Hirnentwicklung Kein Bewusstsein ohne Sprache

Haben Tiere und vorsprachliche Kinder ein Bewusstsein? Der Philosoph Daniel C. Dennett bezweifelt das. Sprache, so glaubt er, sei die Vorbedingung für ein Ich, ein "sich als Seiendes wissendes Etwas". Das jedoch entbindet uns nicht von der moralischen Verantwortung gegenüber Babys und Tieren.

Die Internetzeitschrift " Edge " versammelt in einer legendären Serie Beiträge der renommiertesten Wissenschaftler der Welt - und stellt ihnen unter anderem die Frage: Was halten Sie für wahr, ohne es beweisen zu können? SPIEGEL ONLINE präsentiert ausgewählte Antworten.

Ich glaube, kann aber noch nicht beweisen, dass der Erwerb einer menschlichen Sprache, das heißt gesprochenen oder Gebärdensprache, eine notwendige Vorbedingung des Bewusstseins ist – in dem strengen Sinne, dass es ein Subjekt gibt, ein Ich, ein "sich als Seiendes wissendes Etwas".

Daraus würde folgen, dass nichtmenschliche Tiere und vorsprachliche Kinder – auch wenn sie empfindsam, wach, Schmerz und Leid mitfühlend sowie in bemerkenswerter (sogar den Standard normaler Erwachsener übertreffender) Weise vielseitig kognitiv kompetent sein können –, aber in diesem strengen Sinne nicht wirklich bewusst sind: Es gibt (vielleicht noch) kein organisiertes Subjekt des Genusses oder des Leidens, keinen Inhaber der Erfahrungen im Unterschied zu einer bloßen zerebralen Wirkregion.

Diese Annahme entsetzt viele Menschen, die befürchten, dass sie Tieren und vorsprachlichen Kindern den moralischen Schutz entziehen könnte, doch würde das nicht daraus folgen. Wem ist der im Neugeborenen auftretende Schmerz zuzuordnen? Wiewohl es noch niemanden gibt, dessen Schmerz das wäre, berechtigt uns das ebenso wenig, Babys oder Tiere zu misshandeln wie Komapatienten, die eindeutig nicht bei Bewusstsein sind. Wenn sich das Selbst nach und nach entwickelt, so werden bestimmte Arten von Ereignissen ebenfalls erst nach und nach zu Erfahrungen, gibt es keine klare Linie zwischen unbewussten (oder wie man sie nennen will) und bewussten Schmerzen und verdienen sie beide moralische Beachtung. (Jedenfalls muss man die Geltung der empirischen Hypothese strikt unabhängig von ihren ethischen Konsequenzen beurteilen. Sie aus rein moralischen Gründen zu verwerfen, wäre bloßes Wunschdenken. Der unantastbare moralische Grundsatz, im Zweifel für die Kleinkinder und Tiere, sollte uns also leiten, ohne auf ein Denkverbot hinauszulaufen.)

Wen meine Hypothese erschreckt, dem rate ich, erst einmal innezuhalten und zur Kenntnis zu nehmen, dass es fast genauso schwierig ist, ihre Falschheit wie ihre Richtigkeit zu beweisen. Doch letzten Endes müsste es möglich sein. Folgendes würde man zur einen oder anderen Seite hin dafür benötigen:

1. Ein bewährtes funktionales Modell des erwachsenen menschlichen Bewusstseins, das zeigt, wie die Kaskaden der Selbststimulation, die Kinder beim ersten Spracherwerb durchlaufen, in der Hirnrinde weitreichende Bahnen widerhallender Wechselwirkungen anlegen und erhalten müssen.

2. Eine Deutung seiner Dynamik, die erklären kann, warum das Nervensystem ohne diese viel befahrenen Bahnen neuraler Mikroroutine keine funktionale Einheit erreicht – das heißt, keine Einheit, die ein Ich vom Wir (oder von einer Vielheit) als potentielle(s) Subjekt(e) abgrenzen könnte.

3. Weitere experimentelle Belege für die Bedeutung dessen, was Thomas Metzinger als "das phänomenale Modell der Intentionalitätsrelation" (PMRI) bezeichnet, um diejenigen Erfahrungen zu fördern, die uns als zentral für das erwachsene Bewusstsein erscheinen. Diese Forschung wird zeigen, dass tierische Schläue niemals die derart beim Menschen festgestellten Fähigkeiten erfordert, und dass Tiere viele Dinge nicht schätzen können, die wir normalerweise einfach als Aspekte unserer bewussten Erfahrung voraussetzen.

Das ist eine empirische Hypothese, die sich durchaus als falsch erweisen könnte – wenn sich zum Beispiel herausstellen würde, dass die für eine funktionale Vereinigung der betreffenden Gehirnsysteme (und damit in meinem Modell für Bewusstsein) erforderlichen Bahnen bereits in der normalen kindlichen oder gar fötalen Entwicklung ausgeprägt sind und sich praktisch in allen Nervensystemen von Säugetieren eines gewissen Reifegrades finden.

Ich rechne freilich nicht damit, denn ich deute die Evolution in dem Sinne, dass sich auch ohne solche überstark vereinigenden Metasysteme eine beachtliche Vielfalt adaptiver Kooperation erreichen lässt – zum Beispiel durch staatenbildende Insekten. Wie fühlt man sich als Bienenstaat? Vermutlich gar nicht, und dem dürften die meisten Menschen intuitiv zustimmen. Und wie fühlt man sich als ein Ochsengespann? Gar nicht (selbst wenn es sich irgendwie anfühlt, ein einzelner Ochse zu sein). Doch dann müssen wir erwägen, in welchem Maße Tiere – nicht nur Insektenstaaten und Reptilien, sondern auch Hasen, Wale, Fledermäuse und Schimpansen – mit nicht ganz so einheitlichen Gehirnen zurechtkommen.

Die Evolution hätte jene Spezies gewiss nicht mit höheren Fähigkeiten ausgestattet, sofern sie nicht für ihr Überleben notwendig waren. Wenn Tiere den Phantasiegeschöpfen Beatrix Potters oder Walt Disneys glichen, müssten sie ebenso bewusst sein wie wir. Doch unterscheiden sich Tiere stärker von uns, als wir gemeinhin, von diesen anthropomorphen Fabelwesen bezaubert, unterstellen. Wir brauchen solche Fähigkeiten als Personen, kommunizierende Individuen, die fragen, antworten, fordern, verbieten, versprechen (und lügen) können, doch müssen wir nicht schon damit zur Welt kommen, da die erforderlichen neuralen Anlagen bei normaler Aufzucht entstehen. Insofern wäre unsere Subjektivität ein bemerkenswertes Nebenprodukt der Sprache und ebenso wenig auf andere Spezies zu übertragen, wie man davon ausgehen darf, dass deren rudimentäre Kommunikationssysteme Verben und Substantive, Präpositionen und Zeitformen haben.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich behaupte nicht, dass menschliches Bewusstsein nur aus Selbstgesprächen besteht, obwohl diese einen Großteil davon ausmachen. Vielmehr meine ich, dass die sich entwickelnde Fähigkeit zum Selbstgespräch damit einhergeht, Dinge Revue passieren lassen, sinnieren, einstudieren, sich erinnern und ganz allgemein Ereignisinhalte im Nervensystem aufrufen zu können, die uns ansonsten nicht prägen und lediglich ein zu Recht als unbewusst bezeichnetes Verhalten auslösen würden. Wenn ein Nervensystem in der Lage wäre, alle diese Fähigkeiten ohne Sprache zu stützen, dann läge ich falsch.