Seltene Entwicklung Hobbit-Menschen schrumpfte das Hirn

Noch vor knapp 20.000 Jahren lebte in Indonesien ein zwergenhafter Verwandter des Menschen. Forscher haben das Rätsel seines winzigen Gehirns gelöst: Der Flores-Hobbit entwickelte sich rückwärts.
Homo floresiensis mit Tieren seiner Zeit: Kopf von der Größe einer Grapefruit

Homo floresiensis mit Tieren seiner Zeit: Kopf von der Größe einer Grapefruit

Foto: NMNS Tokyo

London - Vor neun Jahren entdeckten Forscher unseren wohl rätselhaftesten Verwandten: Auf der indonesischen Insel Flores fanden sie die Überreste des Homo floresiensis. Er war etwa einen Meter groß, der Kopf hatte die Größe einer Grapefruit. Erstaunlicherweise lebte Hobbit, wie er mit Spitznamen genannt wird, noch vor knapp 20.000 Jahren.

Jetzt zeigt die Untersuchung der Schädelknochen: Unsere Gattung Homo entwickelte sich flexibler als bisher angenommen: Das folgern japanische Forscher aus einer Analyse des der kleinsten bekannten Art der Menschenartigen. Wie die Forscher in den "Proceedings of the Royal Society B" berichten, war das Gehirn dieses oft als Hobbit bezeichneten Hominiden zwar größer als meist vermutet. Dennoch sei das Denkorgan bei der Entwicklung dieser Art vermutlich deutlich geschrumpft - möglicherweise weil ein großes Gehirn in ihrer Umwelt nicht nötig war.

Mit einer Körpergröße von nur etwa einem Meter gilt der Hobbit als kleinster Vertreter der Gattung Homo. Auffällig ist die selbst für die kurze Statur auffällig geringe Hirngröße. Das Volumen schätzten Forscher bislang auf 380 bis 430 Kubikzentimeter, was etwa der Größe bei Schimpansen entspricht. Zum Vergleich: Beim Menschen beträgt das Volumen etwa 1300 Kubikzentimeter.

Rätselhaft ist auch der Ursprung dieser Art. Wenn sie vom Homo erectus, der nachweislich in dieser Region lebte, abstammen würde, müsste sie einen Großteil der Hirnmasse eingebüßt haben. Denkbar wäre auch, dass der kleinere Homo habilis, der ebenfalls ein recht kleines Hirnvolumen hatte, der Ahne war. Doch gibt es keinerlei Beleg dafür, dass diese Art, die vor rund zwei Millionen Jahren lebte, jemals Afrika verlassen hat. Manche Forscher vermuteten sogar, dass der auffällige Kleinwuchs und das winzige Gehirn des Hobbit von einer Erkrankung herrühren könnten - es sich somit also nicht um eine eigene Art handelt.

Wenig Konkurrenz, wenig Hirn

Um das Rätsel zu lösen, analysierten die Forscher um Daisuke Kubo von der Universität Tokio den recht gut erhaltenen Schädel des Individuums LB1 mit einer neuen hochauflösenden Computertomografie. Damit bestimmten sie das Hirnvolumen auf etwa 426 Kubikzentimeter. Gleichzeitig gehen sie davon aus, dass das Gehirn des frühen Homo erectus etwa 860 Kubikzentimeter fasste. Dies wäre zwar deutlich weniger als bisher angenommen, aber immer noch etwa doppelt so viel wie bei LB1.

Mindestens 50 Prozent des eingebüßten Hirnvolumens, "wahrscheinlich viel mehr", erkläre sich durch die geringere Körpergröße des Hobbit, schreiben die Wissenschaftler weiter. "Das bedeutet, dass bis 50 Prozent seiner Hirngrößen-Verringerung durch andere Faktoren erklärt werden muss."

Für solche Schrumpfungsprozesse des Gehirns gebe es einige Belege von anderen Säugetieren, schreiben sie. Als Beispiele nennen sie ausgestorbene Höhlenziegen auf den Balearen oder madagassische Flusspferde. Die geringere Hirnmenge habe vermutlich den Energieverbauch reduziert - zumal der Hobbit nicht mit großen Fleischfressern konkurrieren musste, mit Ausnahme des Komodowarans und eines Riesenstorchs.

"Wir folgern, dass die Entwicklung des frühen Homo erectus zum Homo floresiensis auch in Bezug auf die Hirngröße möglich war", folgern die Forscher. Das zeige, dass sich Menschenartige unter speziellen Bedingungen auch in gegensätzliche Richtungen entwickeln können - der Hobbit-Mensch entwickelte sich rückwärts, um sich besser an die Umwelt anzupassen. Letztlich hat es nichts gebracht, unser rätselhafter Verwandter starb aus.

boj/dpa
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