Helft "Mir" Denkmal im All

Wenn die "Mir" im Februar 2001 ins Meer stürzt, reißt sie nicht nur 130 Tonnen Stahl, sondern auch die Träume ihrer Liebhaber mit sich. Mit der Erhaltung des Kult(ur)-Objekts, glaubt Ralf Heckel vom Verein "Helft Mir", der Menschheit einen unerlässlichen Dienst zu erweisen.

Von Henryk Frackowiak


Raumstation Mir, "friedlich" durch das Weltall schwebend
DPA

Raumstation Mir, "friedlich" durch das Weltall schwebend

Nun ist es amtlich: Russland will die Raumstation "Mir" am 27. oder 28. Februar nächsten Jahres über dem Pazifik abstürzen lassen, fast zeitgleich mit ihrem 15 Geburtstag. 100 Kosmonauten aus elf Nationen haben sie besucht, alle gültigen Langzeitrekorde für Weltraumflüge wurden in ihr aufgestellt. Ursprünglich sollte sie nur sieben Jahre im All bleiben und dann durch die "Mir-2" ersetzt werden. Deren Bau wurde jedoch wegen Geldmagels eingestellt.

Weil das Geld für den Weiterbetrieb, der allein 400 Millionen Mark pro Jahr kostet, fehlt, soll die Station in der Erdatmosphäre verglühen und ihre Überbleibsel vor Australien im Ozean versinken. Experten rechnen jedoch damit, dass Bruchstücke auch auf das Festland stürzen könnten. Davor könnte die Erde verschont bleiben, wenn Ralf Heckel sein Ziel, die "Mir" unter Denkmalschutz zu stellen, erreicht. Der 31-Jährige gründete unlängst den Verein "Helft Mir" und zeigt in der Rostocker Neptunwerft Kopien und Modelle verschiedener Raumfahrzeuge.

Um die russische Raumfahrtbehörde von einer Umkehr zu überzeugen, braucht der Denkmalschützer 40 Millionen Mark. 30.000 Mark hat er schon gesammelt, doch die Zeit arbeitet gegen ihn. Ein paar Minuten für ein Gespräch waren trotzdem drin.

SPIEGEL ONLINE: Die Nachrichtenagenturen meldeten es: Russland will sich von der Raumstation "Mir" jetzt endgültig verabschieden. Wie haben sie reagiert?

Ralf Heckel: Ich habe erst einmal ein paar Faxe Richtung "Itar-tass" und "Prawda" geschickt.

SPIEGEL ONLINE: Was stand in den Faxen?

Heckel: 'Stop, hier in Rostock gibt es ein Engagement'. Wir haben innerhalb von drei Wochen 3000 bekennende Mitglieder für den Verein "Helft Mir" gewonnen, die ihre Sympathie mit der Rettungsaktion dadurch bekunden, dass sie einen monatlichen Beitrag leisten. Die Rechnung ist einfach: Um die Station drei Jahre im Orbit zu halten, werden 40 Millionen Mark benötigt. Wenn es drauf ankommt, wird der Betrag durch die Anzahl der Mitglieder geteilt. In drei Jahren hätten wir, wenn es so weitergeht, dann 108.000 Mitglieder. Der Monatsbeitrag würde sich dann auf 10,28 Mark belaufen. Damit könnte die "Mir" denkmalgeschützt im Orbit verbleiben.

SPIEGEL ONLINE: Denkmalgeschützt?

Heckel: Ja, wir haben die "Mir" heute unter Denkmalschutz gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen sie uns erklären!

Heckel: In unserer Vereinssatzung sind drei Punkte festgehalten. Erstens die Rettung der Raumstation "Mir", zweitens der orbitale Denkmalschutz und drittens die touristische Weltraumfahrt. Der Begriff orbitaler Denkmalschutz ist damit das erste Mal weltweit juristisch niedergeschrieben worden. Dadurch können wir uns auch das Recht herausnehmen, ihn durchzusetzen. Das russische Mondfahrzeug "Lunochod", das heute 30 Jahre alt wird, haben wir ebenfalls unter Denkmalschutz gestellt, den wir natürlich auch garantieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gehen?

