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08. März 2012, 08:53 Uhr

Hirnforschung

Wieso Kindern ein fairer Tausch schwerfällt

Sammelkarte gegen Spielzeugauto? Schokoriegel gegen Pausenbrot? Wann ein Tausch fair ist und wann nicht - darüber müssen sich die Beteiligten einigen. Dass dies kleinen Kindern seltener gelingt als älteren, zeigt eine neue Studie. Grund dafür ist wohl die späte Entwicklung einer wichtigen Hirnregion.

Etwas tauschen oder Dinge gerecht miteinander teilen - damit haben gerade jüngere Kinder so ihre Probleme. Eltern können die entstehenden Streitigkeiten hingegen gar nicht verstehen. Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts (MPI) für Kognitions- und Neurowissenschaften haben in mehreren Experimenten untersucht, wie und warum sich das Tausch-Verhalten des Menschen im Laufe der Jahre verändert.

Wie sie im Fachmagazin "Neuron" berichten, verstehen auch jüngere Kinder durchaus, welche Art des Teilens oder Tauschens gerecht ist und welche nicht. Damit sie jedoch die Situation des anderen mit bedenken und nicht impulsiv aus egoistischer Sicht entscheiden, muss eine bestimmte Hirnregion aktiv werden. Und der sogenannte linke dorsolaterale präfrontale Cortex, der für die Impulskontrolle wichtig ist, entwickelt sich erst relativ spät vollständig. Daher sei faires Teilen noch im Grundschulalter leicht gesagt, doch schwer getan, schreiben die Wissenschaftler um Nikolaus Steinbeis.

Die Forscher baten 174 Schulkinder zwischen sechs und 13 Jahren zu zwei aus der Spieltheorie bekannten Experimenten: dem Diktator- und dem Ultimatumspiel. Bei beiden Spielen bekommt ein Kind sechs Geldeinheiten, die nach dem Experiment gegen kleine Geschenke getauscht werden. Nun entscheidet das Kind, wie viele Einheiten es einem zweiten - nicht-anwesenden Kind - abgibt. Beim Diktatorspiel passiert danach nicht mehr viel, denn der Empfänger kann das Geld einfach nur annehmen. Das Experiment sagt etwas darüber aus, wie großzügig der Geber ist, beziehungsweise was er als gerecht ansieht.

Beim Ultimatumspiel dagegen spielt der Empfänger aktiv mit. Hier kann das zweite Kind entscheiden, ob es das angebotene Geld nimmt oder ablehnt. Akzeptiert es die Summe, behalten beide ihren Anteil. Lehnt es ab, gehen beide leer aus. Der Empfänger kann also unsoziales Verhalten des Gebers bestrafen, was ihn allerdings auch etwas kostet.

"Uns interessierte, ob die Kinder fairer teilen würden, wenn ihr Gegenüber das Angebot ablehnen konnte und inwiefern solche strategischen Anpassungen des Verhaltens von Alter und Gehirnentwicklung abhängig sind", sagte Steinbeis.

Jüngere nahmen auch unfaire Angebote an

Beim Ultimatumspiel unterbreiteten ältere Kinder häufiger faire Angebote, während die jüngeren Kinder zwischen beiden Spielen kaum Unterschiede machten. Auch die Reaktion auf ein ungerechtes Angebot fiel je nach Alter unterschiedlich aus: Während fast alle 11- bis 14-Jährigen das Geld ablehnten, wenn ihnen nur eine einzige Einheit angeboten worden war, akzeptierten die meisten 6- bis 9-Jährigen dieses Angebot. Dies taten die Jüngeren, obwohl ihnen bewusst war, dass die Aufteilung unfair war und sie es daher im Prinzip ablehnen sollten.

Messungen der Hirnaktivität brachten weitere interessante Erkenntnisse: Je älter die Kinder waren, desto stärker wurde der laterale präfrontale Cortex aktiv. Er reift erst spät in der Kindesentwicklung voll heran. Dass Kinder selbst dann nicht fair teilen, wenn es strategisch klug wäre, hat nach Ansicht der Forscher demnach nichts mit mangelndem Verständnis zu tun. Es erklärt sich stattdessen aus der späten Entwicklung dieser für die Impulskontrolle wichtigen Hirnregion.

Andere Studien haben bereits gezeigt, dass Kinder schon sehr früh abschätzen können, wer moralisch richtig handelt und oft auch dementsprechend reagieren - etwa ein Experiment am Leipziger MPI, bei dem 3-jährige Fieslinge abstraften, freundlichen Erwachsenen dagegen halfen.

Steinbeis und seine Kollegen hoffen, dass ihre Erkenntnisse für die Pädagogik hilfreich sind - etwa wenn es darum geht, Strategien zur Förderung eines sozialverträglichen Verhaltens von Kindern zu entwickeln.

wbr/dpa

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