Wahrsage-Studie Psychologen sehen schwarz fürs Hellsehen

Menschen können die Zukunft voraussehen: Die steile These eines Forschers schaffte es in ein renommiertes Fachblatt. Jetzt haben andere Wissenschaftler eines seiner umstrittenen Experimente wiederholt - mit anderem Ergebnis. Trotzdem hat die PSI-Studie der psychologischen Forschung genutzt.
Was die Karten verraten: Ein handfester Beweis für PSI-Fähigkeiten bleibt bisher aus

Was die Karten verraten: Ein handfester Beweis für PSI-Fähigkeiten bleibt bisher aus

Foto: Waltraud Grubitzsch/ dpa

Mit Astrologie versuchen es Menschen, mit Kaffeesatzlesen und Kartenlegen - und die vieldeutigen Prophezeihungen des Nostradamus kommen wohl nie ganz aus der Mode: Die Vorstellung, die Zukunft vorhersagen zu können, scheint viele zu begeistern. Was wäre, wenn der eine oder andere tatsächlich hellsehen könnte?

Diese These wollte der bekannte US-amerikanische Psychologe Daryl Bem, emeritierter Professor der Cornell University, Anfang 2011 mit einer großen Studie mit mehr als tausend Teilnehmern belegt haben. "Feeling the Future"  hieß seine Veröffentlichung im "Journal of Personality and Social Psychology" - einer renommierten Fachzeitschrift.

Forscherkollegen waren wenig angetan von dem Artikel. Eine Gruppe niederländischer Wissenschaftler etwa kritisierte umgehend statistische Methoden  der Untersuchung. Dennoch fand die Studie weltweiten Anklang in den Medien, auch SPIEGEL ONLINE berichtete.

In der Fachzeitschrift "Plos one"  berichten jetzt drei Psychologen aus Großbritannien, zu welchem Ergebnis sie kamen, als sie einen Versuch der Originalstudie wiederholt hatten - Bem selbst hatte diesen als relativ leicht wiederholbar vorgeschlagen. Stuart Ritchie, Richard Wiseman und Christopher French, die ihre Tests an den Universitäten Edinburgh, Herfortshire und London durchführten, konnten den von Bem postulierten Effekt nicht bestätigen (siehe Kasten unten).

Kein Platz für Wiederholungen

Die neue Studie hat es nicht ins "Journal of Personality and Social Psychology" geschafft. Das Fachblatt lehnte die Veröffentlichung mit der Begründung ab, dass es solche einfachen Wiederholungsexperimente nie publiziere.

Das "British Journal of Psychology" schickte die Arbeit, wie es im sogenannten Peer-Review-Verfahren üblich ist, an zwei Fachleute, die sie beurteilen sollten. Wie Forscher Stuart Ritchie von der University of Edinburgh berichtet, fand der erste den Aufsatz in Ordnung, der zweite jedoch hatte Einwände - es war Daryl Bem. Er meinte, die Wissenschaftler sollten eine weitere Versuchsreihe von jemandem leiten lassen, der an paranormale Fähigkeiten glaube. Als skeptische Forscher hätten sie irgendwie ihre Probanden beeinflusst, schlecht abzuschneiden. "Wir fanden das Argument nicht überzeugend", schreibt Ritchie in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Schließlich nahm "Plos one" den Artikel an.

Ritchie schildert die Schwierigkeiten von Studien, in denen Forscher lediglich die Versuche von Kollegen wiederholen, um diese zu bestätigen oder zu entkräften. "Es ist nicht gerade glamourös und die Fachzeitschriften sind hauptsächlich an neuen Ergebnissen interessiert, die die Forschung vorantreiben." Doch solche Experimente seien wichtig. "Wie können wir unseren Daten ohne unabhängige Wiederholungen trauen?", fragt Ritchie.

Aus diesem Grund hätten die drei Psychologen auch mit den Wiederholungsexperimenten überprüft, ob der von Bem beobachtete Effekt wirklich existiert. "Wenn er das wäre und die Wirkung vor der Ursache eintritt, würde das unser Verständnis der Psychologie - der gesamten Wissenschaft - verändern." Diese weitreichenden Folgen hat die PSI-Studie dann wohl doch nicht.

Aus der Sicht von Stuart Ritchie hatte Bems Veröffentlichung aber einen positiven Effekt: Die Arbeit habe eine Debatte über die von Psychologen verwendeten statistischen Methoden und den Wert unabhängiger Wiederholungsexperimente ausgelöst. "Das war eventuell nicht das, was Bem bezwecken wollte, aber langfristig könnte die ganze Angelegenheit sehr gut für die Forschung sein."

Ein Hinweis auf Präkognition? So lief der Versuch

In Bems Originalstudie und den Wiederholungsexperimenten wurden den Studenten nacheinander 48 Wörter gezeigt. Direkt danach sollten sie innerhalb von fünf Minuten alle Wörter eingeben, an die sie sich erinnerten. Ihr Abschneiden dabei war Basis für das Testergebnis.Anschließend teilte das Computerprogramm die Begriffe in Übungswörter (Ü) und Kontrollwörter (K) ein. Einige Spiele mit den Übungswörtern folgten, so dass sich die Teilnehmer diese also besser einprägen konnten, als die Kontrollwörter.Da dieses Training erst stattfand, nachdem die Probanden alle erinnerten Begriffe notiert hatten, sollte es nach herkömmlichem Verständnis keinen Einfluss auf das Testergebnis haben. Aber Bem wollte ja eine PSI-Fähigkeit nachweisen, nämlich, dass Erinnerungen in beide Richtungen wirkt. Später Geübtes sollte demnach schon vorher besser im Gedächtnis haften.Ausgewertet wurde wie folgt: Zuerst wurde pro Proband die Zahl der erinnerten Kontrollwörter von der der notierten Übungswörter abgezogen. Dies wurde mit der Gesamtzahl der erinnerten Wörter multipliziert. So ergibt sich ein Wert zwischen -576 und +576. Das Ergebnis gab Bem dann als Prozentsatz des Maximalwerts an, die Skala reichte demnach von -100 bis +100. In seinem Experiment mit 50 Teilnehmern kam er auf einen Wert von +4,2.Bei den drei Wiederholungen lagen die Werte bei +0,19, -2,72 und -0,58, im Durchschnitt also bei -1,03.

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