HIV Bereits Anfang der Dreißiger entstanden?

US-Forschern gelang es mit Hilfe eines Supercomputers, den ungefähren Entstehungszeitpunkt des HI-Virus zu errechnen. Danach wäre der Aids-Erreger 30 Jahre älter als bisher angenommen.


Das HI-Virus unter dem Elektronenmikroskop betrachtet
CDC

Das HI-Virus unter dem Elektronenmikroskop betrachtet

San Francisco - Amerikanischen Wissenschaftlern des Los Alamos National Laboratory im Bundesstaat New Mexico gelang es mit Hilfe eines Großrechners, das Entstehungsjahr der HIV-1-Gruppe zu ermitteln. Demnach sei das HI-Virus ungefähr 1930 durch die Übertragung des verwandten SI-Virus ("Simian Immunodeficiency Virus") vom Schimpansen auf den Menschen, entstanden. Wie Bette Korber, die Leiterin der Forschungsgruppe, in einer Mitteilung auf der siebten Konferenz über Retroviren und Opportunistische Infektionen in San Francisco bekannt gab, basiert die Schätzung auf einem mathematischen Modell, das in Verbindung mit neuen statistischen Methoden bezüglich der Geschwindigkeit der Mutationen der HIV-1-Gruppe Rückschlüsse auf den zeitlichen Ursprung zulässt. Die bisher älteste Blutprobe, in der HI-Viren nachgewiesen werden konnten, stammt aus dem Jahre 1959 von einem Mann aus dem Stamm der Bantu.

"1930 ist nicht unbedingt das Jahr, in dem ein infizierter Affe einen Menschen gebissen hat", meinte Korber. Das Virus könnte schon einige Zeit vorher vom Schimpansen auf den Menschen übergesprungen, aber nicht weiterübertragen worden sein. Es sei allerdings wahrscheinlich, dass sich die Krankheit, mit der sich inzwischen 40 Millionen Menschen infiziert haben, Anfang der dreißiger Jahre bei einer Gruppe von Menschen entwickelt habe.

Diese neue Theorie widerspricht dem Ansatz, den der englische Autor und Journalist Edward Hooper in seinem Buch "The River" vertritt. Ihm zufolge entstand das HI-Virus Ende der fünfziger Jahre versehentlich, als das SI-Virus eines Schimpansen in einen experimentellen Polioimpfstoff geriet, der im damaligen Belgisch-Kongo getestet wurde. Entstanden sei der Virus im Wistar-Institut in Philadelphia oder in Laboratorien in Belgien oder Belgisch-Kongo. Laut Hooper empfahl ein 1992 vom Wistar Institut beauftragtes Komitee, den kleinen Rest des Polioimpfstoffs, der nach 40-jähriger Lagerung noch vorhanden war, an von unabhängigen Instituten untersuchen zu lassen. Allerdings seien diese Untersuchungen nie durchgeführt worden.

Korber vom Los Alamos Laboratory beurteilte Hoopers Theorie als unwahrscheinlich, sie könne allerdings auch nicht vollständig ausgeschlossen werden.



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