Heißes Höschen Schneller kraulen mit dem Wunder-Schwimmdress

Ist es überlegene Technik, ist es Aberglaube? Der superleichte Hightech-Schwimmanzug eines britischen Herstellers sorgt für Furore unter Profi-Sportlern. Wirklich erklären lässt sich die Magie des Wassertextils nicht - doch seine Kunden haben schon mehr als 40 Weltrekorde aufgestellt.

Model im Anzug "Speedo LZR Racer": "Wie eine Rakete"
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Model im Anzug "Speedo LZR Racer": "Wie eine Rakete"

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Es war wie ein Eingeständnis des Scheiterns. Vor wenigen Tagen erlaubte der US-Sportartikelhersteller Nike Schwimmern bei den Olympischen Spielen, die bei ihm unter Vertrag stehen, auf ein Produkt der britischen Konkurrenz zu setzen. Nike-Sprecher Dean Stoyer sagte, Athleten dürften auf Wunsch den Schwimmanzug "Speedo LZR Racer" tragen. "Es ist der größte Moment in ihrem Leben." Da wolle man die Sportler nicht daran hindern, die beste Leistung zu bringen.

Dafür scheint es auf den ersten Blick derzeit nur eine mögliche Ausstattung zu geben: Seit seiner Vorstellung im Februar hat der gut 200 Gramm leichte Speedo-Anzug die internationale Schwimmszene gehörig durcheinandergewirbelt. Weit über 40 Weltrekorde sind inzwischen von Sportlern aufgestellt worden, die das scheinbar magische Kleidungsstück am Körper trugen. Beinahe schon legendär das Lob des Amerikaners Michael Phelps: "Wenn ich ins Wasser eintauche, fühle ich mich wie eine Rakete."

Nichts hatte Speedo dem Zufall überlassen, der Anzug wurde zeitgleich in New York, London, Sydney und Tokio vorgestellt. Die vorangegangenen Entwicklungsarbeiten waren ein Megaprojekt: Ein halbes Dutzend Forschergruppen auf drei Kontinenten hatte an den Spitzen-Höschen getüftelt. Zunächst ließ die Firma 400 Top-Schwimmer weltweit dreidimensional vermessen, um die Geometrie des neuen Produkts festzulegen. Anschließend experimentierten die Forscher mit hundert verschiedenen Kombinationen von Materialien und Designs.

Dann zündeten die Briten ein wahres Hightech-Feuerwerk. Strömungsanalysen im Kanal sollten besonders vielversprechende Materialien ausfindig machen. Sogar Windkanaltests bei der Nasa wurden durchgeführt. Mathematiker wie Herve Morvan im britischen Nottingham, Fachgebiet numerische Strömungsmechanik, fahndeten in Computersimulationen nach den Stellen des Sportlerkörpers, an denen das Wasser beim Schwimmen besonders stark zerrt.

Der Widerstand beim Schwimmen kann bei Top-Athleten so groß werden, dass man es sich nur schwer vorstellen kann. Nach Angaben australischer Forscher liegt er in Rennen mit Weltrekordgeschwindigkeit bei 11 bis 12 Kilogramm pro Schwimmer. Das sei etwa mit den Kräften vergleichbar, die man spüre, wenn man seinen Kopf bei 145 Kilometern pro Stunde aus dem Autofenster halte.

Schon seit Jahren arbeiten Forscher mittlerweile daran, den Widerstand im Becken zu minimieren. Ganzkörperanzüge, wie sie mittlerweile die meisten Hochleistungssportler tragen, gibt es seit Mitte der neunziger Jahre. Vor rund zehn Jahren wurden außerdem die ersten Modelle mit einer speziellen, mit feinen Rippen versehenen Oberflächenstruktur entwickelt, die der Haut eines Hais nachempfunden ist. Durch den sogenannten Riblet-Effekt wird der Widerstand weiter minimiert. Knut Braun, Bioniker von der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, hat den Hai-Anzug vor einigen Jahren getestet, war von den Ergebnissen allerdings enttäuscht. "Das war nicht so dramatisch", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Ergebnisse seien nicht eindeutig positiv gewesen.

