Christian Stöcker

Morde von Halle Die Terror-Influencer - und wo sie gedeihen

Dass der Mörder von Halle nicht schneller aufgehalten wurde, ist ein Skandal. Seit Jahren überwachen Geheimdienste das Netz im Dienste des Antiterrorkampfes - aber wo schauen sie eigentlich hin?
Einschusslöcher in Synagogentür, Gebetsraum

Einschusslöcher in Synagogentür, Gebetsraum

Foto: Hannibal Hanschke/REUTERS

Die widerwärtigste Passage in dem an Widerwärtigkeit reichen "Manifest", das der Mörder von Halle online hinterlassen hat, bevor er zum Töten loszog, ist die mit den "Achievements". Achievements sind Bonusziele, die man heutzutage in vielen Videospielen erreichen kann, dafür gibt es dann virtuelle Trophäen, man kann sein Videospielerprofil damit schmücken.

Schon in echten Videospielen klingen die Ziele der "Achievements" oft zynisch - "töte soundso viele Spielgegner mit einem Kopfschuss", "töte soundso viele Gegner mit einer bestimmten Waffe". Übertragen in den realen Mordplan eines echten Mörders, abgefasst in einem mittlerweile als charakteristisch zu erkennenden, pseudoironischen Duktus, sind sie ekelerregend, menschenverachtend, zutiefst abstoßend. Glaubt man seiner "Achievements"-Liste, hatte der Täter von Halle unter anderem vor, auch mindestens ein Kind zu töten.

Hier die AfD, dort die internationalen Antiglobalisten

Ebenso charakteristisch wie die Mischung aus Pseudoironie und Hass ist die Melange aus weißem Überlegenheitswahn, rechtsradikalen Verschwörungstheorien, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, verschnitten mit Videospiel-, Manga- und Kinoverweisen, die den Autor als Eingeweihten unter Eingeweihten ausweisen soll. Seht her, internationale Brüder im Geiste, das soll dieser Text - auf Englisch verfasst - sagen: Ich bin genauso abgeklärt, ironisch, kaputt und menschenverachtend wie ihr. Wir gehören zusammen. Der Mörder wollte ein Vorbild sein - oder wenigstens dazugehören.

Zweifellos gibt es einen engen ideologischen Zusammenhang zwischen der AfD, deutschen Nazinetzwerken und dem, was wohl im Kopf des Mörders von Halle vor sich ging. Sein Publikum aber suchte er draußen in der weiten Welt des Internets. Er betrachtete sich als Teil einer Subkultur, "die global ist, obwohl man die Globalisten eigentlich total verabscheut", so hat es Christian Schiffer , Videospieljournalist und Co-Autor eines Buchs über Verschwörungstheoretiker, diese Woche formuliert. Der Täter von Halle glaubte augenscheinlich an die Theorie von der jüdischen Weltverschwörung. Auf die verweisen auch Vertreter der AfD immer wieder, nur ganz verklausuliert, aber für Eingeweihte erkennbar.

Nachschub für die Terror-Influencer

Es gibt keinen simplen Kausalzusammenhang zwischen Videospielkultur und rechtsradikal motiviertem Massenmord. Aber es gibt eine Geschichte der Radikalisierung innerhalb eines kleinen Teils derer, die Videospiele als Teil ihrer eigenen Identität betrachten. Wenn man darüber mit Menschen redet, die sich selbst als Gamer identifizieren, erntet man aber bis heute oft nur wütende Abwehrreflexe. Das muss sich ändern.

Die frauenfeindlichen Hetzer der sogenannten Gamergate-Bewegung  sind noch da, sie halten sich bis heute für ein Bollwerk gegen "politische Korrektheit" und "Social Justice Warriors", sie feiern Donald Trump und können jederzeit einen Online-Mob zusammentrommeln. Die meisten aus dieser Gruppe werden wohl niemals gewalttätig. Aber sie sind Teil einer internationalen Szene, aus der sich die nächsten Nachahmer der Terror-Influencer von heute rekrutieren. Vielleicht setzt beim einen oder anderen ja langsam doch ein Umdenken ein.

