Höhlenforscher Colin Boothroyd Gruselzoo im Untergrund

Colin Boothroyd, 57, zwängte sich als Student zum ersten Mal in einen Erdspalt - und kam dabei fast um. Das hielt ihn nicht davon ab, die Höhlen Borneos zu erkunden. Der Brite erzählt von Märchengrotten, Grusel-Tieren und den Nächten unter der Erde.

Robbie Shone

SPIEGEL ONLINE: Seit fast 35 Jahren kommen Sie immer wieder nach Mulu in Sarawak, um durch unbekannte Höhlen zu kraxeln. Sie verbringen dann vier, fünf Tage unter der Erde. Warum tun Sie sich das an?

Boothroyd: Es ist die Faszination, die jeden Entdecker antreibt: Wir wissen nie, was sich hinter der nächsten Biegung verbirgt. Ich will der Erste sein, der seinen Fuß irgendwo hinsetzt. Über der Erde ist es schwer, Orte zu finden, an denen noch nie ein Mensch war. Das Erforschen von Höhlen ist hingegen nicht besonders sexy. Man macht sich dreckig und sieht kein Tageslicht. Man muss etwas verrückt sein, um das zu mögen.

Zur Person
  • Marcel Klovert
    Colin Boothroyd, 57, kam in Sheffield zur Welt und studierte Umweltwissenschaften in Lancaster. Er fliegt seit 1980 regelmäßig nach Borneo, um in seinem Urlaub Höhlen zu erforschen. Auf der diesjährigen Expedition nach Mulu in Sarawak haben er und sein Team mehrere Kilometer lange Höhenabschnitte entdeckt. Boothroyd lebt in Saint-Vincent-de-Mercuze im Südosten Frankreichs, wo er für eine französische Firma künstliche Höhlen entwirft.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie es so lange unter der Erde aus?

Boothroyd: Ich bin recht stur und höre nicht hin, wenn mir Kopf und Körper sagen, dass ich jetzt lieber nach Hause gehen sollte. Es ist sehr anstrengend, wenn wir uns durch Schlamm, Sand und Geröll voranarbeiten. Wir klettern matschige Hügel hinauf, hangeln uns um Felsbrocken herum. Man läuft eigentlich nie auf ebenem Grund.

SPIEGEL ONLINE: Woher wissen Sie im Dunkeln, wo Sie langgehen müssen?

Boothroyd: Wir folgen der Luft. Manchmal hört man den Wind richtig durch die Höhlen heulen.

SPIEGEL ONLINE: Schlafen Sie nachts gut unter der Erde?

Boothroyd: Nein, nur wenn ich sehr erschöpft bin. Meistens hört man nachts das klickende Geräusch, das die Salangenen machen, diese Vögel nisten auch noch drei bis vier Kilometer unter der Erde. Tagsüber ist es stiller, dann sind sie ausgeflogen.

SPIEGEL ONLINE: Treffen Sie in den Höhlen viele Tiere?

Boothroyd: Wir sehen kleine Skorpione, Schlangen und Riesenkrabbenspinnen, die so groß sind wie drei Kinderhände. Die sind aber harmlos. Bei den Hundertfüßern muss man aufpassen, die sind giftig und aggressiv. Einmal trat ich in eine Grotte und sah zwei rote Augen, die direkt auf mich zurasten. Das Tier rannte an mir vorbei in das Loch, aus dem ich gerade gekommen war. Mir blieb fast das Herz stehen und ich zitterte am ganzen Körper. Später ging mir auf, dass das ein Stachelschwein gewesen sein muss. Wir waren recht nah an der Oberfläche.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie je ernsthaft in Gefahr?

Boothroyd: Als Student habe ich mich in Yorkshire in ein Loch gezwängt, das so eng war, dass ich ausatmen musste, um hindurchzukommen. Auf der anderen Seite war keine Grotte wie gedacht, sondern nur ein kleiner Raum. Ich konnte mich nicht umdrehen und kam rückwärts nicht hinaus, weil meine Rippen im Weg waren. Ich hatte mich nackt ausgezogen, damit ich durch das Loch passte. Acht Stunden musste ich aufs Rettungsteam warten, im Januar, und um meine Beine floss das Schmelzwasser. Ich dachte, ich würde erfrieren. Die Retter banden ein Seil um meine Füße und zogen mich heraus. Ich habe laut geschrien. Danach war die Haut auf meiner Brust und an den Hüften komplett abgescheuert.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihre Mutter gesagt?

Boothroyd: Sie hatte mich schon abgeschrieben, sie kannte mich ja. Heute würde ich so etwas nicht mehr tun. Die Höhlen in Mulu sind auch so groß, dass wir selten auf allen Vieren kriechen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Schönste, was Sie in einer Höhle gesehen haben?

Boothroyd: Der Höhlenausgang - nach fünf Tagen in der Dunkelheit. Aber ich mag auch die Gänge, die das Wasser über die Zeit in den Stein gegraben hat. Stalaktiten und Stalagmiten sind eigentlich nicht so mein Ding, aber vor ein paar Tagen haben wir etwas entdeckt, das wie eine Pizza aussah, von der der Käse fließt. Das war hübsch.

Das Interview führte Heike Klovert.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
citi2010 05.06.2014
1. Kürzlich im NEW YORKER
Für alle die ausführlicheres zum Thema lesen wollen ein fulminanter Artikel vor einigen Wochen im NEW YORKER - in englisch natürlich. Auf der Webseite nur als pay zu haben. Aber sehr empfehlenswert.
doppelpost123 05.06.2014
2. künstliche Höhlen?
"Boothroyd lebt in Saint-Vincent-de-Mercuze im Südosten Frankreichs, wo er für eine französische Firma künstliche Höhlen entwirft." Kann mir jemand sagen, für was man künstliche Höhlen braucht? Für Freizeitparks? Oder Filmsets?
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