Gute Vibrationen Bienentanz lässt Waben schwingen

Der beste Tanz nutzt nichts, wenn keiner zuschaut: Deshalb bringen mitteilungsbedürftige Bienen umliegende Waben zum Schwingen. Die Entschlüsselung der Signale könnte den Bau erdbebensicherer Hochhäuser voranbringen.
Von Tim Schröder

Dass Bienen Informationen über Futterquellen durch Tänze an ihre Stammesgenossen vermitteln, gehört seit langem zum Standardlehrstoff im Biologieunterricht. Unklar war bislang aber, wie Bienen, die eine Botschaft mitteilen wollen, andere Tiere anlocken. Auf welche Weise ziehen die zurückgekehrten Sammlerinnen im Gewimmel des dunklen Bienenstocks die Aufmerksamkeit auf sich? Wissenschaftler der Universität Würzburg haben dieses Rätsel jetzt gemeinsam mit französischen und australischen Kollegen gelöst.

Wie die Forscher im "Journal of Experimental Biology" berichten, versetzen die Insekten durch schnelle Beinbewegungen bestimmte Waben in Schwingungen. Dieses Signal hat auf andere Bienen in etwa dieselbe Wirkung wie eine auffallend blinkende Leuchtwerbung im Lichtermeer einer Großstadt auf den Menschen. Die Ergebnisse sind nach Aussage der Forscher auch deshalb interessant, weil sich die spezielle Wabenstruktur als Vorbild für den Bau von erbebensicheren Gebäuden eignen könnte.

"Schon länger ist bekannt, dass sich die Bienen mithilfe von Schwingungen der Waben über gewisse Distanzen verständigen können", sagt der Würzburger Bienenforscher Jürgen Tautz. "So haben wir in Experimenten herausgefunden, dass tanzende Tiere auf gut schwingenden Böden wesentlich mehr Bienen anlocken als auf gedämpften." Was genau die Attraktivität der Botschaft ausmacht, war den Forschern bisher jedoch unklar.

In ihrer aktuellen Studie tasteten sie vibrierende Waben deshalb mit hochpräzisen Laserstrahlen ab. Dabei stellte sich heraus, dass die Waben bei einer Frequenz von 200 Hertz ein charakteristisches Schwingungsmuster zeigen: Beim Großteil der Zellen schwingen die jeweils gegenüberliegenden Wände in der gleichen Richtung. Bei einigen wenigen Zellen in der Nähe der vibrierenden Biene aber schwingen die Seiten genau gegenläufig, wodurch die Vibration gedämpft wird.

"Diese Schwingungsänderung ist zwar ungeheuer schwach", erklärt Tautz, "sticht aber deutlich aus dem übrigen Schwingungsrauschen im Bienenstock hervor" - gerade so wie die blinkende Leuchtreklame. Andere Bienen werden so angelockt. Die speziellen Zellen befinden sich vor allem in den rund zehn Quadratzentimeter großen Wabenflächen im Bienenstock, auf denen Informationen über Futterquellen ausgetauscht werden. Sie sind maximal sieben Zelldurchmesser - rund 35 Millimeter - voneinander entfernt. Das entspricht in etwa der weitesten Distanz, bei der sich eine Biene durch Vibrationen noch anlocken lässt.

Inzwischen haben Ingenieure des California Institute of Technology Interesse an den Ergebnissen der Bienenforscher angemeldet. Sie richten ihr Augenmerk vor allem auf die Bauweise der Wabenstruktur, die Schwingungen je nach Wandbewegung sehr gezielt dämpft oder weiterleitet. Die amerikanischen Forscher vermuten, dass sich die Wabenkonstruktion für den Bau von erdbebensicheren Hochhäusern eignet.

"Die Bienen haben während ihrer 50 Millionen Jahre langen Evolution Entdeckungen gemacht, die der Mensch durchaus als Baukonstrukteur nutzen kann", meint Tautz. "Es ist zum Beispiel denkbar, dass einige Etagen in einem Hochhaus ähnlich wie die speziellen Waben als Schwingungsdämpfer dienen könnten." Derartige Dämpfer ließen sich etwa in ein Stahlgerippe einbauen - gerade im erdbebengefährdeten Kalifornien könnte das von Nutzen sein.

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