Hightech-Flieger Pentagon plant neue Hyperschall-Drohne

Es soll sechsmal schneller sein als der Schall und dabei gewagte Manöver vollführen: Das US-Verteidigungsministerium plant ein neues unbemanntes Rekord-Flugzeug. Jetzt hat das Pentagon in einer öffentlichen Ausschreibung definiert, wie der Prototyp ausgestattet sein soll.


Seit Jahrzehnten lässt die US-Regierung an Hyperschall-Flugkörpern forschen. Egal, ob für die Erkundung des Weltraums, als Zukunftstechnik für Passagierflugzeuge, für superschnelle Raketen oder Kampfflugzeuge: Hyperschall-Technologie gilt als das große Ding von morgen - seit sieben Jahrzehnten.

Allein das beweist, wie schwierig es ist, funktionierende Hyperschall-Flugkörper zu bauen - zu denen nach landläufiger Begriffsverwendung alles gehört, was mindestens fünffache Schallgeschwindigkeit erreicht. Das schnellste halbwegs alltagstaugliche Fluggerät, das das US-Militär bisher aufbieten konnte, war das legendäre Spionageflugzeug SR-71 "Blackbird". Es erreichte über dreifache Schallgeschwindigkeit - und wurde bereits vor zehn Jahren ausgemustert.

Jetzt unternimmt das US-Verteidigungsministerium einen neuen Anlauf - mit der öffentlichen Ausschreibung des "Blackswift"-Programms. In dem 128-seitigen Dokument erläutert die Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa), die berühmte Pentagon-Abteilung für - nicht selten gewagte - technische Innovationen, wie der Superkampfjet der Zukunft auszusehen hat.

Ehrgeizige Wunschliste

Die Wunschliste dürfte den Ingenieuren der Luftfahrtkonzerne die Nackenhaare zu Berge stehen lassen. Um etwa zu beweisen, dass die "Blackswift" ein "echtes Flugzeug" und nicht bloß eine leidlich manövrierfähige Rakete ist, soll sie in der Lage sein, eine sogenannte Fassrolle durchzuführen - einen Überschlag über den Flügel, und das bei einer Geschwindigkeit von mindestens Mach 6, also sechsfacher Schallgeschwindigkeit. Es dürfte die Ingenieure einiges an Ideen kosten, um herauszufinden, wie sich die Maschine angesichts der extremen Kräfte bei Mach 6 nicht in ihre Bestandteile zerlegt.

Selbstverständlich soll die "Blackswift" wiederverwendbar sein und auf normalen Flughafenpisten starten und langen können - anders als frühere experimentelle Hyperschall-Flugzeuge, die von größeren Jets in luftige Höhen gehievt wurden. Außerdem soll die "Blackswift" mindestens 60 Sekunden am Stück mit mehr als Mach 6 unterwegs sein können.

Das Ziel des Pentagons ist es, endlich ein alltagstaugliches Hyperschall-Flugzeug zu besitzen, das sowohl für Spionage- und Aufklärungseinsätze als auch für die Bombardierung weit entfernter Ziele geeignet ist. Nur: Ob die technischen Anforderungen in der Ausschreibung in absehbarer Zeit erfüllt werden können, ist fraglich.

Hauptproblem Antrieb

Eines der Hauptprobleme dürfte der Antrieb sein. Für Start, Landung und Geschwindigkeiten knapp oberhalb der Schallgrenze soll die "Blackswift" normale Turbojet-Triebwerke benutzen. Für den Hyperschall-Bereich ist ein zusätzlicher Motor geplant, ein sogenannter Scramjet. Dieser "Supersonic Combustion Ramjet" (etwa: "Überschall-Verbrennungs-Staustrahltriebwerk") besitzt praktisch keine beweglichen Teile und nutzt den Effekt, dass die Luft bei hohen Fluggeschwindigkeiten mit enormer Gewalt in den Einlass gepresst wird.

Im Unterschied zu einem normalen Ramjet strömt die Luft bei einem Scramjet mit Überschallgeschwindigkeit in den Verbrennungsraum, weshalb die meisten Scramjet-Designs auf schnell verbrennendem Wasserstoff basieren. Doch der benötigt Tanks mit so großem Volumen, dass das Flugzeug praktisch ein fliegendes Treibstoffdepot wäre - keine gute Voraussetzung für einen Flieger, der nicht nur schnell, sondern auch noch zu etwas Nutze sein soll.

Die Darpa forscht deshalb schon seit längerem am sogenannten "Dual Combustion Ramjet" (DCR), bei dem zwei Luftströme durch das Triebwerk führen. Im ersten, dem unterschallschnellen, verbrennt Kohlenwasserstoff-Treibstoff. Anschließend werden die heißen, leichten Verbrennungsprodukte erneut verbrannt und geben den Rest ihrer Energie an den zweiten, überschallschnellen Luftstrom ab. Da ein Großteil der Luft den Jet auf diese Art schnell durchströmen kann, steigt der Luftwiderstand bei Geschwindigkeiten jenseits von Mach 3 nicht auf extreme Werte - was ein Hauptproblem für normale Ramjets ist. Zudem müsste ein solches Flugzeug keinen Wasserstoff mit sich herumschleppen.

Kommt der "Blackbird"-Nachfolger?

DCR-Triebwerke waren bei Tests im Windkanal und mit kleinen Flugzeug-Prototypen erfolgreich, allerdings endete ein Test mit einer "HyFly"-Hyperschallrakete im Januar mit einem Fehlschlag. Dennoch favorisiert die Darpa dieses Konzept - zumal die SR-71 "Blackbird" mit ähnlich aufgebauten Triebwerken geflogen ist.

Schon der Name "Blackswift" deutet darauf hin, dass das Pentagon einen würdigen Nachfolger für die "Blackbird" sucht. Fraglich ist, wie groß der militärische Nutzwert eines solchen Hightech-Fliegers ist. Denn was zur Ausmusterung der SR-71 führte, gilt heute mehr denn je: Spionage- und Aufklärungsarbeiten werden von Satelliten inzwischen weit zuverlässiger und diskreter erledigt als von Flugzeugen. Für gezielte Angriffe auf Ziele in aller Welt gibt es landgestützte Interkontinentalraketen und auf U-Booten stationierte Lenkwaffen.

Zwar halten Kritiker dem entgegen, dass der Einsatz von Interkontinentalraketen mit konventionellen Sprengköpfen gefährlich sei, weil andere Länder sich angegriffen fühlen und in einer Kurzschlussreaktion mit einem Atomschlag reagieren könnten. "Aber die USA haben auch Atombomben an Bord von Flugzeugen", bemerkt etwa der Online-Nachrichtendienst "The Register". "Und niemand behauptet, dass man keine Satelliten ins All schießen kann, nur weil jemand denken könnte, in der Rakete befinde sich eine Atombombe - was absolut machbar wäre."

Trotz dieser Bedenken meint es das Pentagon ernst: Beim US-Kongress hat das Verteidigungsministerium 750 Millionen Dollar (rund 480 Millionen Euro) für das "Blackswift"-Programm beantragt. Der Online-Dienst "Wired" hat übrigens bei der Darpa nachgefragt, warum deren Direktor Tony Tether eine Fassrolle von "Blackswift" verlangt. Die Antwort: "Weil Tony entschieden hat, dass echte Flugzeuge Fassrollen fliegen."

mbe



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