Historisches Instrument So tönt Bachs Alphorn

Johann Sebastian Bach schrieb eine Motette für Instrumente, von denen heute niemand mehr weiß, wie sie sich angehört haben. Nun haben Forscher mit Hilfe von Hightech-Software den Sound aus längst vergangenen Jahrhunderten rekonstruiert - und ein sonderbares Bach-Horn nachgebaut.

Bei dem Begräbnis des Reichsgrafen und Gouverneurs der Stadt Leipzig, Joachim Friedrich von Flemming, am 11. Oktober 1740 schallten getragen die Worte "O Jesu Christ, mein's Lebens Licht" über den Friedhof. Johann Sebastian Bach hatte die Motette eigens für diesen Anlass zum Text einer Hymne des Dichters Martin Behm komponiert.

Begleitet wurde der vierstimmige Chor von einem trompetenähnlichen Kornett, drei Posaunen und zwei Litui. Es war eines der letzten Male, dass der Klang eines Lituus in der Öffentlichkeit vernommen wurde. Danach geriet das Krummhorn mit einem Kesselmundstück in Vergessenheit - und damit auch sein Klang.

Nun, mehr als 250 Jahre nach Flemmings Beerdigung sind zwei Litui in einem europäischen Konzertsaal erschallt. Die Instrumente waren eine Neuanfertigung - das Produkt langwieriger Forschungsarbeit und Hightech-Software. Die Idee hatten Musikwissenschaftler von der Schola Cantorum Basiliensis, dem Basler Ausbildungs- und Forschungszentrum für Alte Musik.

Musikalische Detektivarbeit

Der Beginn der Forschung erwies sich als reine Detektivarbeit. Ein Blick in die Noten verriet: Lituus 1 spielte in Bachs Motette Töne zwischen g' und h'', Lituus 2 zwischen c' und b''. Dann mussten die Litui natürlich klanglich zu den anderen beiden Blasinstrumenten, Kornett und Posaune, passen. Als Vergleichsinstrumente fanden die Forscher eine Nagel-Trompete aus dem 17. Jahrhundert in Des-Dur sowie ein Büchel, ein alphornartiges Instrument.

Mit diesen Informationen wandten sie sich an Alistair Braden von der University of Edinburgh. Der hatte gerade für seine Doktorarbeit eine Software entworfen, mit der sich das Design von Posaunen optimieren lässt.

"Es ist sehr aufregend zu sehen, wie die jahrelange Arbeit an der Software endlich Früchte trägt", sagt Braden im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Mit den Daten der Schola Cantorum Basiliensis fütterte er seine Software. Die errechnete daraus ein Design, das dem Büchel recht nahe kam.

Mit dem Ergebnis der Berechnungen machte sich der Schweizer Alphornbauer Matteus Wetter an die Arbeit und begann, einen Lituus zu bauen. Der Körper ist aus Pinienholz, das Mundstück - wie beim Alphorn - aus dem Horn einer Kuh. Heraus kam ein etwas unhandliches Instrument: ein 2,7 Meter langer Schaft, der in einer konischen Öffnung mündet.

Erinnerung an römische Tradition

Der Klang jedenfalls passt hervorragend zu Kornett und Posaune. Wahrscheinlich wollte Bach mit der Wahl dieser drei Instrumente an die römische Tradition erinnern, Begräbnisprozessionen von drei Blechblasinstrumenten begleiten zu lassen: Cornus, Tuba und Lituus. Denn obwohl der Lituus aus Holz gebaut ist, zählt er rein technisch zu den Blechblasinstrumenten. Diese Gruppe umfasst alle Blasinstrumente, bei denen die schwingenden Lippen des Musikers den Ton erzeugen und das Instrument als Resonator dient. Mit seiner Instrumentierung von Kornett, Posaunen und Litui für die Begräbnismusik des Reichsgrafen imitierte Bach den alten römischen Brauch.

Tatsächlich klingt der Lituus denn auch durchdringend und ein wenig gespenstisch - wie geschaffen für eine Begräbnisfeierlichkeit. "Ich habe leider noch nie einen Lituus gespielt", bekennt Braden, der in seiner Freizeit Posaune spielt. Er habe noch nicht einmal einen Lituus in der Hand gehabt. Eine Reise in die Schweiz zu den nach seinen Plänen gebauten Instrumenten ist allerdings vorgesehen.

Mit Posaunen, für die Braden die Software entwickelte, haben Litui zwar nur wenig zu tun. "Die Technik der Klangoptimierung ist aber für beide Instrumente die gleiche", erklärt er. Die Idee hinter der Software ist, Instrumentenbauern ein Werkzeug an die Hand zu geben, mit dem sich die Klangqualität ihrer Instrumente verbessern lässt. Und das ermöglicht, Instrumente den besonderen Bedürfnissen der Spieler anzupassen - je nachdem, ob zum Beispiel ein Musiker damit Jazz, Klassik oder einen anderen Musikstil spielen möchte.

"Was ein guter Klang ist, liegt letztendlich natürlich im Ermessen des Spielers", sagt Braden. Das Design von Instrumenten sei normalerweise ein langer und teurer Prozess, bei dem viele Prototypen gebaut werden müssten. "Meine Software erleichtert und verkürzt ihn - und macht die Entwicklung damit auch viel günstiger."

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