Fotostrecke

Monumentalstreifen "Die Zehn Gebote": Meister der Gigantomanie

Foto: Paramount Pictures

Hollywood-Ausgrabungen Archäologen schaufeln "Zehn Gebote" frei

Unter kalifornischen Dünen liegt ein altägyptischer Tempel vergraben - der nicht mal hundert Jahre alt ist. Der einstige Schauplatz des Stummfilmepos "Die Zehn Gebote" ist jetzt ein Fall für Archäologen: Sie bergen die gigantische, fragile Hollywood-Kulisse aus dem Sand. Und haben zu kämpfen.

Zunächst war dem Archäologen John Parker nur aufgefallen, dass da etwas Ungewöhnliches dicht unter der Oberfläche lag. Er kniete sich hin und begann, mit dem Pinsel den lockeren Sand wegzufegen. Plötzlich blickte er in ein Auge. "Da schaute mich das überlebensgroße Gesicht von Pharao Ramses II. direkt aus dem Boden heraus an."

Parker saß nicht etwa im Schatten der Pyramiden von Gizeh - er hockte mitten in den Guadalupe-Nipomo-Dünen an der kalifornischen Central Coast. Die Herrschervisage war auch kein Kunstwerk aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus, sondern eine Gipsskulptur von 1923. Denn hier, in Sichtweite des Pazifischen Ozeans, ruht unter dem Dünensand die Kulisse einer der größten Monumentalfilme aller Zeiten: "Die Zehn Gebote."

Mit 2500 Schauspielern und 3000 Tieren zog seinerzeit der Produzent und Regisseur Cecil B. DeMille für die Dreharbeiten von Hollywood an die rund 260 Kilometer weiter nördlich gelegene Dünenlandschaft. Es sollte kein Spaziergang werden: "Eure Haut wird Euch am Leib gegrillt werden. Ihr werdet den Komfort eines Zuhauses vermissen." Er warnte sein Team: "Ihr werdet an der vielleicht unangenehmsten Location der Filmgeschichte arbeiten müssen. Ich verlange von euch äußerstes Bemühen!"

Eigentlich hätte DeMille seinen Film gerne in Ägypten selbst gedreht. Doch seine Filmgesellschaft Paramount Pictures scheute die Kosten - und schickte DeMille stattdessen nach Guadalupe. Allerdings stiegen die Kosten auch dort ins Enorme: 1,4 Millionen US-Dollar. "Die Zehn Gebote" machten Schlagzeilen als teuerster Dreh der Filmgeschichte.

Und für die Demontage des Sets war am Ende kein Geld übrig.

Stehen lassen wollte DeMille seine Tempel und Kolossalstatuen nicht. Die Gefahr, dass sich die Konkurrenz an den Kulissen für eigene Produktionen bedient hätte, war zu groß. Also bestellte der Regisseur Bulldozer und ließ die ägyptische Scheinstadt kurzerhand im Sand verschwinden.

"Aus kunsthistorischer Sicht hochinteressant"

In der Autobiographie DeMilles, der 1959 in Hollywood verstarb, heißt es: "Wenn in 1000 Jahren Archäologen im Sand von Guadalupe graben, dann - hoffe ich - publizieren sie nicht überstürzt die erstaunlichen Neuigkeiten, dass die ägyptische Zivilisation sich bis an die Pazifikküste Nordamerikas erstreckte."

Dieser Satz faszinierte 1982 den damals jungen Filmstudenten Peter Brosnan so sehr, dass er beschloss, einen Dokumentarfilm über die versunkene Dünenstadt zu drehen. Allerdings hat er bis heute keinen Geldgeber für sein Projekt begeistern können. Inzwischen arbeitet Brosnan als Sozialarbeiter für die Stadt Los Angeles. DeMilles Tempel hat ihn aber seither nicht losgelassen.

Immerhin engagierte Brosnan den Archäologen Parker für eine Voruntersuchung des Geländes. "In der Regel beschäftige ich mich mit prähistorischen Artefakten", sagt Parker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Aber die Relikte aus der jüngeren Vergangenheit zogen den Ausgräber schnell in ihren Bann. "Das Set der 'Zehn Gebote' ist vor allem aus kunsthistorischer Sicht hochinteressant." Entworfen wurden die Bauten und Skulpturen von Paul Iribe, einem Designer, Künstler und Modezeicher sowie Mitbegründer des Art Déco. "Als die Art-Déco-Bewegung in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre entstand, griff sie viele Stilelemente aus der altägyptischen Kunst und Architektur auf", sagt Parker. "Iribe war durch die Arbeit an dem Set bestens mit dieser Bildsprache vertraut."

1600 Handwerker standen Iribe für die Umsetzung seiner Ideen zur Verfügung. Der Franzose ließ zunächst einen gigantischen Tempel im Sand errichten: über 240 Meter lang und 36 Meter hoch. Davor thronten vier Statuen des Herrschers Ramses II., inspiriert von den Bildnissen des Pharao an seinem Tempel in Abu Simbel. Jede einzelne von ihnen brachte 40 Tonnen auf die Waage. Den Weg zum Tempel bewachten 21 Sphingen.

