Historikertag Geschichte kann nur begrenzt gegen Neo-Nazis helfen

Auf einer zusätzlichen Veranstaltung diskutierte der Historikertag über Rechtsradikalismus. Wie Wissenschaft helfen kann, etwas gegen die Gewalttäter zu tun, blieb indessen unklar.

Von Tillmann Bendikowski


"Man muss nichts vom Dritten Reich verstehen, um zu wissen, dass man keine Wohnungen von Türken anzündet." Mit diesen drastischen Worten machte der Freiburger Historiker Ulrich Herbert auf dem 43. Deutschen Historikertag in Aachen deutlich, dass die Geschichtswissenschaft nur begrenzt dabei helfen kann, rechtsradikale Auswüchse abzuwehren. Wo kein ethisches Wertesystem vorhanden sei, könnten Historiker erzählen was sie wollen.

Wie die Wissenschaft sinnvoll auf die rechtsextremistische Herausforderung der Gegenwart reagieren kann, blieb bei der zusätzlich ins Programm aufgenommenen Diskussionsveranstaltung offen. An diesem Punkt sind die deutschen Historiker uneins, vielleicht zuweilen auch ratlos.

Der Verband der Historiker Deutschlands hatte über die tagespolitische Herausforderung hinaus einen hausgemachten Grund, sich in Aachen mit dem Thema zu beschäftigen: Unversehens war in das Programmheft für das viertägige Treffen eine Anzeige für rechtsextremistische Publikationen aufgenommen worden, wovon der Verband sich umgehend distanzierte und eine Spende in Höhe des Anzeigenpreises an den Verein für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Aachen überwies.

Durch diesen Vorfall wurde der Historikerverband nach den Worten seines Vorsitzenden Johannes Fried unfreiwillig Zeuge, wie rechtsextremes Gedankengut in die Gesellschaft eindringen kann. Zur Abwehr und Aufklärung empfahl er eine Kooperation seines Faches unter anderem mit Pädagogen oder Psychologen, mit Justiz oder Medien.

Die konkreten Empfehlungen an die eigene Disziplin fielen indes unterschiedlich aus. Ein Vorschlag für zukünftige Inhalte der Forschung kam von der Braunschweiger Historikerin Ute Daniel. Sie wollte sich nicht der häufig geäußerten Kritik anschließen, die Wissenschaft stelle zu wenig Wissen bereit.

Vielmehr sei es notwendig, in Zukunft beispielsweise das Thema Gewalt stärker zu untersuchen, um das Phänomen zu Extremismus zu verstehen. Das sei in der allgemeinen Geschichtsforschung bisher zu wenig geschehen. Doch auch weitere Forschung sei noch keine Präventionsmaßnahme gegen rechtsextremistische Gewalt.

Vorerst unbeachtet blieb während der Veranstaltung die provokante Aufforderung von Ulrich Herbert an seine Kollegen, sich auch einmal im eigenen Verband und im eigenen Fach umzusehen, inwiefern dort an den "Randzonen nach rechts" mit extremistischem Gedankengut umgegangen werde. Die Diskussion in Aachen lässt indes vermuten, dass das Thema Rechtsextremismus die Historischen Seminare an den Universitäten noch nicht wirklich erreicht hat.

Wohl auch deshalb forderte der Berliner Sozialwissenschaftler Michael Kohlstruck, dass die Geschichtswissenschaft auf die Provokationen von rechts auch einmal politisch deutlich Stellung beziehen sollte.



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