Wrack der "HMS Terror" Im Bauch des Geisterschiffs

Die Entdeckung der Wracks aus der legendären Polarexpedition von John Franklin war eine Sensation. Nun haben Taucher die "HMS Terror" erkundet - sie hoffen auf das Logbuch des Schiffs.


Es muss ein elendig langer Kampf ums Überleben gewesen sein, der sich vor mehr als 170 Jahren hoch im Norden Kanadas zutrug. Am Ende hat kein einziger diesen Kampf gewonnen: Alle 129 Mitglieder der legendären Polar-Expedition von Sir John Franklin starben.

Die Schiffe "HMS Terror" und "HMS Erebus", mit denen der Brite 1845 in Großbritannien aufbrach, um die Nordwestpassage durch die Arktis zu erkunden, waren Jahrzehnte verschollen und wurden erst vor wenigen Jahren entdeckt. Was einst an Bord passierte, ist bis heute Stoff für Wissenschaftler, Filmemacher und Buchautoren - und immer noch nicht genau geklärt.

Forscher haben nun neue Untersuchungen angestellt. Die kanadische Nationalparkverwaltung veröffentlichte Aufnahmen, die Taucher im Inneren der gesunkenen "HMS Terror" gemacht haben. Das Wrack wurde 2016 in 24 Metern Tiefe in einer Bucht vor King William Island gefunden, die heute als Terror Bay bekannt ist.

Unterwasserarchäologen erkundeten die "Terror" sieben Tage lang. Bei ihren Expeditionen drangen sie erstmals in das gut erhaltene Unterdeck des Schiffes vor. Das Wrack liege aufrecht am Meeresboden, kein Anker sei ausgeworfen worden, berichtete Projektleiter Ryan Harris. Alles deute darauf hin, dass das Schiff unerwartet gesunken und "sehr, sehr schnell verlassen" worden sei.

Kabine des Kapitäns blieb unerreichbar

Die Forscher konnten mehr als 90 Prozent des Unterdecks untersuchen. Die Aufnahmen aus dem Schiff zeigen unter anderem Betten und Tische, Regale mit Porzellan und Glasflaschen in der Offiziersmesse und Messgeräte. Nur das Schlafquartier von Kapitän Francis Crozier blieb wegen einer verschlossenen Tür unerreichbar.

In Croziers Kabine stehen noch sein Schreibtisch und Kartenschränke sowie Kästen, die möglicherweise Aufzeichnungen oder sogar das Logbuch enthalten könnten. Dank des kalten Polarwassers und des geringen Sauerstoffgehalts bleibe organisches Material wie etwa Papier sehr gut erhalten, erklärten die Forscher.

"Schriftstücke könnten Aufschluss darüber geben, was passiert ist - die Chronologie der Ereignisse, wann sich die beiden Schiffe trennten und wie sie dahin kamen, wo sie schließlich verlassen gefunden wurden", sagte Projektleiter Harris. Die Aussicht, die Geheimnisse um das Schicksal der "Terror" zu lüften, sei "sehr spannend". Die Forscher wollen ihre Untersuchungen im kommenden Sommer fortsetzen.

Zuvor hatte 14 Jahre nachdem die Schiffe zur Polarexpedition aufgebrochen waren, die Besatzung eines von Franklins Witwe Lady Jane gecharterten Schiffs auf King William Island eine handgeschriebene Nachricht gefunden. Franklin und 23 weitere Expeditionsmitglieder starben demnach bereits am 11. Juni 1847 unter nicht näher genannten Umständen.

Die Schiffe blieben dann offenbar am 22. April 1848 im Packeis stecken und wurden von den übrigen 105 Besatzungsmitgliedern zu Fuß über das Eis verlassen. Niemand überlebte.

Die Untersuchung der später gefundenen Überreste einiger Expeditionsmitglieder deuten nach Angaben kanadischer Wissenschaftler darauf hin, dass sie an den Folgen von Kälte, Hunger und Bleivergiftung durch bleihaltige Konservendosen starben.

joe/AFP



insgesamt 10 Beiträge
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Taiga_Wutz 30.08.2019
1. England im Jahr 1845: unter dem Kommando von Sir John Franklin stechen die beiden modernsten Schiffe ihrer Zeit in See...
Als Romanempfehlung sei hierzu mal "Terror" von Dan Simmons dringend ans Herz gelegt. Hier werden die wahrscheinlichsten Abläufe extrem spannend, und minutiös dargestellt und mit einem vetretbaren Teil Mystizismus angereichert. Auch wenn Simmons danach qualitativ und leider auch ideologisch in einen Sturzflug gefallen ist, ist dieses Buch nach wie vor Maßstab gebend! Winterlektüre no. 1!
stolte-privat 30.08.2019
2. Ein sehr interessanter Bericht...
...zur Geschichte der Polarforschung. Die Namen der Schiffe waren wohl etwas unglücklich gewählt. "Terror" spricht schon für sich und "Erebus" - Gott der Dunkelheit und der Unterwelt, das konnte eigentlich nur schief gehen....
aggro_aggro 30.08.2019
3. Terror
Das Buch "Terror" von Dan Simmons ist eines meiner Lieblingsbücher und begründet mein Interesse an den wahren Begebenheiten der Expedition. In meiner Jugend habe ich viel Stephen King und Jack London gelesen - Dan Simmons verbindet bei Richtungen und schreibt großartig. Wer ein bisschen über die Expedition lesen will und vor der Vermischung mit Fiktion nicht zurückschreckt dem sei Dan Simmons empfohlen.
jotha58 30.08.2019
4. spannend
Allerdings glaub ich kaum, dass aus den Logbüchern viel Neues zu erfahren ist. Zum anderen muss man den Wagemut dieser Männer bewundern. Die Strapazen, Entbehrungen und Anstrengungen, die diese erlitten haben, können wir uns heute kaum vorstellen. Auch das Essen ist mit heutigen Geschmacksrichtungen kaum in Einklang zu bringen. Pemmikan ist getrocknetes, zerstoßenes, angeröstetes Bisonfleisch, das mit Talg und Knochenmarkfett zu einer Paste verknetet wird und ist ohne weitere Zubereitung essbar.
hasemann 30.08.2019
5. ich kenne leider .....
.....weder das Buch von Dan Simmons noch die Schiffe bzw. die geschichte dazu. Ich habe mir aber gerade die Serie auf Amazon angesehen und bin begeistert. Das es eine wahre Geschichte (natürluch ausgebauscht in der Serie mit mystischen Elementen) ist wusste ich nicht. Bin aber deswegen um so interessierter. Das ist wirklich sehr spannend.
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