Hiroshima-Gedenken Auftakt zur Apokalypse

Im Sommer 1945 ist Japan besiegt - aber der Kaiser und seine Generäle geben nicht auf. Seit Monaten fordern die Alliierten die bedingungslose Kapitulation. Doch erst durch das "Manhattan Project" zwingen sie das Kaiserreich endgültig in die Knie. Eine dreiteilige Serie zeichnet den Hergang des ersten Atombombeneinsatzes nach.


Hiroshima-Atompilz: 43 Sekunden bis zum Weltuntergang
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Hiroshima-Atompilz: 43 Sekunden bis zum Weltuntergang

Hiroshima, 6. August 1945, 8.15 Uhr. Akihiro Takahashi sieht einen Bomber am Himmel, doch das ist nicht ungewöhnlich. Es gibt Wichtigeres, auf das er in diesem Moment achten muss -den Schulappell. Der 14-Jährige steht auf dem Hof der Städtischen Oberschule. Er ist zusammen mit 59 Klassenkameraden und anderen Schülern angetreten. Die Lehrer verlassen soeben das Gebäude. Militärische Disziplin herrscht an den Lehranstalten -schließlich befindet sich das Kaiserreich seit über dreieinhalb Jahren (und eigentlich noch viel länger) im Krieg.

Der Schüler ist groß geworden mit Triumphmeldungen: Soldaten haben schon 1910 das Banner der aufgehenden Sonne in Korea aufgepflanzt, dann in den 1930er Jahren in der Mandschurei und in China. Am 7. Dezember 1941 dann der Angriff auf die USA in Pearl Harbor; später in Singapur und den Philippinen Siege über die Amerikaner und deren Alliierte. Ferne Schlachten.

Vor sechs Monaten aber ist der Krieg in Akihiro Takahashis Heimat gekommen. Seither greifen Hunderte amerikanischer B-29-Bomber japanische Städte an. Im Regen der Spreng- und Brandbomben sind 60 Prozent der 60 größten Städte des Landes untergegangen, Hunderttausende Menschen gestorben und etwa zehn Millionen obdachlos geworden. Fast alle bedeutenden Städte des Kaiserreiches sind getroffen worden, allerdings nicht Hiroshima.

Die Stadt scheint unantastbar

Millionen Flugblätter haben feindliche Piloten abgeworfen, um die Bevölkerung vieler namentlich aufgeführter Städte vor weiteren Angriffen zu warnen. Hiroshima jedoch fehlt auf der Liste.

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Krieg in Bildern: Der Kampf im Pazifik

Dabei ist es ein ideales Ziel: "Große Insel" bedeutet der Name der Stadt, und tatsächlich erstreckt sich Hiroshima über sechs ausgedehnte Eilande im Mündungsdelta des Ota-Flusses im Südwesten der Hauptinsel Honshu. Eine dicht besiedelte Ebene, umgeben von bewaldeten Bergen. 365000 Menschen leben in der 400 Jahre alten Stadt, der achtgrößten Japans. Sie wohnen in eng verschachtelten, hölzernen Häusern. Nur wenige Gebäude ragen aus dem Dächermeer heraus: die 1915 im klassizistischen Stil errichtete, von einer metallenen Kuppel bekrönte Industrie-Ausstellungshalle etwa oder der Tempel an der Aioi-Brücke. Kirschbäume säumen die Flussufer und vier mächtige Kampferbäume, fast so alt wie die Stadt selbst. Seit 1868 ist sie Militärbasis, rund 8000 Soldaten sind hier stationiert.

Weshalb dann dieser seltsame Frieden inmitten des Bombenregens? Gerüchte laufen um in der Stadt: Womöglich hat der Feind etwas Besonderes vor mit Hiroshima. Seit rund drei Wochen erscheint an jedem Morgen eine B-29 am Himmel. Der schwere Bomber kreist einige Minuten über der Stadt, dann verschwindet er wieder Richtung Pazifik. Kein japanischer Abfangjäger steigt je auf, um ihn abzuschießen. Kampfflugzeuge sind kostbare Waffen in dem verwüsteten Land, die Armeeführung will sie nicht vorzeitig riskieren, befürchtet doch jeder die baldige Invasion der Amerikaner.

Keine Angst vor "Herrn B"

Und wozu sollten Jagdflugzeuge starten? Niemals ist etwas geschehen. Die Menschen haben sich an den Anblick der B-29 gewöhnt. "B san" nennen sie spöttisch den Flieger, "Herr B".

Also achtet Akihiro Takahashi nicht mehr auf die B-29, die neuneinhalb Kilometer über seinem Kopf dahinfliegt. Er blickt auf die Lehrer, bereit zum Appell. Noch 43 Sekunden, dann wird die Welt untergehen.

