Handel mit irakischen Artefakten Leichtes Spiel für die Antikenmafia

Der Handel mit Altertümern blüht. Doch vor allem Artefakte aus dem Irak sind meist illegaler Herkunft. In den Kriegswirren von 2003 verschwanden Tausende Kunstobjekte, nun werden sie in Deutschland verkauft. Die hiesigen Behörden agieren nur zaghaft.


Als Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) Anfang des Jahres zum Blitzbesuch in den Irak aufbrach, hatte er ein wertvolles Zeugnis irakischer Geschichte im Gepäck. Eine Axt von König Schulgi, der von 2094 bis 2047 vor Christus südlich von Bagdad bis zum Golf von Arabien herrschte. "Göttlicher Schulgi, der starke Mann, König von Ur und König von Sumer und Akkad", steht in Keilschrift auf dem mehr als 4000 Jahre alten Artefakt.

Neben dem historischen Wert hat jene Antiquität eine hohe ideelle Bedeutung für den irakischen Staat, gilt Schulgi doch als einer der Väter des Rechtsstaates. Auch in Deutschland entbehrt der altertümliche Prügel nicht einer gewissen Symbolik. Er war zwar bei einem Kölner Kunsthändler sichergestellt worden, die Staatsanwaltschaft indes stellte die Ermittlungen wegen Hehlerei ein - wegen geringer Schuld.

Kaum ein anderes Land in Europa lässt Händler von Kulturgütern zweifelhaften Ursprungs so ungeschoren wie Deutschland. Einer der höchsten Händlerdichte der Welt für archäologische Kostbarkeiten steht eine Justiz gegenüber, die sich sehr schwer tut, den Hehlern das Handwerk zu legen. "Die Antikenmafia weicht nach Deutschland aus, weil die Verfahren hier meistens eingestellt werden", klagt Michael Müller-Karpe vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz.

Der internationale Kunstmarkt ist voll von Beutestücken aus dem Irak. Als dessen Präsident Nuri al-Maliki Ende Februar das Nationalmuseum in Bagdad wiedereröffnete, fehlten von den rund 15.000 Exponate, die in den Kriegswirren aus dem Museum geraubt wurden, immer noch 9000 Stücke: Ringe, Schrifttafeln und assyrische Reliefs, denen die Diebe einfach den Kopf abschlugen, wenn die Figur zu schwer war.

Solch amtlich registrierte Altertümer machen unterdessen nur einen Teil des Antikenangebots aus dem Zweistromland aus. Wie Heuschrecken fielen Raubgräber nach dem Sturz Saddams über das Land her, das mit seiner 8000 Jahre alten Kultur als Wiege unserer Zivilisation gilt.

"Wie eine Mondlandschaft"

Die Räuber zerhackten historische Siedlungen, deren Ruinen 5000 Jahre nahezu unversehrt im Wüstensand überdauert hatten, um alles aus den Wänden zu brechen, was sich zu Geld machen ließ. "Dort sieht es heute aus wie eine Mondlandschaft", klagt Müller-Karpe. Rund 10.000 Ruinenstätten sind im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris offiziell registriert, die Zahl der illegalen Löcher geht in die Millionen. Ein Alptraum für Archäologen.

Dass 6000 Exponate ihren Weg zurück ins Zweistromland fanden, liegt im Wesentlichen an Interpol, die internationale Polizeiorganisation in Lyon, die gleich nach Saddams Sturz eine Sondereinheit zur Fahndung nach Beutekunst aus dem Irak gründete. 2300 antike Stücke stehen derzeit auf der Fahndungsliste, immer wieder tauchen irgendwo in der Welt gesuchte Stücke auf, zuletzt drei antike Keilschrifttafeln im peruanischen Lima. "Stücke aus Raubgrabungen aber sind weder registriert noch fotografiert. Das macht die Identifizierung schwierig", sagt Karl-Heinz Kind, Leiter der Abteilung Kunstdiebstahl bei Interpol.

Rund acht Milliarden Dollar werden nach Schätzungen von Unesco und FBI jedes Jahr mit geplündertem Kulturgut umgesetzt. Laut Bundeskriminalamt gelangen immer wieder Exponate ins Land, die "aus dem Irak stammen sollen oder müssen". Deutschland sei aber "überwiegend Transitland".

Rechtlich dürfte es kaum eine Rolle spielen, ob die geraubten Antiken nur in Deutschland gehandelt werden oder hier verbleiben. Zwischen der Bezeichnung Kunsthändler und Hehler ist vielfach nur ein schmaler Grat, den deutsche Richter häufig zugunsten des Kunsthändlers entscheiden.

