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07. April 2006, 10:24 Uhr

Gruppendynamische Studie

Zuchtmeister schlagen Schmarotzer

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Niemand wird gern bestraft - und doch können wir ohne Strafe nicht sein. Das zeigt eine psychologische Studie: In Scharen liefen Probanden von einer straflosen Gruppe zu einer über, in der sie ihre Mitmenschen maßregeln konnten - obwohl sie das selbst etwas kostete.

Schmarotzer mag keiner. Andere sollen gefälligst ebenso einzahlen, ebenso mithelfen wie man selbst am großen Ganzen, sonst werden Menschen schnell sauer. Was das eigene Verhalten angeht, sind wir da toleranter - Steuerschlupflöcher nutzen, Falschparken, die Kollegen mal ein bisschen mehr arbeiten lassen, als man selbst es tut - in der Eigenansicht sind das Kavaliersdelikte.

Trittbrettradler: Die Peitsche sorgt für Kooperation
Science / Joe Sutliff

Trittbrettradler: Die Peitsche sorgt für Kooperation

Weil diese Doppelgesichtigkeit einer Gesellschaft auf die Dauer nicht gut tut, gibt es Regelsysteme, mit denen wir uns selbst und die anderen am Trittbrettfahren zu hindern versuchen. Wir lieben diese Regeln zwar nicht - aber ohne sie können wir auch nicht sein, zeigten Psychologen jetzt.

Die Versuchspersonen von Özgür Gürerk von der Universität Erfurt und seinen Kollegen konnten es sich aussuchen: Für ein Spiel um Geld, Kooperation und Dividenden konnten sie einer Gruppe beitreten, in der es keine Strafen gab - oder einer Gruppe, in der sie andere bestrafen konnten, wenn die sich nicht im Sinne des Allgemeinwohls verhielten. Die meisten, das war das erste Ergebnis, wollten lieber in einer idealen Welt leben - sie entschieden sich für die vermeintlich friedfertig-kooperative Welt ohne Strafen.

Die straflose Welt ist ein freudloser Ort

Und bereuten diese Entscheidung schnell, wie Gürerk und sein Team in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Science" berichten (Bd. 312, S. 108). Und das, obwohl ihnen die Strafen zunächst so unsympathisch waren: "Das vergifte die Atmosphäre, wenn man strafen kann, haben uns manche im informellen Gespräch gesagt, oder dass Strafen die Effizienz störten und kostspielig seien", so Bernd Irlenbusch, einer der Autoren. Diese Ansicht änderte sich im Verlauf des Experiments.

Denn in dem Spiel konnte man sich sozial oder unsozial verhalten: Jeder Spieler hatte am Anfang jeder Runde 20 Geldeinheiten zur Verfügung. Die konnte er gemeinsam mit den anderen investieren, gewissermaßen ins Gemeinwohl stecken - oder für sich behalten. Die gesammelten Investitionen wurden verzinst, die Summe alles Eingezahlten wurde mit 1,6 multipliziert - und dann an alle Gruppenmitglieder verteilt. Egal, ob sie eingezahlt hatten oder nicht. Wer also nicht zahlte, sparte und profitierte doch. Und siehe da: Schnell begannen einige, nur zu kassieren und nicht mitzuarbeiten.

In der anderen Gruppe konnten die Mitglieder Strafen austeilen - für eine Geldeinheit Zusatzkosten konnten sie dafür sorgen, dass Nicht-Einzahler drei Einheiten Zwangsabgabe entrichten mussten. In dieser Gruppe wurde viel eingezahlt - und viel gestraft, zumindest anfangs. Besonders die sehr zahlungsfreudigen Spieler waren auch gern bereit, zusätzliches Geld für die Bestrafung der Trittbrettfahrer auszugeben.

Sanktionen sind gut fürs Geschäft

Das strikte Regime half - insgesamt liefen die Geschäfte für das Kollektiv besser in der Gruppe, in der gestraft werden konnte. Sanktionen machen es eben viel leichter, sich ums Gemeinwohl zu sorgen. Den Mitgliedern der friedlich-straflosen Gruppe wurde nach jeder Runde die Möglichkeit gegeben, zu den Bestrafern zu wechseln - und sie liefen in Scharen über. Auch Spieler, die eben noch hemmungslos schmarotzt hatten, kooperierten nun fleißig - und gaben ihrerseits Geld aus, um Abweichler zu bestrafen. Aus Trittbrettfahrern wurden Kontrolleure.

"Man kann diese dramatische Verhaltensänderung nicht damit erklären, dass die Leute nur nach dem größten Gewinn suchen", sagt Bettina Rockenbach von der Universität Erfurt. "Sie verzichteten auf Gewinn, um der kooperativen Norm zu folgen." Das passt zu Theorien über die Entwicklung menschlicher Gruppierungen: Wir suchen Gesellschaft, die uns weiterbringt, sagen die - und wir sind dann auch sehr schnell bereit, nach deren Regeln zu spielen.

Ein schlechter Ruf ist gut für die Gesellschaft

Am Ende der 30 Spielrunden hatte die straflose Gruppe kaum noch Mitglieder. Die Spieler mit Sanktionserlaubnis dagegen hatten ein funktionierendes Gemeinwesen geschaffen, in dem kaum noch gestraft werden musste. Sobald die Verhaltensnormen einmal durchgesetzt waren, hielten sich die Teilnehmer daran.

Bernd Irlenbusch interessiert nun, ob der gleiche Mechanismus auch mit informelleren Formen der Strafe funktioniert. Denn im Alltag wirkten ja auch "böse Blicke, nicht mehr zu Partys eingeladen zu werden, also sozialer Ausschluss - das sind alles Mechanismen der Strafe". Im Experiment war es dagegen nicht möglich, den Abweichler aus Runde eins in Runde zwei noch zu identifizieren, die Teilnehmer waren jedes mal wieder aufs neue anonym. "Man konnte keine Reputation erwerben", so Irlenbusch.

Genau die ist aber, glaubt man anderen Thesen zur Frage der Trittbrettfahrer, entscheidend. Der Ruf ist das soziale Korrektiv, das unsere Gesellschaften am Leben erhält, meint zum Beispiel der britische Anthropologe und Primatenforscher Robin Dunbar. Sprache, so Dunbar, ermögliche Tratsch, und damit "Information über den Zustand unseres sozialen Netzwerks auszutauschen" - also auch Trittbrettfahrer zu identifizieren und zu brandmarken. Dunbar glaubt, Tratsch und Ruf seien der Kitt, der unsere Gesellschaften zusammenhält. Und wer will schon als Schmarotzer gelten?

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