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07. September 2012, 17:27 Uhr

Fördertechnologie

NRW legt Erdgas-Fracking auf Eis

In Nordrhein-Westfalen wird es vorerst keine Genehmigungen für Erdgas-Förderung mit der umstrittenen Fracking-Methode geben. Schuld ist ein Gutachten im Auftrag der Landesregierung. Es bestätigt bestehende Zweifel - doch die Industrie zeigt sich weiter interessiert an dem Verfahren.

Düsseldorf - Rohstoffmanager hoffen auf Gas aus heimischen Quellen, doch Politik und Öffentlichkeit stehen der Förderung mit der sogenannten Fracking-Bohrtechnologie kritisch gegenüber. Dabei wird unter hohem Druck ein Chemikalien-Wasser-Sand- Gemisch in Gestein gepresst - um so das gebundene Gas zu lösen. Gestritten wird darum, ob die Flüssigkeiten und andere Rückstände gefährlich werden können.Erdgas

Eine Studie des Umweltbundesamtes warnte gerade vor dem Einsatz der Technologie. Ein Gutachten in Nordrhein-Westfalen kommt nun zu einem ähnlichen Ergebnis - deswegen wird es dort vorerst keine Genehmigungen für Erdgas-Förderungen mit Fracking geben. Darauf haben sich die Landesministerien für Umwelt und Wirtschaft geeinigt. Der Schutz von Mensch und Umwelt habe für die Landesregierung oberste Priorität, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.

In einem Kurz-Gutachten im Auftrag der Landesregierung empfiehlt ein Ingenieur-Konsortium, einer Erdgasförderung mit Fracking nicht zuzustimmen, solange grundlegende Voraussetzungen fehlten. Entscheidend sei die Entwicklung weniger belastender Fracking-Zusätze. In etlichen bisher für die Methode verwendeten Gemischen seien besorgniserregende Zusätze mit sehr giftigen, krebserregenden und erbgutverändernden Eigenschaften festgestellt worden. Völlig ungeklärt sei darüber hinaus die Entsorgung der Lagerstättenwässer und Rückstände.

Insgesamt sei die Datenlage unsicher und Fracking-Erfahrungen aus anderen Ländern - speziell aus den weit vorausgaloppierenden USA - nur sehr eingeschränkt übertragbar. In NRW fehlten noch standortspezifische geologische und hydrochemische Analysen.

"Ohne Akzeptanz keine Förderung"

Die Gutachter empfehlen, vor allem in Wasser- und Heilquellenschutzgebieten, Trinkwasserversorgungszonen sowie im Bereich von Mineralwasservorkommen keinerlei Aktivitäten zur Erschließung der sogenannten unkonventionellen Erdgasvorkommen zuzulassen. Sogar eine radioaktive Strahlenbelastung der Bevölkerung schlossen die Gutachter nicht aus. Diese könne auftreten, wenn Lagerstättenwasser und Rückstände unkontrolliert ins Grundwasser gelangten und über kontaminiertes Trinkwasser und die Nahrungsmittelproduktion aufgenommen würden.

Ölkonzerne versprechen, sie würden auf die Entwicklung von Frackingverfahren ohne giftige Chemikalien hinarbeiten. "Ich bin zuversichtlich, dass wir den eingeschlagenen Weg der vorsichtigen Erkundung fortsetzen können", sagt Gernot Kalkoffen, Vorstandschef der ExxonMobil Central Europe Holding. Das Unternehmen interessiert sich im Münsterland und bei Osnabrück für Schiefergas.

Auch die BASF -Tochter Wintershall interessiert sich prinzipiell für Schiefergas in Deutschland. "Wir wollen in zwei Konzessionen in Nordrhein-Westfalen zunächst mit geologischen Voruntersuchungen schauen, ob das Potenzial vorhanden ist", sagt Rainer Seele, Vorstandschef der Kasseler Öl- und Gasgesellschaft. Die beiden Konzessionsgebiete umfassen 3900 Quadratkilometer.

Zugleich macht Seele aber deutlich, dass Wintershall nur in die Schiefergas-Förderung einsteigen werde, wenn dies keinen breiten Widerstand hervorrufe. "Falls es keine gesellschaftliche Akzeptanz gibt, werden wir keine Förderung durchdrücken."

Die förderbaren Vorkommen an Schiefergas in Deutschland werden von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) auf 0,7 bis 2,3 Billionen Kubikmeter geschätzt. Das wäre mehr als die bisher bekannten deutschen Gas-Reserven. In den USA hat Schiefergas den Markt geradezu umgekrempelt - weil die Gaspreise dort auf rund ein Viertel des Niveaus in Europa gefallen sind.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger sieht in einer möglichen Förderung in Deutschland eine Möglichkeit, die hohen Energiepreise im Land zu senken. "Die Abhängigkeit von Staaten wie Russland, Aserbaidschan, dem Iran oder Saudi-Arabien könnte dadurch deutlich verringert werden", hatte Oettinger Anfang der Woche bei einem Energiekongress gesagt. Ähnlich sieht das auch Wintershall-Chef Seele: "Deutschland kann auf Dauer nicht nur von Importen abhängig sein."

chs/dpa/Reuters

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