Einzig einem Sammler aus dem Kreis Wetterau droht derzeit eine Anklage. Der Mann, der sich selbst als Kunstschützer bezeichnet, hatte im Internet etwa zehn antike Tonkegel gekauft, die von irakischen Fundplätzen stammen und möglicherweise von US-amerikanischen oder britischen Soldaten geschmuggelt wurden. Ob sie je zurück in den Irak kommen, ist zweifelhaft.

95 Prozent reichen nicht

"Die Rechtslage in Deutschland ist sehr ungünstig für uns", klagt der Kulturattaché der irakischen Botschaft in Berlin. Die Nachweishürden, gerade bei Stücken aus Raubgrabungen, seien zu hoch. Und die deutschen Kunsthändler verfügten über gewiefte Anwälte. "Gutachten mit einer Herkunftswahrscheinlichkeit von 95 Prozent reichen den Gerichten hier nicht", sagt der Attaché.

Der laxe Umgang mit Beutekunst hat in Deutschland Tradition. Erst im Mai 2007 hat die Bundesregierung die Unesco-Konvention zum Schutz von Kulturgütern ratifiziert - nach 37 Jahren und noch dazu mit Einschränkungen, die unlautere Händler kaum abschrecken. Dass der Handel mit Kunstwerken fragwürdiger Herkunft von deutschen Richtern nicht gestoppt wird, zeigt ein Urteil des Landgerichts München. Es hatte über die Herausgabe eines antiken Reliefs an die Türkei zu entscheiden, das 2005 in München versteigert werden sollte und beschlagnahmt worden war.

Die türkischen Behörden waren der Meinung, dass diese Antike nur illegal außer Landes gebracht worden sein konnte und deshalb an den türkischen Staat zurückzugeben sei. Die Richter indes vertraten die Auffassung, es müsse dem Besitzer den illegalen Erwerb nachweisen, was schlechterdings unmöglich sei, da das Objekt ja schon in grauer Vorzeit nach Deutschland gelangt sein könnte. Die Richter stellten fest, dass bei einer "Güterabwägung zwischen dem berechtigten Interesse der Republik Türkei an dem Erhalt ihres Kulturgutes und dem Recht der Gewahrsamsinhaber an der Verwertung ihrer Gegenstände letzteren Interessen den Vorzug zu geben ist".

Archäologe als Hehler?

Solche Urteile stärken die Antikenmafia. Dabei gelten Altertümer fast überall auf der Welt als Eigentum des Staates, aus dem sie stammen. Auch in Deutschland gehen archäologische Funde in fast allen Bundesländern (13 von 16) mit ihrer Entdeckung automatisch in Staatseigentum über.

Derzeit kocht der Fall eines rund 4500 Jahre alten, goldenen Gefäßes hoch, das der Zoll bei einem Münchner Auktionator beschlagnahmt hat. Die verfügbaren Indizien sprächen für eine Herkunft aus dem Irak, schreibt der Mainzer Wissenschaftler Müller-Karpe in einem Gutachten für das Finanzgericht München. Zweifel seien nahezu ausgeschlossen. Das genügt den deutschen Behörden aber offenbar nicht: Sollte nicht hundertprozentig nachgewiesen werden, dass der Becher aus dem Irak stammt, müsse der Zoll das Stück an den Händler herausrücken.

Noch bevor das Gutachten vorlag, entschied das Gericht, das Gefäß herauszugeben. Die irakische Botschaft hat Müller-Karpe nun aufgefordert, dies auf keinen Fall zu tun. Ansonsten werde er im Irak der Beihilfe zur Hehlerei beschuldigt. Der Wissenschaftler könnte dann nie wieder in das Land fahren, wo er sein Leben lang archäologisch gearbeitet und seinen Ruf begründet hat.

Zumindest im Fall der Schulgi-Axt im Gepäck von Steinmeier stand die Herkunft wegen der Inschrift zweifelsfrei fest. Gleichwohl bedurfte es der Intervention des Auswärtigen Amts und des Wohlwollens der Kölner Staatsanwaltschaft, dass sie zurück in die Heimat kam. "Die Rechtslage ist nicht eindeutig. Wir hätten die Axt asservieren können, haben uns aber entschieden, sie dem Auswärtigen Amt zu übergeben", sagte der Kölner Staatsanwalt Tino Seesko. Es ist bislang das einzige Stück, das von Deutschland an den Irak zurückgegeben wurde.



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