Heilung durch Aktivität Das Wundermittel namens Bewegung

Körperliche Aktivität erweist sich zunehmend als wirksame Therapie - erstmals gibt es sie jetzt auf Krankenschein. SPIEGEL-Autor Jörg Blech beschreibt in seinem Buch über "Bewegung - Die Kraft, die Krankheiten besiegt und das Leben verlängert", wie sanfter Sport gegen viele Leiden wirkt.

Durch Enthaltsamkeit und Ruhe werden viele Krankheiten geheilt, befand Hippokrates vor mehr als 2000 Jahren. Doch zunehmend wird der Lehrsatz des Arztes aus der griechischen Antike in Frage gestellt: In Wien beispielsweise gibt es für Patienten nicht länger Schonung, sondern von sofort an Bewegung auf Krankenschein. 30 Ärzte in den Stadtbezirken 10 und 15 beginnen jetzt damit, Menschen, die unter erhöhtem Blutdruck oder beginnendem Diabetes leiden, körperliche Ertüchtigung wie ein Medikament zu verordnen; die Kosten für die jeweiligen Bewegungskurse wird die Wiener Gebietskrankenkasse zahlen.

In Hamburg laufen Vorbereitungen, am dortigen Universitätsklinikum Anfang des Jahres erstmals eine Praxis für Bewegungsmedizin für Menschen mit Herzleiden, Stoffwechselstörungen oder neurologischen Erkrankungen zu eröffnen - eine Premiere, da die Praxis auch Mitgliedern der gesetzlichen Krankenkassen Hilfe bieten wird. "Wir möchten die breite Bevölkerung mit dem Medikament Bewegung behandeln", sagt der beteiligte Arzt Marc Ziegler.

Die Initiativen in Österreich und Deutschland - die weltweit ersten ihrer Art - stehen für ein grundsätzliches Umdenken in der Medizin. Anders als bisher angenommen, taugt körperliche Aktivität keineswegs nur zur Vorbeugung. Vielmehr hilft sie Menschen gerade dann, wenn diese längst krank sind, ihr Leiden zurückzudrängen und zu besiegen. Sanfter Sport kann heilsame Prozesse im Körper anstoßen, Krankheitsverläufe regelrecht umkehren und wie Balsam für die Psyche wirken.

Hirnforscher revidieren alte Lehrmeinungen

Dabei war in den Lehrbüchern der Neurologie die meiste Zeit zu lesen, Muskelarbeit könne das Gehirn in keiner Weise beeinflussen. Ein ominöses "Automatiezentrum" würde Durchblutung und Stoffwechsel des Denkorgans immerfort konstant halten, ganz gleich, ob der dazugehörende Leib gerade eine Steilwand erklimmt oder im Schatten eines Obstbaumes döst. Überdies galt der Lehrsatz, das Gehirn eines Erwachsenen könne sich nicht verjüngen: Weil nach der Geburt keine neuen Nervenzellen mehr wüchsen, seien Stillstand und Niedergang sein Schicksal.

Nun revidieren Hirnforscher dieses Urteil: Es ist auch der Körper, der sich den Geist baut. Wer seine Muskeln trainiert, flutet seine grauen Zellen geradezu mit frischen Nähr- und Wuchsstoffen. Dadurch entstehen neue Nervenzellen. Diese Neulinge sind leicht erregbar und besonders lernfähig. Sie sterben allerdings nach einigen Wochen wieder ab, wenn man sie nicht benutzt. "Körperliche Aktivität ist für die Bildung neuer Nervenzellen notwendig", erklärt Josef Bischofberger vom Institut für Physiologie der Universität Freiburg. "Geistige Aktivität ist wichtig für das Überleben dieser Zellen." Denn durch diese Beanspruchung fügen die Neuronen sich dauerhaft in das Denkorgan und erhöhen offenbar dessen Vermögen, Neues zu lernen.

Die ermutigenden Erkenntnisse werden bekannt, weil Ärzte zunehmend dazu übergehen, den Einfluss von körperlicher Bewegung in Studien zu messen und ihren Nutzen zu bewerten. Das häufige Ergebnis: Moderates Training ist als eigenständiges Heilmittel anzusehen, das man wie ein Medikament dosieren kann. Ein Wendepunkt der Heilkunde sei erreicht, konstatieren Mediziner der Universität Kopenhagen: Das Wissen um den Segen der Bewegung "ist jetzt so umfangreich, dass dieses angewendet werden muss".

