nötigen zweiten Spritze haben inzwischen mindestens 59,1 Millionen Menschen oder 71,1 Prozent der Gesamtbevölkerung«, berichtet die Deutsche Presseagentur.

Allerdings haben manche Experten Zweifel, ob der Begriff »Auffrischimpfungen« richtig gewählt ist, nicht nur in Deutschland. In den USA diskutieren Fachleute nun verstärkt darüber, ab wann die Menschen vollständig geimpft, also grundimmunisiert sind, berichtet die »New York Times« .

Der Hintergrund: Die Boosterimpfung stellt womöglich keinen Schutz wieder her, der verloren gegangen ist. Sie ist vielmehr der noch fehlende Teil der Grundimmunisierung, glauben etwa Experten wie der deutsche Immunologe Carsten Watzl . Demnach wäre die Sars-CoV-2-Schutzimpfung bei den in Deutschland verwendeten Impfstoffen von AstraZeneca, Biontech und Moderna mit Ausnahme des Mittels von Johnson & Johnson eigentlich eine Dreifachimpfung und keine Doppelimpfung. Ein ähnliches Schema kennt man auch von anderen Impfungen.

Für einen Großteil der Menschen, die sich boostern lassen möchten, spielt die Änderung der Begriffsdefinition wohl keine Rolle. Dennoch befassen sich in den USA nun führende Wissenschaftler mit dem Thema. Rochelle Walensky, Direktorin der US-Gesundheitsbehörde CDC, bestätigte, dass man die Frage derzeit bearbeite. Es gehe dabei keinesfalls um neue, abweichende Handlungsempfehlungen für die Bürgerinnen und Bürger, denn es sei völlig klar, dass sich jeder boostern lassen sollte, der einen medizinischen Grund dafür habe.

Auch Georges Benjamin, Direktor der American Public Health Association, glaubt, dass es angesichts einer Omikron-Welle, die den USA derzeit droht, an der Zeit sei, den Begriff zu ändern. Aus medizinischer Sicht sei erst eine Person mit einer zusätzlichen Auffrischungsdosis als vollständig geimpft zu betrachten.

Gleichwohl hätte eine Änderung der Definition »vollständig geimpft« auch logistische Folgen für jede Nation. Schließlich sind gültige Impfausweise in Deutschland die Voraussetzung für den Zugang zu Restaurants, Konzerten oder anderen Veranstaltungen und Versammlungen. Würde man erst nach drei Impfungen von einer Grundimmunisierung ausgehen, müsste man auch den Status in den Impfausweisen oder das Ablaufdatum ändern. Bisher behält das digitale Impfzertifikat in Deutschland seine Gültigkeit ein Jahr lang nach der zweiten Impfung. Die EU-Kommission will ab kommendem Februar die Gültigkeit bei Einreisen in EU-Länder sogar auf nur noch neun Monate nach der Grundimmunisierung senken.

Zudem könnte eine Änderung der Definition auch das Vertrauen mancher Menschen in die Impfungen schwächen – schließlich müssten Politiker und Fachleute ihre Aussagen korrigieren, dass nach zwei Impfungen ein grundsätzlicher und lang anhaltender Schutz besteht. Wissenschaftlich ist die Änderung durchaus zu erklären: Die Zulassungsstudien wurden für zwei Impfungen unter großem Zeitdruck durchgeführt – mit dem Ziel, möglichst schnell großen Teilen der Bevölkerung einen soliden Impfschutz zur Verfügung zu stellen. Es war schlicht nicht möglich, über lange Zeiträume nach dem besten Impfschemen zu suchen.

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Nutzen von vierter Impfung unklar

Nicht zur Diskussion steht dagegen der Nutzen der dritten Impfung. Die derzeit vorliegenden Daten zu den Impfstoffen zeigen, dass der Schutz gegen eine Infektion mit dem Virus mit der Zeit nachlässt. Gegen schwere Verläufe mit intensivmedizinischer Versorgung im Krankenhaus und Todesfolge schützten sie aber weiterhin. Gesundheitsminister und Epidemiologe Karl Lauterbach betonte zudem kürzlich, dass die Boosterimpfung auch die beste Schutzimpfung gegen die Omikron-Variante sei.

Unklar ist dagegen, wie es nach der dritten Impfung weitergehen wird. Manche Fachleute denken bereits über eine vierte Impfung nach. US-Regierungsberater Anthony Fauci sagte, darüber solle erst geredet werden, wenn klar sei, wie lang der Schutz durch den Booster anhalte. In Israel läuft dazu derzeit eine Studie. Beteiligt sind 150 Freiwillige, deren dritte Corona-Impfdosis mindestens vier Monate zurückliegt und bei denen es Hinweise auf abnehmende Antikörper gegen Covid-19 gibt. Bei der Studie mit dem Impfstoff von Biontech würden die potenzielle Erhöhung von Antikörpern durch eine vierte Dosis und ihr Potenzial für die Verhinderung einer Coronainfektion untersucht.

Experten wie Carsten Watzl gehen davon aus, dass es bei einer ausreichend hohen Grundimmunisierung in der Bevölkerung langfristig zwar jährlich zu einer Coronawelle im Herbst und Winter auch mit Todesopfern kommen wird. Aber dass eine Auffrischung, die zuerst Menschen ab 60 Jahre bekommen könnten, nur alle paar Jahre benötigt wird.

In den USA wird nun wohl in der Regierung darüber nachgedacht, den Begriff »vollständig geimpft« ganz abzuschaffen und durch eine Formulierung zu ersetzen, die besagt, dass Impfungen aktuell sein sollten.

joe