Japan ist im Sommer 1945 ein besiegtes Land -aber noch immer ein fürchterlicher Gegner. Denn in den sechs Monaten nach dem Überfall auf Pearl Harbor, als die US-Flotte vorübergehend gelähmt war, hatten die Truppen des Tenno ein mehr als 15 Millionen Quadratkilometer großes Gebiet erobert. Der Westpazifik von den Alëuten bis zu den melanesischen Inseln jenseits des Äquators war unter ihrer Kontrolle -sowie fast ganz Neuguinea, die Philippinen, Indonesiens Inseln bis wenige Kilometer vor Australiens Küste, Malaysia, Indochina, Thailand und Birma.

In mehreren Seeschlachten hat die wieder erstarkte US-Marine 1942/43 zwar die japanische Flotte vernichtet. Doch die von den Japanern besetzten Länder mussten anschließend dennoch Insel für Insel befreit werden. Sechs Millionen japanische Soldaten verteidigen ihr Imperium; etwa fünf Millionen von ihnen sind in China und in Japan stationiert. Den rund eine Million Japanern auf den Pazifikinseln stehen etwa ebenso viele Amerikaner gegenüber. Und obwohl die US-Militärs zur See und in der Luft drückend überlegen sind, zahlen sie für die Eroberungen einen hohen Preis. Allein bei der am 19. Februar 1945 begonnenen Invasion der kleinen japanischen Insel Iwojima ist jeder dritte GI getötet oder verwundet worden.

Der Generalstab befürchtet eine Million US-Opfer

Der US-Generalstab plant für den Herbst 1945 die Invasion der südlichen japanischen Insel Kyushu (Deckname "Olympia") und für März 1946 den Angriff auf die Hauptinsel Honshu ("Coronet"). Kein Militärhistoriker hat bis heute herausgefunden, wer im US-Generalstab erstmals schätzt, dass die Eroberung des japanischen Kernlandes auf Seiten der Amerikaner "eine Million Mann Verluste" kosten würde (was nach gängiger Kriegserfahrung ungefähr 330.000 Tote und doppelt so viele Verletzte bedeuten würde). Diese Ziffer -oft sogar erhöht auf "eine Million Tote" -bestimmt jedenfalls ab Sommer 1945 die Invasionspläne. (Bis dahin beklagen die USA im Zweiten Weltkrieg an allen Fronten zusammen insgesamt rund 250.000 Tote und Verwundete.)

Die Militärs präsentieren dem am 12. April 1945 ins Amt gekommenen Präsidenten Harry S. Truman die Pläne für die Operationen "Olympia" und "Coronet". Der vormalige Vizepräsident, der 1944 aus wahltaktischen Gründen nominiert worden war und ein versierter Innen-, jedoch wenig erfahrener Außenpolitiker ist, hat den Krieg von seinem im Amt verstorbenen Vorgänger Franklin D. Roosevelt geerbt -und muss nun damit rechnen, dass in seinem ersten Amtsjahr eine Million Amerikaner im Kampf fallen könnten, mehr als jemals zuvor in der Geschichte der USA. Allerdings, erfährt Truman von seinem Kriegsminister, gebe es da vielleicht noch einen anderen Weg, den Konflikt im Pazifik zu beenden: siegreich, schnell und ohne amerikanische Opfer. Durch eine neue Bombe.

Im Dschungel lauern japanische Soldaten

Marianeninsel Tinian, Flugplatz North Field, 26. Juli 1945. Das Eiland liegt rund 2700 Kilometer südöstlich Japans. Amerikanische Truppen haben es 1944 erobert und in den größten Flugplatz der Welt verwandelt. Hier starten und landen auf vier bis zu drei Kilometer langen Betonpisten fast Nacht für Nacht Hunderte von B-29-Bombern zu Angriffen auf japanische Städte. In der Nähe liegt ein Hafen, mit Pipelines, Tanks, Kais und Lagerhäusern zur Versorgung der Flieger. Die Soldaten leben in Nissenhütten: halbrunden Wellblechbaracken, in denen es in der schwülen Luft unerträglich heiß werden kann. Kaum jemand wagt sich weit vom Flughafen fort -im Dschungel auf der Insel halten sich noch immer rund 500 japanische Soldaten versteckt. Ein GI wurde bereits von ihnen erstochen.

Abseits der anderen Crews, bewacht von Posten der Militärpolizei und des Geheimdienstes, stehen die Nissenhütten der 509th Composite Group. Die Piloten der 15 Bomber und ihre Besatzung sind vor gut acht Wochen aus den USA eingetroffen, doch haben sie noch nicht an einem der Massenangriffe gegen Japan teilgenommen.

"Glory Boys" werden sie von den anderen Crews genannt, hektografierte Spottgedichte über die Neuankömmlinge machen die Runde. Der Hohn der Kameraden ist für die Männer der 509th Composite Group nur schwer erträglich -schließlich gehören sie zu den besten Piloten, Bombenschützen und Navigatoren der Air Force. Doch sie dürfen über ihre Mission nichts verraten. Und, was ihre Nerven noch ärger strapaziert: Sie könnten es auch gar nicht. Denn sie wissen nicht, welchen Einsatz sie fliegen sollen.

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