Klimaforschung Das Wetterproblem

Die jüngste Hitzewelle lässt an den Rekordsommer 2018 denken. Die Attributionsforschung versucht zu klären, wie hoch der Anteil des Klimawandels am Wetter ist. Forscher Douglas Maraun erklärt, was sie kann - und was nicht.
Von Douglas Maraun
Folgen des Klimawandels: In manchen dichtbesiedelten Regionen Asiens wird es schon bald so starke Hitzewellen geben, dass menschliches Leben immer wieder an seine Grenzen stoßen wird.

Folgen des Klimawandels: In manchen dichtbesiedelten Regionen Asiens wird es schon bald so starke Hitzewellen geben, dass menschliches Leben immer wieder an seine Grenzen stoßen wird.

Foto: Tetra images/ Getty Images

Es war wirklich heiß! Und nicht nur das, die Temperaturen der vergangenen Tage weckten sofort Erinnerungen an den Hitzesommer 2018. Von einem Jahrhundertsommer war damals die Rede - nun sind seit dem letzten Jahrhundert gerade einmal zwölf Monate vergangen. Sommer wie diese, das wurde auch schon letztes Jahr geschrieben und kommentiert, können nun aber ohnehin bald der neue Normalfall werden, Schuld sei der Klimawandel.

Zur Person
Foto: Heike Marie Krause

Douglas Maraun ist Leiter der Arbeitsgruppe Regionales Klima am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz. Forschung zu regionalem Klimawandel und Extremereignissen mit statistischen und dynamischen Modellen. Er ist Leitautor des 6. Sachstandsberichts des IPCC, Arbeitsgruppe 1, Kapitel 10 (Linking Global and Regional Climate Change)

Die Zuschreibung, wie viel Klimawandel in einzelnen Wetterereignissen steckt, sorgt regelmäßig für Diskussionen, nicht nur unter Forschern. Die Attributionsforschung versucht diese Frage aufzuklären. In dieser Disziplin beschäftigen sich Forscher damit, durch Klimamodelle abzuschätzen, wie sehr sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis auftritt, durch den Klimawandel verändert hat. Steigt sie durch den Klimawandel? Sinkt sie? Kollegen aus England und den Niederlanden haben gezeigt, dass das Auftreten der Hitze, die während der drei heißesten Tage im Jahr 2018 gemessen wurde, durch den Klimawandel deutlich wahrscheinlicher geworden ist (World Weather Attribution Program, 2018 ).

Parallel dazu las man eine plausible Erklärung: die Arktis erwärmt sich schneller als der Rest der Erde, und der Temperaturunterschied zwischen Arktis und den Tropen nimmt ab. Dadurch wiederum bildet der Jetstream stärkere Mäander aus, und Wetterlagen wie die Dürre 2018 würden so gehäuft auftreten. Ist der Verantwortliche des Rekordsommers 2018 also schon gefunden?

Die Klimaforschung kann über sich ändernde Temperaturen sehr präzise Auskünfte geben

Mein kanadischer Kollege Ted Shepherd hat vor einigen Jahren ein wichtiges Paper veröffentlicht, das hilft, hier gedankliche Klarheit zu schaffen (Shepherd, 2014 ): die Klimaforschung weiß ziemlich genau über alles Bescheid, was direkt mit der Temperatur zusammenhängt. Es wird heißer, Gletscher und Meereis schmelzen, der Meeresspiegel steigt.

In manchen dichtbesiedelten Regionen Asiens wird es laut Projektionen ab 2070 bis 2100 so starke Hitzewellen geben, dass menschliches Leben immer wieder an seine Grenzen stoßen wird. Doch darüber, wie sich Wetterlagen ändern werden, wissen wir erst wenig. Wie verschieben sich Sturmzugbahnen, wie ändern sich stabile Schönwetterlagen? Hier sind oft gegenläufige Kräfte im Spiel, und welche dominieren werden, lässt sich noch nicht präzise abschätzen. Deshalb gibt es hierzu sehr plausible, aber leider oft widersprüchliche Prognosen. Was heißt das nun für Attribution allgemein und im speziellen für den vergangenen Sommer, diesen Sommer und alle zukünftigen?

Wir wissen zu wenig über Wetterlagen

Eigentlich ist Attribution ein wunderbar einfaches Konzept. Allerdings braucht es dafür Klimamodelle, die den Einfluss des Klimawandels auf das betrachtete Wetterereignis auch realistisch simulieren können. Um die künftigen Temperaturänderungen darzustellen, war diese Methode sehr erfolgreich (Bindoff et al., 2014 ). Auch für Dürren konnte kürzlich gezeigt werden, dass der Mensch einen Einfluss hat (Marvel et al., 2019 ) - wohl weil bei höheren Temperaturen der Boden stärker austrocknen kann. Allerdings versagt Attribution oft, wenn es um Änderungen in Wetterlagen geht -dazu wissen wir zu wenig, dazu sind unsere Klimamodelle noch nicht gut genug (Sutton et al., 2018 ).

Für den Sommer 2018 ist dies entscheidend: denn das Besondere war damals nicht allein die Hitze. Das wirklich Außergewöhnliche war die Dauer der Dürre: Fünf Monate fast ohne Regen. Ob diese äußerst stabile Wetterlage etwas mit dem Klimawandel zu tun hat, ist aber noch sehr unsicher.

Könnte es sogar seltener lange Dürren geben? Zwar gibt es einzelne Studien (z.B. Mann et al., 2018 ), die von der Erwärmung der Arktis ausgehend folgern, dass entsprechende Wetterlagen häufiger auftreten würden. Allerdings ist die zugrundeliegende Theorie nur eine von mehreren plausiblen Erklärungen, und aus Klimabeobachtungen (z.B. Kornhuberet al., 2019 ) lassen sich auch noch keine eindeutigen Schlüsse ziehen.

Klar ist jedenfalls, dass gerade im Sommer nicht nur die Erwärmung der Arktis eine Rolle spielt, sondern unter anderem - als gegenläufiger Effekt - auch die starke Erwärmung der Tropen in etwa 15 Kilometern Höhe (Barnes & Screen, 2016 ). Es ist daher ebenso plausibel, dass Wetterlagen wie die des Sommers 2018 durch den Klimawandel zwar heißer, aber sogar seltener werden.

Für den Sommer 2018 heißt das zusammengefasst: Mit Attribution kann derzeit gezeigt werden, dass die Hitze größer war, als sie ohne Klimawandel gewesen wäre und die Dürre trockener. Generell wird die Klimaerwärmung natürlich auch mehr heiße Tage bringen. Doch letztendlich ist das trivial. Die wirklich spannende Frage, ob solch extreme Dürren häufiger - oder vielleicht sogar seltener - auftreten werden, kann die Klimaforschung eben noch nicht beantworten.

Kein Grund, nicht zu handeln

Nur: Ist das denn wirklich so entscheidend? Warum nicht den Klimawandel ernst nehmen und dringende Entscheidungen treffen, selbst wenn sich doch noch herausstellen sollte, dass seine Auswirkungen "nur" äußerst dramatisch sind, aber nicht den Weltuntergang bedeuten? Tausende Schüler demonstrieren überall auf der Welt für einen ernstzunehmenden Klimaschutz - Zeit, die Probleme auch jenseits von politischen Sonntagsreden endlich engagiert anzugehen.

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