Historiker Wehler im Interview "Preußens Schattenseiten werden verdrängt"

Preußen, Preußen über alles? Im Preußenjahr 2001 drohen, so der Historiker Hans-Ulrich Wehler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, die weniger schönen Aspekte der preußischen Geschichte in Vergessenheit zu geraten.

Von Tillmann Bendikowski


SPIEGEL ONLINE:

Herr Professor Wehler, was erwarten Sie vom Preußenjahr 2001 - wird es eher ein Jubeljahr, in dem die vermeintlichen preußischen Verdienste und Tugenden gefeiert werden, oder eine willkommene Möglichkeit für Kritiker, mit Militarismus und Großmachtstreben abzurechnen?

Hans Ulrich Wehler: Meine Befürchtung ist, dass in diesem Jahr das so genannte historische Verständnis überwiegen und man die Schattenseiten der preußischen Geschichte verdrängen wird. Es wird vermutlich der Versuch unternommen werden, Preußen gewissermaßen als einen Normalfall der europäischen Geschichte hinzustellen. Dabei blieben allerdings drei wichtige Schattenseiten unberücksichtigt.

SPIEGEL ONLINE: Als da wären?

Wehler: Da ist zum Ersten das Problem des Militarismus - nur in Preußen fand schließlich eine derartige Verklärung und politische Aufwertung des Militärs statt. Als Zweites ist der Übergang des Adels in die moderne Welt zu nennen - es gibt keine andere europäische Adelsformation, die in dieser Hinsicht so lernunfähig war wie der preußische Adel. Drittens gab es eine eigentümliche Allianz von traditioneller Machtelite, Offizierkorps, weiten Teilen der Bürokratie und des protestantischen Klerus. Zusammen machten sie sich an die Verklärung des preußischen Systems und versuchten, das alte Preußen über die historische Zeit hinwegzuretten. Diese Schattenseiten der preußischen Geschichte werden wohl bei den Feierlichkeiten und Veranstaltungen dieses Jahres zu kurz kommen.

SPIEGEL ONLINE: Den Schattenseiten stehen Glanzlichter gegenüber: Doch warum nimmt das demokratische Preußen der Weimarer Zeit im kollektiven Gedächtnis der Deutschen einen so geringen Raum ein?

Wehler: Das liegt im Wesentlichen daran, dass im Rückblick diese Zeit nun einmal entsetzlich kurz erscheint und überdies die Weimarer Republik völlig im Schatten ihres Scheiterns steht. Dahinter tritt zurück, dass es in Preußen einer demokratischen Regierungskoalition gelungen ist, das Land zu einer wahren Bastion der Republik zu machen. Die Schatten des Scheiterns sind so tiefschwarz, dass die relativen Leistungen dieser Zeit oft verloren gehen.

SPIEGEL ONLINE: Im Preußenjahr wird sicher auch die Diskussion um einen möglichen Wiederaufbau des Berliner Schlosses belebt - für Sie ein sinnvoller Umgang mit preußischer Geschichte?

Wehler: Es wäre ein Debakel, wenn das Schloss als Symbol der Königsherrschaft wieder entstehen und es der modernen Architektur nicht gelingen würde, den Platz in der Mitte Berlins auf eine eigene moderne Weise zu füllen - gegen preußische Nostalgie und vermeintliche städtebauliche Forderungen. Wenn es selbst Brasilien einst geschafft hat, für das Projekt Brasilia die besten Architekten der Welt zu finden, müsste es doch auch hier möglich sein, führende Städteplaner und Architekten für eine Neugestaltung zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn nicht?

Wehler: Ein Wiederaufbau des Berliner Schlosses wäre für mich eine Kapitulation vor einer Lobby, die dieses Ziel seit langem verfolgt. Das eigentliche Debakel ist dabei, dass diesen Bestrebungen keine selbstbewusste Republik mit eigenen Plänen entgegentritt. So könnte am Ende ein völlig unbefriedigender städtebaulicher Kompromiss herauskommen, bei dem sogar das Gebäude der ehemaligen Volkskammer einbezogen werden könnte. Dabei wäre es - im Sinne eines symbolischen Endes der SED-Herrschaft - sicherlich klüger gewesen, den Palast der Republik 1989/90 gleich ganz abzureißen.



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