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Menschenaffen: Wie du und ich

Foto: A2585 Frank Leonhardt/ dpa

Kritik an Zoohaltung Forscher fordern Grundrechte für Menschenaffen

Sie sind wie wir: Menschenaffen lachen und trauern, sie lügen und morden, sie kämpfen und lieben. Doch wir sperren sie ein. Erste Zoos verbessern die Gehege - doch Experten wollen mehr: Sie fordern Grundrechte für unsere nahen Verwandten.
Von Jürgen Nakott

Je genauer Genetiker und Verhaltensforscher die Großen Menschenaffen untersuchen - Gorillas, Orang-Utans, Schimpansen und Bonobos - umso mehr schwinden die Unterschiede zwischen ihnen und uns. Das Erbgut von Mensch und Schimpanse, unserem nächsten Verwandten, ist - je nach Analysemethode - zu 93,5 bis 99,4 Prozent gleich. Anders ausgedrückt: Im Durchschnitt bleibt ein Unterschied zwischen Schimpanse und Mensch von 1,5 Prozent. Warum machen wir uns trotzdem so gern über unsere nahen Verwandten lustig?

Eine wachsende Zahl von Tierrechtlern will nicht länger hinnehmen, dass die Affen "lediglich zur Bespaßung des Menschen dienen ", wie es Reinhold Pix, ein Landtagsabgeordneter der Grünen, formuliert. Aus naturwissenschaftlicher Sicht lässt sich heute zwischen Menschen und Menschenaffen keine eindeutige Grenze mehr ziehen. Trotzdem gibt es Menschen, die das nicht gern hören.

Doch die Verwandtschaft lässt sich nicht leugnen. Seit 50 Jahren haben drei große Forscherinnen - unterstützt von der National Geographic Society - Belege dafür gesammelt: Jane Goodall bei den Schimpansen, Dian Fossey bei den Gorillas, Biruté Galdikas bei den Orang-Utans.

Grundrechte für Menschenaffen

Alles, was die drei an Beobachtungen zusammengetragen haben, wird neuerdings von Genetikern und Hirnforschern bestätigt: Sie sind wie wir. Die genetische Ähnlichkeit, das nachgewiesene Selbstbewusstsein, die Fähigkeit zu denken, zu planen und zu fühlen - das alles sind Gründe, warum immer mehr Biologen, Philosophen und Tierrechtler fordern, den vier Großen Menschenaffen endlich (über)lebenswichtige Grundrechte zu geben.

Fortschreibung der Menschenrechte

Es soll strafbar werden, schädigende Tierversuche mit Großen Menschenaffen zu machen, sie unter unwürdigen Bedingungen zu halten, sie zu jagen oder ihren Lebensraum zu zerstören. Außerdem sollen ihre Rechte durch Sachwalter eingeklagt werden können - wie bei Menschen, die nicht für sich selber sprechen können.

Der 59 Jahre alte Psychologe und Tierrechtler Colin Goldner leitet die Arbeit der deutschen Gruppe des "Great Ape Project". Er ist ein vehementer Zookritiker, aber er hatte auf Frankfurt aufmerksam gemacht: "Solange wir Menschenaffen noch im Zoo halten müssen, dann am ehesten so wie dort."

Mehrere Jahre hat er selber in Südostasien gelebt und auch die Waldmenschen aus der Nähe erlebt. Die Botschaft, die er mitnahm: "Ohne wirksamen Schutz unserer haarigen Verwandten wird es sie bald nur noch in Zoos geben, als traurige Abbilder ihrer selbst." Goldner hat inzwischen mit einer Handvoll Helfer alle deutschen Zoos begutachtet, die Menschenaffen halten. Bei aller Kritik ist er aber bereit, Anstrengungen zur Verbesserung der Haltungsbedingungen anzuerkennen.

Im Pongoland des Leipziger Zoos zum Beispiel. Dort erforschen Max-Planck-Kollegen von Christophe Boesch, Leiter des Instituts für Primatologie in Leipzig, die Kommunikation und die Erkenntnisfähigkeit von Schimpansen. "Leipzig bemüht sich plausibel um die bestmögliche Umgebung ", sagt Goldner, "und die Verhaltensexperimente dort sind völlig freiwillig und so angelegt, dass es den Affen wirklich Spaß macht, sich zu beteiligen."

"Traurige Abbilder ihrer selbst"

Das ändert aber nichts an den Zielen des "Great Ape Project": Unsere nächsten Verwandten sollen als solche respektiert werden. Wir Menschen gehen damit den nächsten Schritt in unserer humanistischen Evolution. So, wie wir vom späten 18. Jahrhundert an die Sklaverei allmählich abgeschafft haben. 1948 wurden dann die Menschenrechte weltweit für verbindlich erklärt.

Diese Ethik auf unsere nächsten biologischen Verwandten auszuweiten, ist der nächste logische Schritt, sagen die Affenrechtler - und schreiben die Fortschritte der vergangenen 250 Jahre damit konsequent weiter. Aber dürfen wir Menschenaffen dann noch im Zoo präsentieren? Deshalb fordert das "Great Ape Project", ihre Lebensbedingungen in den weniger guten Zoos "deutlich zu verbessern".

Betreuung und Beschäftigung dort müssen den aktuellen Erkenntnissen entsprechen. Wer das nicht garantieren kann, darf keine Menschenaffen mehr halten. Die Affen aus den schlechten Zoos, fordert auch Boesch, müssen in artgerechte Refugien umgesiedelt werden. "Chimpheavens, so nennt man sie in den USA. Das kostet Geld, aber das sind wir den Menschenaffen schuldig."

Die Augen davor zu verschließen, ist sinnlos: In den Affen steckt so viel Mensch wie Affe in uns. Darin sind wir uns einig. Wir dürfen sie nicht länger zu unserer Belustigung zur Schau stellen. Oder unter unwürdigen Bedingungen in Zoos halten. Und wir müssen alles tun, um die natürlichen Lebensräume ihrer Artgenossen in der Wildnis zu erhalten. Ihnen Grundrechte zu geben, ist dazu ein wichtiger Beitrag.

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Juli 2012, www.nationalgeographic.de 

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/menschenaffen 

Video zum Download: Dürfen wir Affen im Zoo halten