Paradigmenwechsel: Von Schonung zu Aktivität

Der Paradigmenwechsel von Schonung zu Aktivität betrifft gerade die großen Volkskrankheiten: Osteoporose, Depression, rheumatischer Gelenkverschleiß, chronische Rückenschmerzen oder etwa Zuckerkrankheit (Typ-2-Diabetes) – sie alle lassen sich durch Bewegung zurückdrängen und mitunter sogar besiegen. Zappeligen Schulkindern wird körperliche Ertüchtigung verschrieben, anstatt ihnen, wie bisher, zum Pausenbrot Psychopillen zu reichen. Potenzmittel kann man getrost durch moderate Bewegung ersetzen.

Eine Langzeituntersuchung an mehr als 1000 Testpersonen hat ergeben: Das einzige Verhalten, das impotenten Männern aufhilft, ist regelmäßige körperliche Aktivität. Deutlich feststellbar ist auch der gute Effekt aufs Herz. Wer seinen Kalorienverbrauch erhöht, der senkt die Wahrscheinlichkeit, dass seine Herzkranzgefäße verkalken. Der Kardiologe Rainer Hambrecht vom Herzzentrum Bremen studiert das Phänomen auf der Ebene der Zellen. "Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit", erklärt er, "können ihre Lebenserwartung erhöhen, wenn sie beginnen, Sport zu treiben."

Der einsetzende Bewusstseinswandel ist auch am Programm des 40. Deutschen Sportärztekongresses in Köln abzulesen. Ab dem heutigen Donnerstag diskutieren 800 Referenten, darunter führende Vertreter ihres Fachs, über Themen wie Training bei Herzinsuffizienz, Sport in der Tumortherapie und Sport auf Rezept.

Niemand stellt die leichtsinnige Behauptung auf, man könne Krankheiten in jedem Fall davonlaufen. Die sympathische Norwegerin Grete Waitz hat neunmal den New-York-Marathon gewonnen und kämpft seit kurzem gegen ein Tumorleiden. Ihre Geschichte macht deutlich, dass bei bestimmten Erkrankungen leider auch das Schicksal eine Rolle spielt. Krankheitsverläufe können nicht nur durch Verhalten und Gene beeinflusst werden, sondern auch durch bloßen Zufall.

Aktiv ins hohe Alter - wie sich die Lebenserwartung durch Bewegung systematisch steigern lässt

Zugleich ist aber völlig unstrittig, dass sich die Aussicht auf viele gesunde Jahrzehnte durch ein aktives Leben systematisch erhöhen lässt. Viele epidemiologische Studien verweisen auf immer einen Faktor: Tägliche körperliche Aktivität ist verbunden mit einem verringerten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Gedächtnisschwund, Depression, Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit - und sie verlängert das Leben. Das Risiko für Brust- und Darmkrebs wird ebenfalls gesenkt.

Kürzlich haben kanadische Ärzte gemeldet, Bewegung sei noch stärker und wirkmächtiger als bisher angenommen. Aktuelle Untersuchungen haben eine "sogar noch größere Risikoverringerung für die allgemeine Sterblichkeit sowie für Tod durch Herz- und Gefäßkrankheiten ergeben. Fit oder aktiv zu sein war beispielsweise mit einer Risikoverminderung von mehr als 50 Prozent verknüpft".

Die Formel bezieht sich nicht nur auf Sport, bei dem es um Höchstleistungen, um Gewinnen und Verlieren geht. Vielmehr gilt sie für jede Bewegung, die wir durch die Arbeit unserer Muskeln hervorbringen. Dazu zählt schon moderates Tun wie Wandern und Aktivitäten des Alltags wie Treppensteigen, Gehen, Radfahren, Unkraut jäten oder der Hausputz. Gerade diese Art von Gesundheitssport hält jung und verlängert das Leben: Wer jeden Tag 1,6 Kilometer weniger zu Fuß geht als der fidele Nachbar, der wird, statistisch gesehen, sieben Jahre früher sterben.

