H5N1-Ausbreitung Zugvögel geraten stärker unter Verdacht

Die Hinweise verdichten sich, dass Zugvögel das Vogelgrippe-Virus nach Europa eingeschleppt haben. Zwei Entenarten stehen unter besonderem Verdacht. Die Langstreckenzugvögel haben ihre Winterquartiere genau dort, wo jetzt die ersten Infektionen aufgetreten sind.


Die Debatte um die möglichen Verbreitungswege von H5N1 reißt nicht ab. Bislang beruhten viele Argumente auf Spekulationen, gleichzeitig macht die internationale Forschung zum Thema Vogelgrippe immer mehr Fortschritte. In seiner letzten Ausgabe publizierte das Wissenschaftsmagazin "Science" eine Zusammenfassung der neuesten Ergebnisse. Der Artikel gibt den Befürwortern der Zugvögel-Hypothese Aufwind und relativiert gleichzeitig die von Wildgeflügel ausgehende Gefahr.

Verendete Tafelente: Winterquartiere deckungsgleich mit Orten, an denen H5N1 auftrat
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Verendete Tafelente: Winterquartiere deckungsgleich mit Orten, an denen H5N1 auftrat

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist in einem aktuellen Bericht auf neue Erkenntnisse zur Beständigkeit von H5N1 in wilden Wasservögeln hin. Das Virus scheint hier eine ungewöhnliche genetische Stabilität erlangt zu haben. "Diese Beobachtung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus - in seiner hochpathogenen Form - sich an zumindest einige Arten wandernder Wasservögel angepasst hat ... und mit diesen Vögeln entlang ihrer Zugrouten auf die Reise geht.", heißt es im WHO-Bericht. Und dies, ohne den infizierten Tieren erkennbar zu schaden.

Ein entscheidender Schritt bei der Verbreitung des Virus dürfte im Frühling 2005 stattgefunden haben, als am chinesischen Qinghai-See die Seuche ausbrach und mehr als 6.000 Wasservögel verendeten. Überlebende, resistente Tiere kämen als Vektoren für die Verbreitung in Frage. Für diese Theorie spricht, dass die Viren, welche die jüngsten Ausbrüche der Vogelgrippe zum Beispiel in Westsibirien, Nigeria und der Türkei verursachten, praktisch identisch waren mit der am Qinghai-See gefundene H5N1-Variante.

Erreger in gesunden Tieren nachgewiesen

Über die genetische Entwicklung des H5N1-Virus informierte ein internationales Wissenschaftlerteam Ende Februar in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences". Bei Tieren aus der chinesischen Provinz Jiangxi gelang den Forschern auch der erste direkte Nachweis des Virus in gesunden, wandernden Wildenten. Die These, infizierte Vögel seien zu krank, um den Erreger über relevante Entfernungen transportieren zu können, wurde dadurch widerlegt.

Gleichzeitig wiesen die Experten darauf hin, dass H5N1 in südchinesischem Hausgeflügel bereits seit zehn Jahren endemisch zu sein scheint. Mit anderen Worten: Das Virus lebt wahrscheinlich schon längere Zeit im Federvieh unter menschlicher Obhut und hat erst vor kurzem Wildvögel in größerer Zahl befallen - siehe Quinghai-See.

Interessanterweise zeigt das in Hausgeflügel auftretende H5N1 auch eine größere genetische Variabilität. Die Wissenschaftler sehen die Gefahr einer weltweiten Epidemie unter Menschen am ehesten von der südostasiatischen Geflügelwirtschaft ausgehen, denn hier kommen regional unterschiedliche Untervarianten des Virus ständig in Kontakt mit dem Homo sapiens.

Was die Ausbreitung der Vogelgrippe in freier Natur betrifft, zeichnet sich langsam ein klareres Bild ab. Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie hält es für "sehr wahrscheinlich, dass Wildvögel an der Verbreitung von H5N1 beteiligt sind".

Obwohl noch längst nicht alle Fragen geklärt sind, lässt sich für die Verbreitung des Virus von Westsibirien nach Europa doch eine durchaus plausible These aufstellen. In deren Mittelpunkt stehen zwei Entenarten: Die Tafelente (Aythya ferina) und die nah verwandte Reiherente (Aythya fuligula).

Vor allem die Tafelente ist als Langstrecken-Zugvogel bekannt, die unter anderem in Westsibirien brütet und in großer Zahl in Europa, aber auch in der Türkei, überwintert. Ihre Winterquartiere sind erstaunlich deckungsgleich mit Orten, an denen bislang H5N1-infizierte Vögel gefunden wurden. Das gilt nicht nur für die Ostseeküste und den Bodensee, sondern auch für den französischen Landstrich Dombes. Dort suchte das Virus einen Putenmastbetrieb heim. Der Mannheimer Hafen ist ebenfalls ein bei Tafel- und Reiherenten beliebter Überwinterungsort.

Die Vogelgrippe
Virus
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Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
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Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
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Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Die überdurchschnittlich hohe Sterblichkeit unter Sing- und Höckerschwänen ließe sich durch eine geringere Resistenz dieser Arten gegen das H5N1-Virus erklären. Höckerschwäne sind keine Zugvögel und müssten sich demnach im Winterquartier wie etwa auf Rügen bei Enten angesteckt haben. Letzteres ist deshalb wahrscheinlich, weil schwedische Wissenschaftler enge Kontakte zwischen Schwänen und Enten - auch Tafel- und Reiherenten - bei der gemeinsamen Nahrungssuche beobachtet haben. Eine Infektion wäre so quasi programmiert.

Andererseits muss beachtet werden, dass bei vielen der in Deutschland positiv getesteten Vögel überhaupt nicht klar ist, ob die Vogelgrippe Todesursache war oder die Tiere das Virus nur in sich trugen, ohne erkrankt gewesen zu sein. "In strengen Wintern ist eine natürliche Sterblichkeit von 500 bis 600 Schwänen, alleine auf Rügen, durchaus normal", erklärt Dr. Fiedler.

H5N1 seltener als befürchtet?

H5N1 kann nicht für unbegrenzte Zeit in einem Tier vorhanden bleiben. Deshalb hat sich der Erreger wahrscheinlich stafettenartig nach Westen ausgebreitet. Das Donaudelta, in dem die Krankheit vergangenen Herbst ausbrach, käme als wichtige Zwischenstation in Frage. Ob die Zugvögel in Europa jedoch einen großflächigen Ausbruch der Seuche verursachen können, ist nach wie vor unklar. Wolfgang Fiedler sieht noch Wissenslücken. "Die große Frage bleibt, weshalb wir nur so wenig infizierte Vögel finden.", sagt er.

Doch auch hier bieten die neuesten Forschungsergebnisse eine mögliche Erklärung. Die gesunden chinesischen Wildenten, bei denen eine Infektion mit dem Virus nachgewiesen wurde, stellten lediglich 3,1 Prozent der untersuchten Population dar. Womöglich tritt H5N1 unter Wildvögeln viel seltener auf, als bislang befürchtet wurde. Und damit wären viele Sorgen, die Forscher sich derzeit machen, unbegründet.



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