Höhen-Gen Urmenschen-Erbe gibt Tibetern Kraft

Die Luft ist dünn im Hochland von Tibet - kein Wunder, das Gebiet liegt schließlich 4000 Meter über dem Meeresspiegel. Wer als Tourist dort hinkommt, dem droht die Höhenkrankheit. Die Einheimischen haben mehr Glück - danke einer Genvariante aus Urzeiten.

AP/dpa/BGI

Kopfschmerzen, Übelkeit, Atemnot - das sind nur einige Symptome der Höhenkrankheit. Sie droht Menschen, die nicht an die Bedingungen weit oberhalb des Meeresspiegels angepasst sind. Mit zunehmender Höhe nimmt der Luftdruck ab - und damit auch der Sauerstoff-Partialdruck im Körper. Zum Beispiel im Hochland von Tibet, auf über 4000 Höhenmetern, lässt sich das spüren - aber auch etwa beim Bergwandern in den Hochalpen.

Doch Menschen wie die Tibeter sind an den Sauerstoffmangel angepasst. Eine dafür wichtige Genvariante stammt wahrscheinlich von den längst ausgestorbenen Denisova-Menschen, berichten Forscher im Fachmagazin "Nature". Die Variante des Gens EPAS1 beeinflusst in großer Höhe die Konzentration des Proteins Hämoglobin im Blut, das in den roten Blutkörperchen für den Sauerstoff-Transport im Körper zuständig ist. Die Wissenschaftler um Emilia Huerta-Sánchez von der University of California in Berkeley verglichen nun die genaue Abfolge der Bausteine dieses Gens bei 40 Tibetern und 40 Han-Chinesen.

Als Han-Chinesen werden die Angehörigen der mit gut 90 Prozent größten chinesischen Bevölkerungsgruppe bezeichnet. Neben ihnen gibt es im Land noch 14 weitere staatlich anerkannte Nationalitäten, zum Beispiel die Mongolen, Uiguren oder eben die Tibeter.

Die Forscher fanden, dass der Aufbau des Gens EPAS1 sich bei den Tibetern an einigen Positionen deutlich von dem der Han-Chinesen unterschied. Dann verglichen die Forscher die Genstruktur mit der bei Denisova-Menschen und von Populationen moderner Menschen, etwa den afrikanischen San und Yoruba, Franzosen und Sarden. Mit Ausnahme von zwei einzelnen Han-Chinesen und den Denisova-Menschen fanden sie in den Gendaten anderer Menschen keine vergleichbare Struktur des betreffenden Gens.

Han-Chinesen verloren Genvariante wieder

Die Denisova lebten vermutlich noch vor etwa 40.000 Jahren im zentralasiatischen Altai-Gebirge. Computersimulationen belegten, dass das Gen wohl von den Denisova-Menschen oder von nahen Verwandten dieser Population in den modernen Menschen eingekreuzt wurde. Vermutlich geschah das, bevor sich die Populationen von Han-Chinesen und Tibetern voneinander trennten. Während es bei den Han-Chinesen dann fast vollständig wieder verloren ging, ermöglichte es den Tibetern die Besiedelung des Hochplateaus und wurde folglich bewahrt.

"Unsere Ergebnisse illustrieren, dass die Vermischung mit anderen homininen Arten zu einer genetische Variation geführt hat, die den modernen Menschen dabei geholfen hat, sich an neue Umgebungen anzupassen", fassen die Wissenschaftler zusammen. Im Erbgut des modernen Menschen finden sich viele Spuren ausgestorbener Verwandter.

Der gängigen Theorie zufolge entstand der moderne Mensch vor rund 200.000 Jahren in Afrika - als der Neandertaler bereits im Westen Eurasiens umherstreifte. Vor rund 20.000 Jahren hatte Homo sapiens sich - von Amerika und der Antarktis abgesehen - auf allen Kontinenten ausgebreitet und seine archaische Verwandtschaft weitgehend verdrängt. Dies geschah, als das Klima auf das Maximum der bisher letzten Eiszeit zusteuerte.

Überreste von Denisova-Menschen waren erst 2008 von russischen Archäologen in der namensgebenden Denisova-Höhle in Südsibirien entdeckt worden. Die Analyse des Erbguts aus den Knochen hatte ergeben, dass diese von einer zuvor unbekannten Urmenschenform stammten. Inzwischen ist klar, dass bis zu sechs Prozent der Gene mancher Menschen aus dem asiatisch-pazifischen Raum dürften von Vertretern der Denisova-Menschen ins aktuelle Genom eingebracht wurden.

chs/dpa



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Layer_8 03.07.2014
1. Vielleicht...
Zitat von sysopAP/dpa/BGIDie Luft ist dünn im Hochland von Tibet - kein Wunder, das Gebiet liegt schließlich 4000 Meter über dem Meeresspiegel. Wer als Tourist dort hinkommt, dem droht die Höhenkrankheit. Die Einheimischen haben mehr Glück - danke einer Genvariante aus Urzeiten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hoehen-gen-der-tibeter-stammt-von-denisova-menschen-sibiriens-a-978933.html
...war eine/r meiner Urur...Ahn/Innen auch Denisova. Ich (alteingesessener Mitteleuropäer) war mal längere Zeit in der Himalaya-Region (Kashmir/Ladakh) und kam trekkingtechnisch bis auf 6000 Meter. Durchschnittlich jedoch auf 3500 Meter. Bin nie höhenkrank geworden. 3 Monate lang. Das heißt wohl, dass ein nicht-höhenkrank-werden-Potenzial doch in jedem Menschen stecken muss. Oder doch nur die, welche zufälligerweise Denisova-Vorfahren haben?
Miere 04.07.2014
2. Aber wieso?
Aber wieso sollten die Denisova-Menschen ein Gen zur Anpassung ans Hochgebirge entwickelt haben? Die heute bewohnten Hochgebirge müssten in der Eiszeit doch unbewohnbar gewesen sein, oder nicht? Wo sollen die gehaust haben, dass das über viele Generationen hinweg relevant war?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.