Heckel: Indem wir garantieren, dass niemand da hoch fliegt und ohne unser Wissen das Fahrzeug anfasst.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zur "Mir". Wie wollen sie da ihre Vereinsziele durchsetzen?

Heckel: Wir werden den Leuten in Moskau das Vertrauen geben, dass es gewaltige Sympathien für die Raumstation gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Geld haben sie bisher gesammelt?

Heckel: Wir haben 3000 Mitglieder, jedes Mitglied hat zehn Mark gespendet, wir haben also insgesamt 30.000 Mark.

SPIEGEL ONLINE: Und sie hoffen tatsächlich, die Summe von 40 Millionen noch zusammen zu bekommen?

Ralf Heckel in einem Trainingsmodul der Weltraumstation "Mir"
DPA

Ralf Heckel in einem Trainingsmodul der Weltraumstation "Mir"

Heckel: Nein. Doch die Rechnung geht anders. Zwei "Progress"-Raumschiffe mit Treibstoff haben an der Station angedockt. Der Treibstoff kann dazu verwendet werden, die Station abzubremsen und sie in der Atmosphäre verglühen zu lassen, oder sie für weitere drei Jahre um die Erde kreisen zu lassen. Das ist unsere Chance. In dieser Zeit könnten wir Mitglieder sammeln. Ich denke an 500.000 Mitglieder weltweit.

SPIEGEL ONLINE: Entschieden wird aber schon im Februar?

Heckel: Ich gehe mal davon aus, dass wir unser Ziel nicht erreichen können. Aber dafür haben die Leute, die sich hier engagieren, später ein ruhiges Gewissen, wenn es gilt, unseren Nachkommen zu erklären, das die Chance auf ein orbitales Denkmal vertan wurde.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn sie es schaffen sollten, aus der "Mir" ein Denkmal zu machen, dann könnten doch die Leute die Raumstation letztlich nur auf Bildern und in Filmen sehen.

Heckel: Das ist kein Argument. Denkmalschutz auf der Erde und Denkmalschutz im Weltall sind zwei verschiedene Dinge. Zunächst mal können wir eine Reihe von Kopien, wie zum Beispiel hier in der Neptunweft in Rostock, präsentieren. Und dann denken wir natürlich auch an den Tourismus.

SPIEGEL ONLINE: Aber dazu wird es doch frühestens in zehn bis fünfzehn Jahren kommen.

Heckel: Nein, das wird schon viel eher passieren.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen sie vielleicht schon nächstes Jahr damit?

Heckel: Ärmel hochkrempeln und los. Man kann im nächsten Jahr ohne weiteres die ersten drei Touristen auf der "Mir" haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie soll's gehen und wer soll's bezahlen?

Heckel: Durch Werbeeinnahmen. Schaffen sie vierzig Leute ins Ausbildungszentrum Baikonur. Die werden ein Jahr lang dort ausgebildet, drei Personen bleiben übrig und die fliegen dann hoch. Die Medien übertragen diese Sache weltweit - wie "Big Brother". In 53 Wochen kommt genug Geld durch Werbung zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kaem sie eigentlich auf die Idee mit der "Mir"?

Heckel: In den letzten elf Jahren ist zu viel an Denkwürdigem einfach weggewischt worden, das soll mit der Station nicht passieren. Das geschah alles mit einer gewissen Hektik und dem Ziel, sich des alten Images zu entledigen. Irgendwie hängt das auch damit zusammen, dass auf der Außenhaut der "Mir" die russische Abkürzung CCCP, für Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, steht. Dem will man sich entledigen und das ist falsch. Ich versuche diese Dinge zu retten und mit modernen Ideen, wie dem Weltraumtourismus, zu verbinden.



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