Homo sapiens entlastet Neandertaler starben den Kältetod

Das harte Klima in Europa vor 30.000 Jahren soll schuld sein am Aussterben des Neandertalers. Der nächste Verwandte des modernen Menschen kam mit den heftigen Kälteeinbrüchen der letzten Eiszeit nicht zurecht, glauben Archäologen.


Neandertaler bei der Jagd: Die Kälte machte ihnen den Garaus
DPA

Neandertaler bei der Jagd: Die Kälte machte ihnen den Garaus

Ein schwerwiegender Verdacht lastet seit Jahrzehnten auf der Menschheit: Hat der Homo sapiens den Neandertaler auf dem Gewissen? Jetzt gibt eine Gruppe von 30 Wissenschaftlern Entwarnung und sagt, das strenge Eiszeitklima habe den Neandertaler umgebracht.

Das von Tjeerd van Andel von der University of Cambridge geleitete Team behauptet, dass es den Neandertalern schlicht an technischem Know-how fehlte, um die immer härteren Winter zu überleben. Und auch die Vorfahren des modernen Menschen, die zur selben Zeit vor 40.000 Jahren ebenfalls in Europa siedelten, hätten beinahe das gleiche Schicksal erlitten.

30 Archäologen, Anthropologen, Geologen und Klimaforscher hatten Daten aus über 400 archäologischen Fundstätten zusammengetragen, die Hinweise auf die Zeit von vor 40.000 bis vor 20.000 Jahren enthalten. Diese archäologischen und biologischen Informationen wurden um modernste Klimamodelle ergänzt.

Flucht vor der Kälte

Die Neandertaler waren die nächsten Verwandten des modernen Menschen, ihm jedoch bald unterlegen
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Die Neandertaler waren die nächsten Verwandten des modernen Menschen, ihm jedoch bald unterlegen

Das Ergebnis des archäologischen Puzzles: Offenbar flüchteten die Neandertaler vor den immer härter werdenden Wintern Richtung Süden, ebenso wie die Vorfahren der modernen Menschen. Vor 30.000 Jahren herrschte in Europa ein wesentlich kälteres Klima als heute - im Winter fiel die Temperatur regelmäßig auf minus zehn Grad Celsius.

Die Homo-Sapiens- und Neandertaler-Gemeinschaften wechselten ihren Siedlungsraum mit den Jahreszeiten. Die Ergebnisse seien so präzise, dass Forscher zum ersten Mal die Wanderungen beider Spezies verfolgen könnten, schreibt die Fachzeitschrift "New Scientist".

Der an der Studie beteiligte britische Archäologe William Davies sagte, es sei erstaunlich, in welchem Umfang die Neandertaler von der Kälte abgeschreckt wurden. Sie seien wie die Homo Sapiens der Aurignacian-Periode, die vor 40.000 Jahren begann, in wenige Refugien in Südwestfrankreich und an der Schwarzmeerküste geflüchtet.

Es sei archäologisch erwiesen, dass beide Gemeinschaften nebeneinander existierten, wobei sie allerdings um die immer knapper werdenden Ressourcen konkurrierten. Auch der Homo Sapiens wäre damals wohl ausgestorben, wenn er sich nicht weiterentwickelt hätte.

Rettung durch Felle

Neandertaler-Messer aus Knochen: Der Fund aus den Rhone-Tal wurde mit einem Feuerstein bearbeitet
AP

Neandertaler-Messer aus Knochen: Der Fund aus den Rhone-Tal wurde mit einem Feuerstein bearbeitet

Etwa vor 30.000 Jahren begann die Gravetian-Ära mit ganz neuen Werkzeugen wie steinernen Speerspitzen und Fischernetzen, die den modernen Menschen mehr Beute machen ließen. Auch Kleidung tauchte damals auf. Zusammengenähte Felle und gewebte Textilien boten Schutz vor Unterkühlung.

Den Neandertalern fehlten solche Hilfsmittel, und so starben sie vor etwa 28.000 Jahren aus. Der moderne Mensch aber nutzte die neuen Techniken, um zu überleben. Paul Pettitt, Experte für Neandertaler an der University of Sheffield, sagte, dieser Schritt sei so revolutionär gewesen, dass der Homo sapiens fortan zur Nummer eins wurde.



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