Die vermeintliche Magie des neuen Speedo-Anzugs, der - glaubt man den Werbebotschaften - fünf bis zehn Prozent weniger Wasserwiderstand und vier Prozent schnellere Starts verspricht, lässt sich nur schwer erklären. Gefertigt ist der "Speedo LZR Racer" aus einem speziellen Nylon-Lycra Material, das mit Hilfe von Ultraschall verschweißt wurde. Eine Art Stützkorsett bringt den Körper in Form, macht die Muskeln härter und stabiler. Selbst die Körper der sehnigen Sportler werden durch das Kleidungsstück noch einmal merklich komprimiert - Presswurstlook inklusive.

Möglicherweise könnte der Anzug betrügerischen Schwimmern auch dabei helfen, Doping zu verschleiern. Diesen Verdacht äußerte jedenfalls der US-Schwimmer Gary Hall. "Ich glaube, dass all das Lob über den neuen Schwimmanzug auch von dopinginduzierten Effekten ablenken soll und wird. Leistungssteigerungen werden allein dem Anzug zugeschrieben und nicht weiter hinterfragt." Diese Situation habe es im Jahr 1976 schon einmal gegeben, damals hätten die DDR-Schwimmerinnen zahllose Medaillen eingeheimst - und auch das mit neuen Anzügen begründet. Stattdessen sei aber Doping im Spiel gewesen.

"Unser Produkt ist in jedem Fall wettbewerbstauglich"

Deutsche Schwimmer sind, was Camouflage dieser Art angeht, in jedem Fall unverdächtig. Die Olympioniken des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) treten in Peking allesamt in Anzügen von Adidas an, weil der Verband einen entsprechenden Exklusivvertrag unterschrieben hat. Selbst Schwimmer, die normalerweise Verträge mit Speedo haben, springen in Peking mit Bademode aus Bayern, dem "Techfit Powerwebsuit" ins Becken.

"Unser Produkt ist in jedem Fall wettbewerbstauglich", versichert Adidas-Sprecher Oliver Brüggen auf SPIEGEL ONLINE. Tatsächlich dürfte Herstellern und Funktionären gleichermaßen ein Stein vom Herzen gefallen sein, als die Schwimmer Helge Meeuw und Paul Biedermann im Frühjahr fabelhafte Zeiten ganz ohne britisches Leibchen hinlegten - und als Britta Steffen im Juli in Magdeburg über 100 Meter Freistil einen Europarekord holte.

Wie Speedo hat auch Adidas seinem Anzug eine Art Stützkorsett verpasst. Bänder aus Thermo-Poly-Urethan (TPU) sollen die Schwimmermuskeln zusammenpressen und gleichzeitig wie ein Federsystem wirken. Auch die Oberfläche des Beckendresses sei besonders widerstandsarm, jubiliert man bei Adidas. Die Werbeschlagworte ähneln also denen der Konkurrenz.

Schwimmleistungsdiagnostiker bezweifeln ohnehin, dass zwischen den Spitzenmodellen der großen Sportartikelhersteller ein allzu großer Unterschied besteht. Bei den entscheidenden Punkten Kompression, Körperspannung und Oberflächenwiderstand gebe es kaum einen messbaren Unterschied, heißt es.

Der Speedo-Anzug beschleunigt also offenbar nicht zuletzt im Kopf. Und für die Weltrekordflut der Speedo-Schwimmer gibt es möglicherweise eine einfache alternative Erklärung: "Die Leute sind topfit zum aktuellen Zeitpunkt", sagt der Hamburger Sportmediziner Klaus-Michael Braumann auf SPIEGEL ONLINE. Die Spitzenleistungen könnten zu einem wesentlichen Teil von der guten Form in der Olympiasaison abhängen und weniger vom Material. "Der Anzug dürfte nur eine kleinere Rolle spielen", sagt auch Bioniker Braun.

Trotzdem war die Nike-Entscheidung, den gerade einmal vier betroffenen Schwimmern in Peking die Nutzung des Konkurrenzprodukts zu erlauben, vielleicht doch ziemlich clever. So kann die Sportartikelfirma im Idealfall nach den Spielen mit Olympiasiegern werben. Auf den Werbefotos werden sie jedenfalls wieder einen Nike-Anzug tragen.

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