Hörvermögen Im Hirn des Dirigenten

Ob die Geige ganz rechts zu spät einsetzt oder der zweite Hornist zu laut spielt, Dirigenten haben keine Probleme, solche Feinheiten zu hören. Warum, das haben Magdeburger Neuropsychologen jetzt erforscht.


London/Magdeburg - Die Fähigkeit, "unpassende Geräusche vor einem Klanghintergrund räumlich zu orten, ist bei Orchesterleitern deutlich besser ausgeprägt als bei Solisten oder Nicht-Musikern", berichten die Forscher in der britischen Fachzeitschrift "Nature". Der Grund: Das Gehirn der Dirigenten hat eine besondere Technik, die Vielzahl der eintreffenden Geräusche zu verarbeiten.

Wer spielt hier falsch? Stardirigenten wie Riccardo Muti können auch in einem großen Orchester einzelne Musiker heraushören
AP

Wer spielt hier falsch? Stardirigenten wie Riccardo Muti können auch in einem großen Orchester einzelne Musiker heraushören

"Das ist wie auf einer Cocktailparty, wo man seine Aufmerksamkeit auf ein Gespräch unter vielen richtet", berichtet der Neurophysiologe Thomas Münte von der Universität Magdeburg. Aus verschiedenen Lautsprechern beschallte er sieben Dirigenten mit durchschnittlich 19 Jahren Berufserfahrung. Gleichzeitig mussten sich auch jeweils sieben Pianisten und Nichtmusiker kurzen Rausch-Impulsen aussetzen.

Die Versuchspersonen sollten sich dabei jeweils auf drei Lautsprecher direkt vor ihnen oder direkt neben ihnen konzentrieren. Mit einem Netz von Elektroden am Kopf maß Münte dabei, wie die Aufmerksamkeit anstieg, wenn die Impulse wirklich aus den angegebenen Lautsprechern kamen und wie sich die Aktivität änderte, wenn die Quelle der Töne woanders war.

Sowohl Musiker wie auch Nichtmusiker konnten die Richtung von Tönen, deren Quelle direkt vor ihnen lag, recht genau einordnen. Nur die Dirigenten unter den Testpersonen zeigten zudem spezielle Hirnaktivitäten, wenn die Geräusche aus verschiedenen Quellen neben ihnen ertönten. Zudem hatten sie eine geringere Fehlerrate bei der Bestimmung der Quellen.

Obwohl Dirigenten wahrscheinlich noch weitere Charakteristika wie Klangfarbe oder Intonation benutzen, um bestimmte Musiker zu identifizieren, zeige die Studie doch, dass intensive Übung das Hörvermögen verbessern kann, so Thomas Münte. Die Messungen der Hirnaktivitäten zeigten den Forschern zudem, dass alle drei Versuchsgruppen die gleichen Areale am Schläfenlappen des Gehirns benutzen. Münte: "Dirigenten nutzen diese Bereiche aber anscheinend effizienter."



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