Höhlen-Akustik Steinzeitkünstler setzten auf Multimedia

Rund um den Globus hinterließen prähistorische Künstler ihre Werke. Ein US-Forscher hat nun Hinweise gefunden, dass sich in den Schallwellen, die von Jahrtausende alten Felsmalereien und Tempeln zurückgeworfen werfen, ein Widerhall der Vorstellungswelt ihrer Erschaffer verbirgt.

Von Gina Kirchweger, San Diego


US-Forscher Waller vor Felszeichnungen am "Black Tank Wash" in der Mojave-Wüste: Alte Künstler spielten mit Echos
P. Mercado

US-Forscher Waller vor Felszeichnungen am "Black Tank Wash" in der Mojave-Wüste: Alte Künstler spielten mit Echos

Bilder von Bisonherden galoppieren durch tiefe, feuchte Höhlen in Frankreich, fremdartig anmutende Wesen starren von steil aufragenden, sonnendurchglühten Felswänden im Südwesten der USA. Viele Felsmalereien befinden sich in schwer zugänglichen Höhlen und in Schwindel erregenden Höhen. Warum ausgerechnet dort? Herkömmliche Erklärungen für die Entstehung dieser Abbildungen - Schamanen-Rituale und Jagdzeremonien - liefern zwar einen Hinweis auf die Motivation der Künstler, die Frage nach der Ortsauswahl lassen sie aber unbeantwortet.

Das dachte sich auch der amerikanische Biochemiker Steven Waller, als er vor dem Eingang der reich bemalten Höhle bei Bedeilhac in Frankreich stand. Gleichzeitig fragte er sich, wo seine Frau so lange blieb, die nochmals zum Auto zurückgekehrt war, um ihre Jacke zu holen. Als auf seine Rufe statt einer Antwort seiner Frau ein Echo aus der Höhle schallte, hatte er eine Erleuchtung.

"Unsere prähistorischen Vorfahren erklärten Echos mit Geistern, die auf Rufe antworteten. Echos waren die Stimmen von übernatürlichen Wesen, die im Stein gefangen waren, Bewohner einer anderen Welt, die hinter dem Steinvorhang existierte", erklärt Waller. "Vielleicht gaben die prähistorischen Künstler den Unsichtbaren ein Gesicht."

Höhlen reflektieren Schall erstaunlich effektiv

Als der Forscher in der Fachliteratur nach Hinweisen auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Echos und Felszeichnungen suchte, fand er praktisch nichts. Also machte er sich mit einem Aufnahmegerät daran, die akustischen Eigenschaften von reich verzierten Höhlen und Canyonwänden zu dokumentieren.

Mittlerweile hat der Amateurakustiker aus dem kalifornischen San Diego die Echos von mehr als 200 Orten mit Höhlenmalereien und Felszeichnungen von fünf Kontinenten auf Band. Alle reflektieren oder verstärken den Schall mit erstaunlicher Effizienz.

Felszeichnungen am "Black Tank Wash" in der Mojave-Wüste in Kalifornien: Zurücktreten und laut johlen
S. Waller

Felszeichnungen am "Black Tank Wash" in der Mojave-Wüste in Kalifornien: Zurücktreten und laut johlen

Zugleich sammelte Waller Mythen aus aller Welt, die lange vor der modernen naturwissenschaftlichen Begründung eine Erklärung für Echos lieferten. So berichtet eine Legende der Paiute-Indianer von Hexen, die hinter Felsen versteckt in Schlangenhäuten wohnen und große Freude daran haben, die Worte von Passanten zu wiederholen. Bei den Bantus antwortet das Echo Kabundunglu seinem Zwillingsbruder, dem Donner. Die griechische Nymphe Echo verliebte sich in den schönen Narziss. Als sie keine Gegenliebe fand, verzehrte sie sich bis nur mehr ihre Stimme übrig blieb.

"Die kulturelle Information und die quantitativen akustischen Daten deuten darauf hin, dass die Künstler für ihre Dekorationen bewusst jene Oberflächen auswählten, die Schallwellen am besten reflektierten", meint Waller.

Lob von Kollegen

Die Fachwelt nahm diese Erklärung mit Wohlwollen auf. "Er ist der Erste, der experimentelle Daten vorzuweisen hat, und sie untermauern seine Echotheorie", sagt Ken Hedges, Organisator des alljährlich in San Diego stattfindenden Symposiums der American Rock Art Association. "Und das Schöne daran ist, dass sie nicht in Widerspruch mit anderen Erklärungen wie schamanistischen Zeremonien oder Jagdritualen steht."

Waller geht sogar noch einen Schritt weiter und spekuliert, dass sich die Steinzeitkünstler von den Echos in ihrer Motivwahl inspirieren ließen. Im Horseshoe Canyon im US-Bundestaat Utah schallen gesprochene Worte so klar zurück, als ob die dargestellten Figuren selbst antworten würden. Die Stimmen scheinen direkt hinter den überlebensgroßen Körpern aus dem Stein zu dringen. Der Widerhall klatschender Hände, von Höhlenwänden verstärkt und mehrmals reflektiert, erinnert an donnernde Hufschläge.

Multimediale Kunstwerke aus der Steinzeit

Tatsächlich malten und ritzten europäische Steinzeitkünstler fast ausschließlich Huftiere wie Pferde, Bisons, Schafe und Rehe in schallende Höhlen. "Die dargestellten Tiere korrelieren nur zum Teil mit den tatsächlich gejagten Tieren, vielmehr scheint es sich um die Darstellung von Echogeistern zu handeln", sagt Waller.

Prähistorische Felsmaler waren aber nicht die einzigen, die multimediale Kunstwerke erschufen. Wenn man am Fuß der 1000 Jahre alten Kukúlkan-Pyramide in Chichén Itza in Mexiko in die Hände klatscht, schallt ein eigenartiges Echo zurück. Es erinnert an das Zirpen eines Quetzals, der von den Mayas als heilig verehrt wurde. Die Pyramide des Zauberers in Uxmal, ebenfalls auf der Halbinsel Yucatan zu finden, produziert den gleichen Effekt.

Diese Erkenntnisse haben aber nicht nur akademischen, sondern auch praktischen Wert. "Konservierungsmaßnahmen haben in der Vergangenheit oft die Akustik außer Acht gelassen", betont Hedges. Das soll sich jetzt ändern. Waller empfiehlt allen Besuchern von Höhlen- und Felsmalereien derweil, nicht wie im Museum nur schweigend davor zu stehen. Stattdessen solle man ein paar Schritte zurück treten, kräftig in die Hände klatschen und laut johlen.



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