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Homo-sapiens-Funde: War Adam Marokkaner?

Foto: Shannon McPherron/ MPI EVA Leipz

Spektakulärer Fund Homo sapiens ist viel älter als gedacht

Muss der Stammbaum des Menschen umgeschrieben werden? Forscher datieren neue Fossilien des Homo sapiens auf ein Alter von mehr als 300.000 Jahren - was unsere Spezies nicht nur deutlich älter, sondern auch zu Marokkanern macht.

Ein internationales Wissenschaftler-Team stellt Alter und Herkunft des modernen Menschen Homo sapiens in Frage: Sie taxieren die Entstehung unserer Spezies auf eine Zeit, die deutlich mehr als 300.000 Jahre zurückliegt. Bisher ging man von nur 200.000 Jahren aus.

Die Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und des Nationalen Instituts für Archäologie und kulturelles Erbe in Rabat (Marokko) hatten Fossilienfunde aus Afrika neu analysiert.

Verblüffend ist jedoch nicht nur das Alter der Funde, sondern auch ihr Fundort im nordafrikanischen Marokko: Bisher gilt als wissenschaftlicher Konsens, das Homo sapiens seine Wurzeln in Ostafrika hat.

Neue Methoden - neue Ungewissheiten

Die zwei neuen "Nature"-Studien stehen exemplarisch für die Umbrüche, welche die Anthropologie in jüngster Zeit erlebt. Neue Untersuchungsmethoden stellen immer häufiger vermeintliche Gewissheiten in Frage.

Erst im Mai warfen Forscher des Senckenberg-Instituts die These in den Ring, dass der Mensch sich nicht in Afrika, sondern in Europa entwickelt haben könnte. Wenige Wochen zuvor zeigten südafrikanische Experten, dass der vermeintliche Vormensch Homo naledi zeitgleich mit dem Homo sapiens lebte. Im April verblüfften Forscher mit der Behauptung, der Mensch sei schon 115.000 Jahre früher nach Amerika gekommen als bisher gedacht - und das womöglich mit Booten.

All diese Studien rütteln am Zeitplan der Menschwerdung, der wissenschaftlichen Rekonstruktion unserer kulturellen Reifung und Verbreitung. Vermeintlich archaische Menschen überlebten - als Zeitgenossen des Homo sapiens - offenbar viel länger als gedacht, geografische Räume wurden früher erschlossen als vermutet, Zeitplan und Ausbreitung des Menschen scheinen nicht mehr sicher. Auch die zwei aktuellen Studien reihen sich da ein. Ihre Kernthesen:

Etappen der Menschwerdung (nach bisherigen Erkenntnissen)

Etappen der Menschwerdung (nach bisherigen Erkenntnissen)

Foto: DER SPIEGEL

Das stellt weit mehr in Frage als die Verortung der Wiege des modernen Menschen. Seine mit rund 195.000 Jahren bisher ältesten Fossilien fand man in Äthiopien. Von dort, so die Lehrmeinung, verbreitete sich unsere Spezies in alle Richtungen und über alle Kontinente.

Das Rift Valley: Anstoß zur Menschwerdung?

Doch das ostafrikanische Rift Valley, auch Großer Afrikanischer Grabenbruch genannt, gilt nicht nur als Heimat der Gattung Homo und aller ihrer Arten, sondern auch als der evolutionäre Motor der Menschwerdung: Man glaubt, dass geologische und klimatische Veränderungen, die durch das Aufbrechen des Grabens eingeleitet wurden, die Evolution des Menschen mit angestoßen hätten. Es ist ein wichtiger Teil unserer Erklärung, wie und warum es überhaupt zur Entstehung der Gattung Mensch kam.

Die aktuellen Studien basieren auf einer zeitlichen Neu-Einordnung von Funden aus den Sechzigerjahren sowie frischen Ausgrabungen, die diese zeitliche Taxierung stützen. Die in Jebel Irhoud gefundenen Knochen ordnen die Forscher bis zu fünf Individuen zu. Die Knochen stammten trotz einiger archaischer Merkmale zweifelsfrei von Homo sapiens - wenn auch von einem sehr frühen Vertreter.

Denn die Forscher fanden auch Unterschiede: Während der Gesichtsschädel der in Marokko gefundenen Frühmenschen dem modernen Menschen entspricht, wirkt die Schädelform archaisch - und das dürfte dann auch für das Gehirn dieser frühen Sapiens gegolten haben. Auf Computertomografien basierende 3D-Rekonstruktionen der Schädel zeigten "modern aussehende Gesichter und Zähne", aber noch eher "längliche, archaisch anmutende" Hinterköpfe, erklärt der Paläoanthropologe Philipp Gunz.

Stimmen bisherige Zuordnungen noch?

