Strategischer Rohstoff wird knapp Forscher warnen vor weltweiter Heliumkrise

Deutsche Rohstoffexperten befürchten nach SPIEGEL-Informationen Versorgungsprobleme bei dem wichtigen Edelgas Helium. Schuld an dem massiven Angebotsrückgang ist aus ihrer Sicht vor allem ein Staat.
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Wenn es gut läuft, hat man auf der Kirmes damit zu tun - wenn es schlecht läuft, beim Arzt. Die meisten Menschen kennen Helium vor allem als Füllstoff von Luftballons. Und wenn jemand für ein paar Sekunden wie Micky Maus sprechen will. Doch auch in Magnetresonanztomografen (MRT) kommt es beim Kühlen der supraleitenden Magnete zum Einsatz, ebenso in Forschungsanlagen wie dem riesigen Teilchenbeschleuniger LHC in Genf.

Ohne Helium also kein Kernspin nach dem Sportunfall - und kein Higgs-Boson. Auch in Weltraumraketen wird Helium genutzt, um den Druck in den Tanks aufrechtzuerhalten. Auch wer einen Quantencomputer bauen möchte, wird das Gas brauchen. Die Europäische Union stuft Helium nicht zuletzt daher als strategischen Rohstoff ein, die US-Regierung spricht von einem "kritischen Element" . Deutschland ist weltweit der fünftgrößte Abnehmer des Edelgases, ein von dem Unternehmen Air Liquide im nordrhein-westfälischen Gronau betriebener Zwischenspeicher soll Versorgungsprobleme verhindern.

Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) warnen nun aber nach SPIEGEL-Informationen vor einer drohenden Helium-Krise. Das Angebot sei zuletzt weltweit stark zurückgegangen - und so niedrig wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Damit revidiert die Behörde ihre Einschätzung aus dem vergangenen Jahr, als sie die Versorgungslage mit Helium noch als unkritisch eingestuft hatte. Hintergrund für die Neubewertung sind die inzwischen vorliegenden Zahlen für das Jahr 2018.

Helium lässt sich nicht chemisch herstellen

Für die Versorgung der Welt mit Helium sind im Wesentlichen sieben Länder zuständig: Die Produktion in Russland und Polen ist im vergangenen Jahr laut BGR stabil geblieben. In den USA gab es einen leichten Rückgang des Angebots, das hier sowohl aus Neugewinnung und dem kontrollierten Verkauf von strategischen Staatsreserven aus einem Speicher in Texas bestritten wird. Stärkere Rückgänge registrierte man in Algerien, Australien und Kanada. "Die bedeutendsten Veränderungen gab es jedoch bei den Heliumimporten aus Katar", so BGR-Experte Harald Elsner. Ausgerechnet beim nach den USA zweitwichtigsten Hersteller der Welt sei die Produktion im vergangenen Jahr um 27 Prozent eingebrochen.

Das Edelgas Helium lässt sich nicht chemisch aus anderen Stoffen herstellen. Es wird auch - anders als die Edelgase Neon, Argon, Krypton und Xenon - wegen seiner geringen Konzentration nicht aus der Luft gewonnen. Eigentlich ist das Gas zwar nach Wasserstoff das zweithäufigste Element im Universum, es entsteht bei der Kernfusion im Inneren von Sternen wie unserer Sonne in großen Mengen. Auf der Erde wird es aber nur bei über Millionen von Jahren andauernden radioaktiven Zerfallsprozessen im Gestein produziert. So gelangt Helium auch in natürliche Erdgaslagerstätten - und bei deren Förderung kann es dann gewonnen werden.

Für die Herstellung von MRT-Geräten wird Helium verwendet

Für die Herstellung von MRT-Geräten wird Helium verwendet

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Die weltweiten Heliummärkte gelten als sehr intransparent. Warum die Produktion in Katar zuletzt so massiv eingebrochen ist, wissen die BGR-Experten nach eigenem Bekunden auch deswegen nicht so genau. Ein möglicher Grund seien technische Probleme, heißt es.

Einen Zusammenhang mit den 2017 gegen das Land verhängten Handelsbeschränkungen gebe es dagegen nicht. Gas aus Katar werde inzwischen nicht nur direkt aus dem Land verschifft, sondern auch über andere Staaten wie den Oman. Das sei in den aktuellen Zahlen der katarischen Heliumproduktion bereits berücksichtigt. Auch die Exportmenge von Flüssigerdgas, bei dessen Herstellung in Katar das Helium abgetrennt wird, sei nicht zurückgegangen - sondern 2018 sogar gegenüber dem Vorjahr leicht gestiegen.

Dass das weltweite Heliumangebot so gering ist wie seit 2003 nicht mehr, spiegelt sich auch in den Preisen wider: Im Jahr 2017 lag der Durchschnittsimportpreis in Deutschland laut BGR über alle Lieferländer hinweg bei 6,43 Euro pro Kubikmeter. Bis Juni dieses Jahres sei er bereits um 20 Prozent auf 7,73 Euro gestiegen. "Angesichts der Verknappung des Helium-Angebots aus dem Nahen Osten und den zuweilen nicht nachvollziehbaren Preisentwicklungen kann deutschen Verbrauchern von Helium nur geraten werden, die Preise bei verschiedenen Anbietern zu vergleichen", sagt BGR-Mann Elsner.

Eine Entspannung des Marktes durch eine vor einiger Zeit neu entdeckte Lagerstätte in Tansania erwartet der Experte übrigens nicht. Helium werde weltweit nur noch flüssig transportiert. In dem ostafrikanischen Land fehle aber die Infrastruktur zur sehr energieintensiven Verflüssigung ebenso wie die für den weiteren Transport zu den Häfen am indischen Ozean.

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