SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

09. April 2010, 11:49 Uhr

Gute Algenverwerter

Japaner haben Darmbakterien mit Sushi-Genen

Eigentlich sind Meeresalgen nicht besonders leicht verdaulich. Doch Japaner sind mit dem passenden Werkzeug gerüstet: Im Darm leben Keime, die dasselbe stärkespaltende Enzym wie ein Meeresbakterium produzieren. Offenbar haben die japanischen Bakterien das Gen im Laufe der Zeit übernommen.

Roher Fisch, schleimige Pilze, wabbelige Meeresalgen - Sushi und andere japanische Kost sind nicht jedermanns Sache. Und nicht jeder Darm kommt gleich gut damit zurecht. Kein Wunder, denn möglicherweise fehlt den nicht-asiatischen Mägen ein entscheidendes Werkzeug, das bei der Verdauung hilft.

Japaner dagegen, das haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden, haben zumindest mit den Meeresalgen kein Problem. In ihrer Darmflora leben Bakterien, die mit besonderen Genen ausgestattet sind. Daraus produzieren die Mikroben Enzyme, welche besonders effizient bei der Verdauung der Algen helfen, schreiben die Forscher um Mirjam Czjzek und Gurvan Michel von der Pariser Université Pierre et Marie Curie im Fachblatt "Nature".

Nichts wäre also naheliegender, als diese Gene als "Sushi-Gene" zu bezeichnen. Doch was bewirken diese Bestandteile des Darmbakterien-Erbguts? Die Darmflora fördert nicht nur den Aufbau und den Erhalt der Darmschleimhaut. Sie ist auch an der Abwehr von Krankheitserregern beteiligt und hilft dabei, Nahrung aufzuspalten. Sie stellt so dem Körper die einzelnen Nährstoffe bereit und versorgt ihn mit Energie.

Für gewöhnlich produzieren Darmbakterien Enzyme, die bei der Spaltung von sogenannten Polysacchariden, wie etwa Stärke, eine Rolle spielen. Diese sind eigentlich auf die Verarbeitung von Polysacchariden aus Pflanzen spezialisiert, die auf dem Boden vorkommen und die die menschliche Nahrung im Laufe der Evolution dominierten. Experten nennen diese Proteine CAZymes (aus dem englischen "carbohydrate active enzymes"). Die Darmflora ist mit einigen Hunderten solcher CAZymes bestückt. Doch bisher wusste man nicht, wie sich diese Enzyme im Laufe der Evolution entwickelt und so verschieden spezialisiert haben.

Algen der Gattung Porphyra sind fester Bestandteil im japanischen Speiseplan

Michel und Kollegen haben nun erstmals bestimmte CAZyme charakterisiert, die ursprünglich in dem Meeresbakterium Zobellia galactanivorans vorkommen, das sich von Algen ernährt. Diese CAZyme sind für die Spaltung von Polysacchariden aus der Meeresalge der Gattung Porphyra zuständig - just diese Algen landen häufig auf japanischen Tellern.

Die Forscher fanden die entsprechenden Gene in einer Bakterienart namens Bacteroides plebeius, die in den Därmen von Japanern lebt: Dazu verglichen die Erbanlagen der Darmbakterien aus den Exkrementen von 13 Japanern und 18 Nordamerikanern. Während die Wissenschaftler bei allen Japanern verschiedene Gene, die für die Stärkespaltung aus Meeresalgen zuständig sind, aus Bacteroides plebeius fanden, konnten sie in den Amerikanern keinerlei dieser Gene nachweisen.

Offenbar, das schließen die Forscher aus ihren Untersuchungen, hat die Bakterienart Bacteroides plebeius - die in der Darmflora von Japanern sehr häufig zu finden ist - die Gene im Laufe der Evolution von marinen Mikroorganismen übernommen. Für die Japaner ist das ein großer Vorteil, denn Sushi wird traditionell mit Algenblättern zubereitet: Porphyra-Algen sind in Japan seit Jahrhunderten fester Bestandteil des Speiseplans. Sie werden unter anderem zu Nori-Blättern verarbeitet, die dann die Sushi-Häppchen umhüllen. Der regelmäßige Kontakt mit marinen Mikroorganismen - etwa über Sushi - habe den Ozean-Genen vermutlich den Weg in den Verdauungstrakt geebnet, meinen die Forscher.

cib/dpa

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung