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SPIEGEL

Julia Köppe

Hohenzollern gegen Historiker Der 250.000-Euro-Satz

Liebe Leserin, lieber Leser,  

Vergangenheit ist nicht dasselbe wie Geschichte. Vergangenheit ist das, was wirklich passiert ist. Sie bleibt konstant. Geschichte dagegen ist eine Interpretationsfrage, im ständigen Fluss und hängt – ob beabsichtigt oder nicht – von den Interessen und dem Weltbild derjenigen ab, die sie schreiben.

Soll man Josef Stalin verehren, weil er Adolf Hitler bekämpft hat? Hat Alexander der Große den Beinamen wirklich verdient? Haben die Hohenzollern dem nationalsozialistischen Regime "erheblichen Vorschub" geleistet?

Über solche Fragen lässt sich streiten. Die Antwort auf letztere entscheidet darüber, ob den Hohenzollern Entschädigungen für Enteignungen in Millionenhöhe zustehen. Die Verhandlungen verliefen lange diskret, bis der SPIEGEL  und "Tagesspiegel " sie aufdeckten. Vier Gutachten von Historikern liegen vor, zwei sprechen für einen "erheblichen Vorschub", zwei dagegen. Welche Auffassung sich durchsetzt, wird sich noch zeigen.

Doch schon jetzt ist der Streit über die Ansprüche der Hohenzollern derart hochgekocht, dass sogar die Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit zur Debatte steht.

Die Familie hatte kritische Historiker und Journalisten mit einstweiligen Verfügungen und Unterlassungsbegehren überhäuft. Betroffen ist auch Stephan Malinowski – einer der Gutachter, der von einem "erheblichen Vorschub" der Hohenzollern gegenüber dem nationalsozialistischen Regime ausgeht.

"Unkultur der Einschüchterung"

Bei den Unterlassungsbegehren ging es jedoch nicht um die "Vorschub"-Frage.  Stattdessen verlegten die Hohenzollern den Streit auf Nebenschauplätze, etwa die Frage, ob die Familie ein Mitspracherecht bei der historischen Darstellung der Hohenzollern einfordere.

Historiker Winfried Süß hatte im Interview mit dem NDR gesagt: "Viele von diesen Forderungen" – gemeint sind die Ansprüche der Hohenzollern – "sind hochproblematisch, zum Beispiel die Idee, dass es ein Mitspracherecht bei den historischen Darstellungen der Familie gibt, wenn diese Darstellungen durch Einrichtungen der öffentlichen Hand vorgenommen werden."

Der Anwalt der Familie bestreitet, dass es jemals solche Versuche gegeben hat und schickte Süß eine einstweilige Verfügung, die ihm eine Strafzahlung von bis zu 250.000 Euro androhte. Man wolle damit keine wissenschaftliche Debatte unterbinden, rechtfertigte sich der Anwalt später, sondern sei nur gegen Personen vorgegangen, die falsche Informationen verbreitet hätten. (Wie die Familie Hohenzollern in dem Streit argumentiert, lesen Sie hier .)

Gegen vermeintliche Falschmeldungen vorzugehen, ist das gute Recht der Hohenzollern. Sie hatten auch mehrfach juristisch Erfolg damit. Sie müssen sich jedoch die Frage gefallen lassen, ob hinter der einstweiligen Verfügung nicht in Wahrheit Einschüchterungstaktik steckt.

Zumal die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, die Hohenzollern-Exponate ausstellt, auf SPIEGEL-Anfrage mitteilte, dass die Familie Hohenzollern bei Sonderausstellungen wohl doch versucht habe, Einfluss auf die museale Darstellung zu nehmen.

Süß‘ Vorgesetzter, der renommierte Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), Martin Sabrow, kritisierte das Vorgehen der Hohenzollern als "Unkultur der Einschüchterung" und Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit. Auch der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) verurteilte "nachdrücklich, dass die Hohenzollern mit rechtlichen Mitteln gegen Historiker vorgehen".

Ist das Entgegenkommen nur eine Nebelkerze?

Nun scheinen die Hohenzollern zumindest bei den ZZF-Historikern zurückzurudern. Der Anwalt der Familie habe schriftlich bestätigt, dass die einstweilige Verfügung gegen Süß zurückgezogen werden soll, teilte sein Vorgesetzter Sabrow dem SPIEGEL auf Anfrage mit.

