Erziehung Liebe Leserin, lieber Leser,


jede Kindheit hat ihre Regeln, und die wichtigste in meiner lautete: Wenn's dunkel wird, kommst du nach Hause. Ich ging nie davon aus, dass meine Eltern das so bestimmten, weil ihnen die Welt danach wesentlich gefährlicher erschien. Sie sagten nur: "Weil es dann Abendbrot gibt."

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Heft 11/2019
Schicksalsschläge, Niederlagen, Alltagsstress - von der Kunst, wieder aufzustehen

Das war in den späten Achtzigern. Zum Tennis, Klavier oder Judo ging man, wenn man irgendwen kannte, der da auch hinging. Eltern, die einen gebracht oder abgeholt hätten, gab es nicht.

Heute weiß ich: Man hätte mehr aus meiner Kindheit machen können. Mein Klavierspiel ist lausig, Französisch spreche ich schlecht. Aber ich durfte mich seit meinem zwölften Lebensjahr allein mit meinen Freunden durch eine deutsche Großstadt bewegen. Was man da lernt? Jedenfalls nicht den Subjonctif. Doch die Sätze meiner Eltern, jedes Mal, wenn ich zur Tür rausging, weiß ich noch im Schlaf: Bleib bei deinen Freunden. Passt aufeinander auf.

Der in den USA lebende deutsche Ökonom Matthias Doepke hat kürzlich ein Buch darüber geschrieben, wie sich die Erziehungsstile von Eltern weltweit in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben. Er stellt fest, dass in Gesellschaften wie in den Vereinigten Staaten, in denen soziale Ungleichheit zunimmt, mehr Eltern zu einem sogenannten intensiven Erziehungsstil neigen: Sie lassen den schulischen Erfolg ihrer Kinder zum Maß aller Dinge werden.

DPA

Das funktioniert: In Studien und Daten, die Doepke und sein Co-Autor Fabrizio Zilibotti auswerteten, schnitten die Kinder solch ehrgeiziger Mütter und Väter in Schule und Uni besser ab. Eltern in Ländern, in denen der Konkurrenzdruck weniger groß ist, wie in Skandinavien, drängen eher auf Kooperation und das Arbeiten in Teams. Kinder, die so erzogen werden, neigen dazu, ihrerseits auf eine gerechtere Gesellschaft hinzuwirken. Wie wir unsere Kinder erziehen - das formt auch die Welt, in der wir einmal leben werden.

Der US-Entwicklungspsychologe Peter Gray glaubt, dass die Intensivbetreuung auch schlimme Folgen für die Kinder selbst hat: Vor ein paar Wochen wandte er sich an die Generalversammlung des Bundesstaats Connecticut. Gray unterstützt dort einen Gesetzentwurf, der verhindern soll, dass Eltern sich bereits strafbar machen, wenn sie ihre Kinder nur unbeaufsichtigt spielen lassen. In dem Maße, argumentierte Gray, in dem die Möglichkeiten der Kinder zum freien Spiel im Land eingeschränkt worden seien, habe sich auch deren psychische Gesundheit verschlechtert. Die Selbstmordrate bei Schulkindern habe sich seit den Fünfzigerjahren versechsfacht. Kinder hätten heute seltener das Gefühl, Kontrolle über ihr Leben zu haben; sie fühlten sich ihrem Schicksal ausgeliefert. Angststörungen und Depressionen nähmen zu.

Die Frage lautet also, wie Kinder am besten lernen, ihr Leben zu meistern. Wohl nicht, meint Gray, indem Eltern ihnen erzählten, wie das geht. Sondern indem sie ihre Fähigkeiten selbst ausprobierten. Und zwar: ganz allein.

Herzlich,

Ihre Kerstin Kullmann

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Um beim Thema Erziehung zu bleiben: Hier beschreibt die amerikanische Journalistin Pamela Druckerman ihre Sicht auf Helikoptereltern.
  • Und falls Sie noch ein paar Zeilen zum Thema Überbehütung von Kindern vertragen können: Im Blog der amerikanischen Initiative "Let Grow" wird sich unter anderem dafür eingesetzt, dass Kinder mal allein mit dem Fahrrad fahren dürfen.
  • Als Stadtkind hat sie mich nie sonderlich interessiert, aber seit ich mit Freunden im Sommer immer mal wieder auf bayerischen Äckern stehe, um Sterne zu beobachten, weiß ich: Die Lichtverschmutzung kann einen ärgern.
  • Wussten Sie, dass auf Neuseeland im Moment nur 147 Kakapos leben? Die sehr klugen, ein wenig plumpen Vögel brüten dort gerade. Die ersten Küken sind geschlüpft!
  • Sind Sie schon mal mit einer Maschine der "Virgin Atlantic" geflogen? Von nun an werden die Flugbegleiterinnen dort nicht mehr gezwungen, sich zu schminken. Weshalb die Entscheidung überfällig war, beschreibt die britische Journalistin Zoe Williams.
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Quiz

"42: Answer to the Ultimate Question of Life, the Universe, and Everything" (Douglas Adams)
  • Gemüse enthält Nikotin. Wie viel Blumenkohl muss man essen, um den Nikotingehalt einer Zigarette zu erreichen?
  • Welchen Winkel müssen Oberkörper und Oberschenkel einnehmen, damit man die ideale Position des "Fläzens" erreicht?
  • Was für ein Tier ist der nach den Beatles benannte "Greeffiella beatlei"?