Das Versagen der Dienste

Die Tatsache, dass der Mörder von Halle seine Tat offenbar einmal mehr online an einschlägigem, wenn auch ungenanntem Ort ankündigte, ist ein Armutszeugnis für die Sicherheitsbehörden.

8chan etwa, der hässlichste und widerwärtigste Ausläufer der Chan-Kultur, die im Westen mit 4chan begann, war schon diverse Male Schauplatz solcher Ankündigungen. Auch der Täter von Halle scheint dort unterwegs gewesen zu sein. Es gibt einschlägige Messenger-Channels und andere Onlinesammelpunkte der rechtsextremen Internationalen.

Dass dieser virtuelle rechtsterroristische Untergrund existiert, zusammengesetzt aus weißen Männern, die irgendwie wichtig sein wollen, ist längst kein Geheimnis mehr. Bei 8chan haben auch die Mörder von El Paso und Christchurch und noch weitere ihre Taten angekündigt. Wie kann es sein, dass eine internationale Geheimdienst-Community, die doch angeblich vor allem mit dem Kampf gegen den Terror beschäftigt ist, so etwas nicht mitbekommt?

Lange vor den Morden in Halle sagte der ursprüngliche, mittlerweile reumütige Gründer von 8chan, Fredrick Brennan, einem Reporter von "Wired", er hoffe, dass 8chan bald geschlossen werde: "Die Einzigen, die darunter wirklich leiden würden, wären die Massenmörder, die auf 8chan posten wollen, weil sie wissen, dass die Leute dort ihr Zeug archivieren werden." 

Wir leben in einer Welt, in der NSA und Co. Zehntausende Rechner anzapfen, zentrale Knotenpunkte des Netzes besetzt haben. Eine Welt, in der Verschlüsselungen geknackt, Telefone gehackt und sogar kommerziell vertriebene Profi-Router unterwegs mit Hintertüren ausgestattet werden. E-Mail, Messenger, Webtraffic werden überwacht und abgeschöpft. Alles, angeblich, im Dienste des "Kampfes gegen den Terror". Warum es nicht möglich war, von den Milliarden Dollar, die da investiert werden, ein paar aufzuwenden, um lokale Polizeibehörden vor angekündigten Massenmorden, samt Fotos der Tatwaffen, zu warnen, bleibt absolut unverständlich.

Was sich ändern muss, und zwar sofort

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass die Geheimdienste des Westens der gleichen Wahrnehmungsverzerrung unterliegen wie der ehemalige Chef des deutschen Inlandsgeheimdienstes: Sie sehen Terror weiterhin primär dann als ihr Aufgabengebiet, wenn er von Islamisten ausgeht. Tatsächlich gibt es zwischen den "selbst aktivierten" islamistischen Terroristen, die in den vergangenen Jahren in Europa mordeten, und den "selbst aktivierten" Rechtsterroristen von heute gewisse Parallelen. Als Bedrohung scheinen die mordenden Nazis aber noch nicht so recht auf der Antiterroragenda zu stehen. Das muss sich auf der Stelle ändern, auch hierzulande. Zumindest der Generalbundesanwalt scheint das Problem erkannt  zu haben.

Es ist in den vergangenen Jahren viel über Onlineradikalisierung unter islamistischen Terroristen gesprochen worden, aber wenig über den vergleichbaren Prozess, den die Rechtsterroristen von heute durchlaufen. Mehr Überwachung wird solche Taten nicht verhindern können. Aber es ist höchste Zeit, dass die informellen Netzwerke, aus denen die Selbstaktivierer kommen, endlich gründlich durchleuchtet werden. Und auch die Frage zu klären, welche Rolle die Empfehlungssysteme  der großen Onlineplattformen dabei spielen.

Und sei es nur, um das zu erreichen, worum es am Ende gehen muss, und das ist keine Aufgabe für Geheimdienste: zu verstehen, wie Männer auf diesen Pfad des menschenverachtenden, mörderischen Irrsinns gelangen. Damit wir als Gesellschaft endlich Strategien entwickeln können, um dem entgegenzuwirken. Enden wird der Terror erst, wenn niemand mehr Terrorist sein will.