Herodes-Fund Das zerstörte Grab des Bibel-Bösewichts

Es ist einer der wichtigsten archäologischen Funde der vergangenen Jahre: Israelische Archäologen haben das Grab Herodes des Großen gefunden. Experten schwärmen von der Bedeutung der Entdeckung, die bereits zum Politikum zu werden droht.

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35 Jahre lang hat Ehud Netzer an der Bergfestung Herodium gegraben. Jetzt hat der renommierte Archäologe der Hebräischen Universität in Jerusalem sein Lebenswerk offenbar gekrönt: In der Ostflanke des rund 60 Meter hohen Herodium-Hügels hat er die letzte Ruhestätte von Herodes I., dem schillernden Herrscher und biblischen Unhold, gefunden. "Als ich erkannte, dass es sich um das Grab handelt, habe ich großes Glück verspürt", sagte Netzer der britischen BBC. "Jeder interessiert sich für das Heilige Land, und das Grab des Herodes ist ein Teil dieser Geschichte."

Netzer und sein Team stießen im Herodium auf die Fundamente eines Mausoleums und Bruchstücke eines prunkvollen Sarkophags, den die Forscher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Herodes zuordnen - auch wenn sie bisher keine Inschrift gefunden haben, die letzte Gewissheit gäbe.

Unabhängige Experten reagierten entzückt auf die Nachricht aus Israel. "Ein absolut sensationeller Fund", sagte Jürgen Zangenberg von der niederländischen Universität Leiden, Experte für Bestattungen im Palästina der christlichen Zeitenwende. Netzer genieße in der archäologischen Gemeinde einen tadellosen Ruf. Es gebe "kaum eine Alternative" zu der Interpretation, dass es sich bei der Entdeckung tatsächlich um das Grab Herodes I. handele.

Keine letzte Gewissheit: Inschrift fehlt

Auch Stephen Pfann von der University of the Holy Land sprach von einer "bedeutenden Entdeckung". Alles weise darauf hin, dass das Grab Herodes dem Großen zugeordnet werden könne. Allerdings müsse zur vollständigen Verifizierung noch eine Inschrift mit dem Namen des Herrschers in den Ruinen gefunden werden.

Zangenberg widerspricht an dieser Stelle: "Eine Inschrift wäre ein zusätzliches Argument, aber nicht entscheidend." Aus der Zeit des Herodes, der von 40 bis 4 vor Christus über Judäa und Galiläa herrschte, lägen überhaupt nur wenige Inschriften vor. Selbst in der Felsenfestung Masada, die maßgeblich von Herodes ausgebaut wurde, sei sein Name an keinem Bauwerk gefunden worden - obwohl die Festung nahezu vollständig ausgegraben sei. Lediglich auf in Masada gefundenen italienischen Amphoren sei Herodes erwähnt. "Es ist durchaus möglich, dass die Inschriften nur aufgemalt waren, zerstört oder noch nicht gefunden wurden", sagte Zangenberg zu SPIEGEL ONLINE.

Erfolg nach peinlichen Sensationsmeldungen

Ernsthafte Zweifel daran, dass es sich bei dem jetzt entdeckten Grab um das von Herodes handele, seien jedoch kaum angebracht. Und damit ist Netzer gelungen, was vielen seiner Kollegen verwehrt blieb: Der Fund der letzten Ruhestätte einer biblischen Figur.

Auf diesem Feld gab es zuletzt eine Reihe von Übertreibungen und Fehldeutungen, die das Publikum enttäuscht zurückließ. So wollten Forscher im August 2004 die Höhle gefunden haben, in der Johannes der Täufer gewirkt haben soll, was sich jedoch später als kaum haltbar herausstellte. Auch ein Steinkasten, der laut Inschrift die Gebeine von "Jakob, Bruder von Jesus" enthalten haben soll, entpuppte sich zumindest zum Teil als Fälschung. Im Mai 2006 begab sich ProSieben auf die Suche nach nichts Geringerem als dem Heiligen Gral. Der vorläufige Höhepunkt pseudowissenschaftlicher Bibelforschung war die angebliche Entdeckung des "Jesus-Grabs", produziert von "Titanic"-Regisseur James Cameron.

Netzers Entdeckung hebt sich wohltuend von diesen Möchtegern-Sensationen ab: Die wissenschaftliche Seriosität steht kaum in Zweifel, und zudem wurde Herodes' Grab schon seit langem im Herodium vermutet. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus hatte im ersten Jahrhundert nach Christus das Grab und die Begräbnisprozession detailliert beschrieben, aber keine genaue Lage genannt.



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