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Bild der Woche

Unverwandt starrt der junge Kubaflamingo auf seine Füße; ihn müssen die seltsamen Socken irritieren, die klobig seine Zehen umhüllen. Es sind Wundverbände, die ihm eine Tierärztin auf der karibischen Insel Curaçao verpasste. Weil sich eine Infektion an den Füßen verschlimmerte, war der Vogel aus einem Schutzgebiet auf der Nachbarinsel Bonaire in die Tier-Reha gebracht worden. Dort sollen die eigens angepassten Bandagen die Wundheilung unterstützen. Auf Bonaire liegt einer der wenigen Brutplätze der Flamingos.

Jasper Doest

Fußnote

1700 Wirbeltierarten könnten bis zum Jahr 2070 dem Aussterben sehr viel näher kommen, wenn der Mensch seinen Lebensraum wie erwartet ausweitet. Das errechneten Ökologen der amerikanischen Yale University in einer Modellstudie, die die Lebensräume von fast 20.000 Amphibien-, Vogel- und Säugetierarten weltweit mit den Konsequenzen der zunehmenden Landnutzung abglich: Fast die Hälfte des Habitats der Tiere ginge verloren.


Die SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft


* Quiz-Antworten: 59,5 kg Blumenkohl enthalten 1 mg Nikotin / Oberkörper und Oberschenkel sollten sich in einem Winkel von 127 Grad zueinander befinden. Das ist der Abstand, bei dem laut US-Raumfahrtbehörde Nasa bis zu 60 Prozent unseres Körpergewichts von der Wirbelsäule genommen werden / Ein Fadenwurm

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insgesamt 25 Beiträge
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spadoni 09.03.2019
1. Helikoptereltern
möchten, meistens mit Nachdruck, das bei ihren Kindern durchsetzen was sie selbst nicht erreicht haben. Wie es den Kindern dabei geht ist Ihnen völlig egal, Hauptsache "man" kann in der Gesellschaft damit prahlen, wie toll das Kind doch in der Schule ist, dazu musikalisch auch noch sehr begabt, sowie sportlich auf der Höhe. Diese Kinder können einem echt Leitd tun!!
im_ernst_56 09.03.2019
2.
Die Überbehütung beginnt wohl schon im Kleinkindalter. Mir fallen zunehmend Eltern auf, die ihre Kinder, die längst Laufen können, angeschnallt in Sportkarren herumfahren, die für Beine der Kinder inzwischen viel zu kurz sind. Die Entdeckung der Umwelt beginnt mit der eigenen Bewegungsfähigkeit.
hamish1966 09.03.2019
3. Netzwerker von morgen oder glückliche Teamplayer?
Der Artikel zeigt sehr genau, wie Kinder heute oft vereinzelt werden und unter hohem Erfolgsdruck stehen. Eltern glauben zuweilen, dass sie ihren Kindern einen guten Start ermöglichen, indem sie sie aktuell angesagte Fertigkeiten erlangen lassen. Die Frage ist nur, sind diese Dinge auch noch gefragt, wenn die Kinder erwachsen sind? Kinder ausprobieren lassen, sich selbst einen Platz in ihrer Altersgruppe finden zu lassen, kann ein Kind mit dem Selbstvertrauen ausstatten, die ein Mensch immer brauchen wird. Ich erlebe heute einige Teenager, die absichtlich das Handy nicht aufladen, damit ihre Eltern sie nicht permanent erreichen und damit überwachen können. Das sagt schon etwas aus.
taglöhner 09.03.2019
4. Brutfürsorge
Die Lebenserwartung entscheidet, was sinnvoll ist. Individuell. Schwierig von außen zu entscheiden.
jujo 09.03.2019
5. ...
Die Zeiten haben sich wirklich geändert. Nein, keine Story von früher. Meine Tochter versucht aber dem Trend entgegenzusteuern. Zum Entsetzen anderer Eltern. Ich muß gestehen mir ist manchmal nicht ganz wohl, wenn ich sehe wie locker sie das handhabt. Wir als Großeltern sind da wesentlich ängstlicher. Der Enkelsohn vier Wochen nach der Einschulung, 15 Min. zu Fuß alleine, nach dem ersten Halbjahr eine Woche mit Begleitung danach alleine mit dem Fahrrad. das geht super. Wo? in Berlin! Klassenkameraden mit etwa dem gleichen Schulweg werden nach wie vor gefahren.
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