Während ein Teil der Ärzteschaft nun eine Ära der "schonungslosen Medizin" für geboten hält, begegnen etliche Mediziner der Bewegung noch mit Skepsis, wie die Ärztin Annette Becker mit Befremden zur Kenntnis nimmt. Inzwischen gebe es doch "höchste Evidenz für die Effektivität von Bewegung in der Prävention und Behandlung chronischer Krankheiten beziehungsweise für die Unwirksamkeit oder sogar negativen Folgen von Bettruhe", sagt die Allgemeinmedizinerin von der Universität Marburg. "Trotzdem raten viele Ärzte ihren Patienten vielfach noch zur Einhaltung von längerer Bettruhe, was – wie in der Behandlung chronischer Schmerzen – die Prognose der Patienten verschlechtern kann."

Viele Mediziner tun sich schwer mit neuen Erkenntnissen

Patienten in den Krankenhäusern würden viel zu oft ins Bett gelegt und "erleiden so durch Inaktivität iatrogene (ärztlich verursachte) Nachteile oder auch Schäden", sagt der Remscheider Medizinprofessor und Sportärztepräsident Herbert Löllgen jetzt anlässlich des Kölner Sportärztekongresses. Kaum besser sehe es beim Hausarzt aus, fährt Löllgen fort: "Auch im niedergelassenen Bereich wird noch zu oft Ruhe und Schonung verordnet, wo Bewegung und Aktivität vonnöten wäre."

Viele Ärzte, die heute große Praxen betreiben oder Abteilungen in Krankenhäusern leiten, haben die Lehrbücher zu einer Zeit gepaukt, in der ein Herzinfarktpatient noch vier bis sechs Wochen absolute Bettruhe verordnet bekam. Damit die kranken Menschen stillhielten, wurden manche von ihnen an Armen und Beinen festgewickelt. Einige Mediziner vertraten die Ansicht, unsere Herzen verfügten nur über eine begrenzte Zahl von Schlägen, nach dem Motto: Verbrauche diese Schläge, indem du dein Herz durch Bewegung hetzt, und du verkürzt deine Lebensdauer.

Der US-Historiker Thomas Kuhn hat dargelegt, warum es neue Erkenntnisse in der Wissenschaft immer so schwer haben, die alten Vorstellungen zu verdrängen. Fundamentale Neuerungen werden zunächst unterdrückt, da sie das bisherige Tun der Forscher untergraben und als falsch oder gar töricht entlarven. Während die einen Gelehrten zu der neuen Lehrmeinung überlaufen, halten die meisten trotzig an der überkommenen Sicht fest.

Erste Generation mit zu wenig statt zu viel Betätigung

Bezogen auf Training und Bewegung ist dieser Wendepunkt noch nicht überschritten, urteilt der Hamburger Arzt Rüdiger Reer: Der "Paradigmenwechsel ist im Fluss, konnte jedoch innerhalb dieser kurzen Zeitspanne noch nicht realisiert werden". Und es gibt Anzeichen dafür, dass der Umbruch noch dauern könnte. Ein Medizinstudium dauert viele Jahre, doch nur wenige Stunden davon sind für die Lehre darüber reserviert, wie regelmäßige Aktivität, Fitness und Krankheit eigentlich zusammenhängen.

Aber es sind nicht nur medizinische Profis, denen die Heilkraft der Bewegung verborgen bleibt. Es sind auch wir medizinischen Laien, die ihren Segen verkennen. Noch zu den Kindertagen unserer Großeltern war es in den Industriestaaten so, dass die meisten Menschen ihr Lebenspotential niemals ausschöpfen konnten, weil die körperliche Arbeit in Haushalt und Fabrik so hart war.

Ihre Enkelkinder bilden in den Industrieländern nun Gesellschaften, die durchweg als sesshaft zu bezeichnen sind. Ihre Mitglieder gehören zur ersten Menschengeneration, die einer gegenläufigen Herausforderung gegenübersteht: Der Mensch kann auch früh vergreisen und vor der Zeit sterben, wenn er zu wenig Bewegung bekommt.