Die marokkanischen Sapiens ähnelten uns also optisch zwar bereits sehr, doch intellektuell hätte sich noch einiges zu entwickeln gehabt: Sein heutiges, extrem leistungsfähiges Gehirn habe Sapiens offenbar später ausgeprägt als den Rest seines Körpers.

So wie auch seine Kultur: Die Steinwerkzeuge, die in Marokko gefunden wurden, ordnete man der sogenannten Levalloistechnik zu - und die assoziiert man vor allem mit dem Neandertaler. Demnach standen die Sapiens von Jebel Irhoud kulturell und technologisch noch auf einer deutlich niedrigeren Stufe als die Menschen, die weit über 100.000 Jahre später Afrika verließen. Das aber hat Konsequenzen: Viele sehr alte Fundstätten werden wegen solcher Werkzeuge aus dem Mittelpaläolithikum nicht dem Homo sapiens zugeordnet - und das könnte falsch sein, argumentieren die Forscher.

An der zeitlichen Einordnung hat Daniel Richter, Hauptautor einer der zwei Studien und Experte für Geochronologie-Verfahren, keine Zweifel. Man habe nicht nur das Alter der gefundenen Werkzeuge mit Hilfe von modernen Thermolumineszenz-Verfahren  bestimmen können. Die Daten korrespondierten auch mit denen eines gefundenen Unterkiefers und seiner Zähne, die man mit Hilfe radioaktiver Zerfallsraten datiert habe.

War Adam Marokkaner?

Was lässt sich aus all dem schließen? Zumindest, dass sich der Mensch lang vor seiner Eroberung der Erde weit über den afrikanischen Kontinent verbreitet habe. Und das, meint Jean-Jacques Hublin, der am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig forscht, deute darauf hin, dass die Geschichte der Menschwerdung deutlich komplexer verlaufen sei als bisher gedacht: Gerade Nordafrika sei als mögliches Herkunftsgebiet des Menschen bisher "vernachlässigt" worden. Kam der Sapiens also aus dem Maghreb?

Das wissen auch Chris Stringer und Julia Galway-Witham nicht, die von "Nature" um eine Einordnung der Studien gebeten wurden. Sie sehen aber durchaus Erkenntnisfortschritte:

  • Die fossilen Befunde zur Menschwerdung seien notorisch lückenhaft. Jebel Irhoud fülle da eine Lücke: Bisher habe es kaum Funde gegeben, die moderne Menschen mit archaischen Eigenschaften dokumentierten;
  • Die zeitliche Bestimmung korrespondiere mit unseren Erwartungen aus der Genanalyse: Unsere DNA zeige, dass sich Homo sapiens vor rund 500.000 Jahren von den anderen bekannten Menschenarten abzuspalten begann. Bisher gab es dafür keine fossilen Belege;
  • Die bisherige Deutung der Jebel-Irhoud-Funde als "afrikanische Neandertaler" sei nicht schlüssig gewesen. Schon 1968 habe man dort den Kiefer eines Kindes gefunden, dessen Bezahnung deutlich moderner wirkte;
  • Die vor Ort gefundenen Werkzeuge ähnelten denen ähnlichen Alters aus anderen Teilen Afrikas, was Sapiens mit einer Kulturstufe assoziiert, in deren Kontext er bisher nicht gesehen wurde;
  • Klimamodelle deuteten an, dass die Sahara vor mehr als 300.000 Jahren durchquerbar gewesen sein könnte: Eine Migration früher Menschen über ganz Afrika läge also im Bereich des Möglichen.

Die externen, an der Studie nicht beteiligten Experten werfen allerdings auch die Frage auf, ob das "zarte Gesicht" des Homo sapiens nicht auch das Erbe eines archaischeren Vorläufers sein könnte.

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Dann wäre es auch denkbar, dass dieser Entwicklungstrend zu zarteren Gesichtszügen an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Arten der Gattung Homo auftrat - und nicht zwangsläufig nur bei Sapiens. Umstrittene, auf 260.000 Jahre taxierte Funde in Südafrika könnten dann genauso wie die Funde in Marokko analoge Entwicklungen sein, die auf dem Erbe eines zartgesichtigen Vorfahren beruhten. Für die vermuteten transafrikanischen Wanderungsbewegungen fehlten jedenfalls noch Belege.

Ihr Fazit: "Hublin und Kollegen deuten an, dass die klaren Unterschiede zwischen modernen und archaischen Menschen verwischen werden, je dichter der fossile Befund wird. Da haben sie womöglich recht. Ihre Beweise deuten aber auch darauf hin, dass es bis vor 300.000 Jahren eine weit längere Gleichzeitigkeit von archaischen und modernen Menschen überall in Afrika gegeben hat."

Klar scheint damit zumindest eines: Die Menschheitsgeschichte war auf jeden Fall komplexer als bisher gedacht.

Homininen und Hominiden