Konsistenz wie ein Blauschimmelkäse

Iribes Werk war niemals für die Ewigkeit gedacht. Als Baumaterial verwendete der Künstler Gips - ein Werkstoff, der in Windeseile erodiert, wenn er einmal aus dem Sandboden ragt. "Die Guadalupe-Nipomo-Dünen wandern mit einer Geschwindigkeit von etwa acht bis zehn Zentimeter pro Jahr", erklärt Parker. "Etwa ein Drittel des Filmsets hat der Wind schon freigelegt und einfach abgeschliffen - wie mit einem Sandstrahlgebläse."

Ein weiteres Problem ist die Feuchtigkeit im Boden. Unter der ausgetrockneten Oberschicht ist der Sand permanent feucht und hat den Gips zu einer krümeligen Masse aufgeweicht. "Der Gips hat mittlerweile die Konsistenz von Blauschimmelkäse", sagt Parker. "Jedes neu freigelegte Stück müssten wir erst einmal wieder trocknen lassen, bevor wir es mit härtenden Chemikalien tränken können. Dann erst kann es unbeschadet aus dem Boden geholt werden."

Die komplizierten Konservierungsmethoden tragen auch dazu bei, dass es an Sponsoren für das Projekt mangelt. Spaten ansetzen und fröhlich drauf losgraben - damit ist es in Guadalupe längst nicht getan. Auch die Holzbalken des Sets sind marode. Termiten haben sie in den vergangenen 87 Jahren fast völlig aufgefressen. Ebenso macht der lose Sand den Archäologen zu schaffen: Viereckige Löcher lassen sich darin nicht graben. "Wir müssen neben der eigentlichen Fundstelle graben, und dann den Sand vom Fund herunter in das Loch rieseln lassen", erklärt Parker die Technik.

Nicht nur das Filmset fasziniert Parker und seine Crew: Die ehemalige Zeltstadt der Schauspieler ist ebenfalls ein interessantes Grabungsareal. "Hier können wir erstaunlich viel vom Leben der Schauspieler in den zwanziger Jahren lernen", sagt der Archäologe. Zumal in jenen Zeiten kaum auf eine umweltgerechte Entsorgung von Abfällen Wert gelegt wurde. Parker fand Überreste des Caterings wie leere Konservendosen von Birnen und Pfirsichen und pikanterweise auch einige Medizinflaschen, die einst Hustensaft enthielten. Von 1919 bis 1933 herrschte in den USA die Alkoholprohibition: Herstellung, Verkauf und Transport von Alkohol waren streng verboten. Hustensaft aber bestand damals zu 40 Prozent aus Alkohol. Parkers Vermutung: "Vielleicht hat ein Schauspieler so seinen Alkoholkonsum getarnt."

Glyzerin statt Schweiß

Manch einer könnte auch versucht haben, sich die Arbeitsbedingungen am Filmset erträglich zu trinken. Zwar blieb die von DeMille im Vorfeld angedrohte Hitze aus. Doch obwohl es sich um eine Sandwüste handelt, sorgt der stete Pazifik-Wind dafür, dass die Temperatur das ganze Jahr über konstant zwischen 15 und 18 Grad Celsius bleibt. Damit hatte der Regisseur ein Problem: Laut Drehbuch sollten Moses und seine Leute sich in der heißen Sonne Ägyptens die Seele aus dem Leib schwitzen. "Im Film sieht man, wie den Schauspielern Schweißtropfen über die nackten Oberkörper laufen", lacht Parker. "Aber das war kein Schweiß, das war Glyzerin. Und mit der Nässe auf der nackten Haut müssen sie bei dem Wind hier jämmerlich gefroren haben."

Am Ende spielte der Film 4,1 Millionen US Dollar ein - damals eine Rekordsumme. 1956 drehte DeMille ein Remake. Es wurde sein letzter Film. Viele der alten Schauspieler des Stummfilmoriginals waren wieder mit dabei. Frieren musste diesmal aber niemand mehr, denn Paramount zahlte bereitwillig für den Dreh in Ägypten. Eine lohnende Investition: Der Film spielte 18,5 Millionen US-Dollar ein und gilt noch heute als einer der größten Monumentalfilme aller Zeiten. Unter den neuen Schauspielern war der junge Charlton Heston alias Moses. Er bekam die Rolle, weil er DeMille beim Vorsprechen mit seinem umfangreichen Wissen über das alte Ägypten beeindrucken konnte. Auch Hestons neugeborener Sohn Fraser spielte mit - als Baby-Moses.

Die Guadalupe-Nipomo-Dünen aber hatten noch lange nicht ausgedient. In den Folgejahren gaben sie wahlweise die Sahara, die Wüste Gobi oder auch mal eine irakische Kulisse. Und zuletzt waren sie wieder in einem Meilenstein der Filmgeschichte zu sehen: in "Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.