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11. Januar 2011, 09:34 Uhr

Homo sapiens und Neandertaler

40 Jahre alte Greise

Warum setzte sich der moderne Mensch gegen den Neandertaler durch? Eine Theorie scheidet einer neuen Studie zufolge aus: Ihre geringere Lebenserwartung wurde den ausgestorbenen Frühmenschen nicht zum Verhängnis - unsere Vorfahren wurden auch nicht älter.

Die Neandertaler starben während der Eiszeit aus. Erklärungen dafür gibt es viele: Sie fielen mordenden Homo-sapiens-Gruppen zum Opfer. Es waren einfach zu wenige. Ihr einseitiger Speiseplan besiegelte ihren Untergang. Erst kürzlich konnten Forscher eine Theorie widerlegen: Neandertaler aßen auch Grünzeug, der frühe moderne Mensch setzte sich daher wahrscheinlich nicht wegen seiner flexibleren Ernährung gegen den Vetter durch. Eine weitere These kann wohl durch eine jetzt im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlichte Studie zu den Akten gelegt werden: Der moderne Mensch hatte demnach keine höhere Lebenserwartung als sein Verwandter.

Die frühen modernen Menschen, die sich aus Afrika kommend rasch über die Kontinente ausbreiteten, wurden nicht besonders alt, berichtet der Anthropologe Erik Trinkaus von der Washington University in St. Louis. Wenn es einen demographischen Vorteil für die frühen modernen Menschen gegeben habe, war dieser eher das Ergebnis einer höheren Fruchtbarkeit oder einer geringeren Kindersterblichkeit, folgert der Wissenschaftler.

Nur wenige wurden älter als 40 Jahre

Trinkaus hatte das Alter zum Todeszeitpunkt von Neandertalern mit dem von zwei Gruppen früher moderner Menschen verglichen. Dazu bestimmte er in den einzelnen Gruppen die Zahl der 20- bis 40-Jährigen und verglich sie mit der Zahl der Erwachsenen über 40 Jahren. Das Ergebnis: In allen drei Gruppen gab es nur sehr wenige Menschen jenseits der 40. Vermutlich sei die Lebenserwartung aufgrund der schweren Lebensbedingungen im späten Pleistozän grundsätzlich gering gewesen, folgert der US-Forscher.

Eventuell wurden ältere Menschen, wenn sie aufgrund von Alterserscheinungen oder von Verletzungen nicht mehr mobil genug waren, von den umherziehenden Gruppen zurückgelassen und dann unter Umständen von wilden Tieren gefressen. Ihre Überreste finden somit keinen Eingang mehr in die paläontologischen Daten. Es sei auch denkbar, dass die Überreste alter Individuen über die Jahrtausende weniger gut erhalten bleiben als die junger Menschen, oder dass die Altersbestimmung an den Skelettresten nicht ganz zuverlässig sei.

Wie auch immer sich die Seltenheit älterer Menschen bei den Funden erklären lässt, es scheint hinsichtlich der Lebenserwartung keinen erkennbaren Unterschied zwischen Neandertalern und frühen modernen Menschen gegeben zu haben, schreibt Trinkaus. Eine vergleichsweise geringe Lebenserwartung scheint für das Verschwinden der Neandertaler somit nicht verantwortlich zu sein auch wenn sie schließlich von den modernen Menschen überlebt wurden.

wbr/dpa

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