Er sieht das Entgegenkommen als Zeichen, dass die Hohenzollern auch gegenüber anderen betroffenen Wissenschaftlern nicht länger auf juristischem Weg vorgehen wollen. Der Anwalt der Familie hat das bisher nicht bestätigt. Eine entsprechende Anfrage blieb unbeantwortet.

Ist das Entgegenkommen der Hohenzollern am Ende nur eine Nebelkerze?  Betroffene Historiker gehen zumindest nicht davon aus, dass die juristischen Forderungen gegen sie zurückgezogen werden. Und: In der kommenden Woche gibt es vor dem Kulturausschuss des Bundestags eine öffentliche Anhörung zum Hohenzollern-Streit. Dabei wird auch die Forderung diskutiert, außergerichtliche Absprachen mit der Familie zu beenden.

Vielleicht gehört es zur Taktik des Ex-Adels, vor der Anhörung ein vorgebliches Zeichen der Versöhnung zu senden.

Herzlich

Ihre Julia Köppe

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen dieser Woche 

  • Falls Sie sich darüber hinaus für den Vermögensstreit der Hohenzollern interessieren: Das ausführliche Stück meines Kollegen Klaus Wiegrefe lesen Sie hier .

  • Die chinesische Millionenmetropole Wuhan kämpft gegen das gefährliche neue Coronavirus. Bahnhöfe und Flughäfen der Stadt wurden abgeriegelt. SPIEGEL-Korrespondent Georg Fahrion beschreibt die Situation vor Ort .

  • Er hat bereits Millionen Euro bei Investoren eingesammelt, doch nun gerät der Lufttaxi-Hersteller Lilium in Erklärungsnot. Ist der Ehrgeiz der Gründer womöglich nicht mit den Gesetzen der Physik vereinbar? Meine Kollegen Christoph Seidler und Marco Evers sind dem Verdacht nachgegangen

  • Kernkraftfans hoffen auf ein Comeback der Atomkraft und argumentieren ausgerechnet mit der Klimakrise, die viele von ihnen bezweifeln. Meine Kollegin Susanne Götze ist den kruden Argumenten nachgegangen.

  • Norwegen hat ein riesiges Ölfeld vor der Küste in Betrieb genommen und will trotzdem seine Klimaziele erreichen. Wie das gehen soll, erklärt mein Kollege Christoph Seidler.

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Quiz* 

  1. Aus welchem Adelsgeschlecht stammt die britische Königin?

  2. Unter welcher Bedingung durften männliche Adlige laut dem Allgemeinen Preußischen Landrecht 1794 Bürgerliche heiraten?

  3. Was ist eine "Adelsprobe"?

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter. 

Bild der Woche 

Foto: Patrick Ngugi/ dpa

Eine Heuschreckenplage biblischen Ausmaßes sucht gerade Äthiopien, Somalia und Kenia heim – hier kämpfen zwei kenianische Mitarbeiter des Katastrophenschutzes gegen solch ein Insektenheer. Der Ausbruch ist der schlimmste seit vielen Jahrzehnten. Im März beginnt die Erntezeit; es kann zu Totalausfällen kommen. Ein Schwarm in Kenia ist mit Hunderten Millionen Tieren fast so groß wie das Saarland. Und ein Quadratkilometer der Heuschrecken vertilgt pro Tag so viel Nahrung wie 35.000 Menschen. Werden sie nicht bekämpft, kann ihre Zahl bis Juni auf das 500-Fache anwachsen.

Fußnote  

0 Kinder unter 16 Jahren starben im letzten Jahr in Norwegen im Straßenverkehr. Rund um einige Osloer Schulen waren Zonen eingeführt worden, in denen verstärkt auf Verkehrssicherheit geachtet wird. 2019 kamen im ganzen Land 110 Menschen im Straßenverkehr ums Leben; ein Drittel aller im Auto Getöteten trug keinen Sicherheitsgurt. Mit diesen Zahlen ist Norwegen eines der verkehrssichersten Länder Europas.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten:  

  1. Sachsen-Coburg und Gotha. Im Ersten Weltkrieg benannte König Georg V. das britische Königshaus jedoch in Windsor um.

  2. Kam die Braut aus dem "Bauern- oder geringen Bürgerstande", mussten drei Verwandte oder der Landesherr zustimmen.

  3. Im Hochmittelalter mussten Adlige mithilfe von Zeugen oder eidlichen Beglaubigungen nachweisen, dass mindestens vier ihrer Vorfahren adliger Abstammung waren, wenn sie beispielsweise heiraten oder in einen Orden eintreten wollten.