Holz-Analyse Älteste Tür Englands birgt dunkles Geheimnis

Sie hängt arg ramponiert in den Angeln, doch sie ist ein historischer Schatz: In der Westminster Abbey schwingt seit über 900 Jahren die älteste Tür Englands. Archäologen haben in dreimonatigen Analysen nun auch das Geheimnis um eine blutrünstige Legende gelüftet, die sich um die Tür rankt.


Historische Bretter: Die Tür birgt ein grausames Geheimnis
AP

Historische Bretter: Die Tür birgt ein grausames Geheimnis

Die Archäologen stellten mit modernsten Messmethoden fest, dass die Tür schon um das Jahr 1050 in der Westminster Abbey eingesetzt worden war. Seitdem war sie Zeuge der wechselvollen englischen Geschichte: Die unscheinbare Holztür führt in den achteckigen Kapitelsaal, der im 13. Jahrhundert von den Mönchen täglich zum Beten genutzt wurde.

Im 14. Jahrhundert trat hier übergangsweise auch das englische Parlament zusammen. Inzwischen dient der Kapitelsaal als Archiv für religiöse Dokumente. In der Westminster Abbey werden überdies traditionell die englischen Monarchen gekrönt und beigesetzt.

"Es war schon lange klar, dass diese abgenutzte und unbedeutend aussehende hölzerne Tür uralt sein musste, aber ihr genaues Alter war bisher unbekannt", sagte eine Sprecherin der Westminster Abbey. Die dreimonatigen Untersuchungen an der Tür waren mit etwa 5500 Euro von der English Heritage finanziert worden. Die Tür sei die einzige noch erhaltene angelsächsische Tür in England, sagten die Wissenschaftler der BBC.

Das Holz stammt von nur einem Baum, der zwischen den Jahren 924 und 1030 gewachsen war. "Die Ringstruktur des Holzes weist darauf hin, dass der Baum im Osten Englands stand", erklärte der Archäologe Warwick Rodwell. Mit großer Wahrscheinlichkeit sei er in den ausgedehnten Waldgebieten, die der Westminster Abbey gehörten, gewachsen, etwa in der Grafschaft Essex.

Quietschen der Geschichte: Peter Crook von der Westminster Abbey öffnet die älteste Tür Englands
AP

Quietschen der Geschichte: Peter Crook von der Westminster Abbey öffnet die älteste Tür Englands

Die Tür ist aus fünf Brettern gezimmert und ist mit etwa zwei Metern Höhe und 1,20 Metern Breite eher klein. Es wird angenommen, dass die Tür nur deshalb bis heute erhalten blieb, weil sie im Innenraum der Westminster Abbey angebracht ist und regelmäßig benutzt wurde. Schon lange war sie zur Sehenswürdigkeit für Touristen geworden.

Seit dem 19. Jahrhundert rankt sich überdies eine blutrünstige Legende um die Pforte: "Im 19. Jahrhundert hat man entdeckt, dass an der Tür Hautreste kleben", erklärte die Sprecherin der Kirche. Schnell kursierte die dazu passende Geschichte: Im Mittelalter sei ein Einbrecher in die Kirche eingedrungen und habe die Abtei geschändet. Dem entdeckten Frevler sei daraufhin die Haut abgezogen worden. Zur Warnung aller weiteren Verbrecher soll diese anschließend an die Tür genagelt worden sein.

Die modernen Forschungsmethoden haben diese makabre Version nun widerlegt: Die Analyse habe ergeben, dass es sich bei den Resten lediglich um Kuhfell handele, erklärte die Sprecherin. Die Gründe sind jedoch weiterhin rätselhaft - und werden wohl bald für neue Legenden sorgen.



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