Christian Stöcker

Homöopathie-Debatte Die unsichtbare Teekanne

Die Techniker Krankenkasse hat sich diese Woche einen Intensivkurs in Sachen Wissenschaft eingebrockt. Es ging um Homöopathie. Warum man der nicht trauen sollte, lässt sich sogar mithilfe einer toten Fliege verdeutlichen.
Globuli

Globuli

Foto: imago/ Christian Ohde

Der Forensiker Mark Benecke  ist ein auf den ersten Blick etwas gruseliger Mann. Er hat viele Tätowierungen und einen Magneten in der Fingerkuppe, trägt gerne Schwarz und beschäftigt sich hauptberuflich mit Leichen, genauer: mit Käfern und anderem Getier, das auf und in Leichen gedeiht. Benecke ist darauf spezialisiert, anhand der natürlichen Besiedelung herauszufinden, wie lange ein Körper beispielsweise schon im Wald lag.

Im Nebenberuf schreibt er Bücher, etwa mit Experimenten für Kinder. In "Das knallt dem Frosch die Locken weg" können Nachwuchsforscher zum Beispiel lernen, wie man ein Stück Papier in Wasser taucht, ohne dass es nass wird, oder wie man Tapetenkleister aus Mehl herstellt.

Achtfacht verdünnte Fliegen-Zuckersuppe

Das merkwürdigste Experiment in dem Buch aber erscheint völlig sinnlos: Darin wird eine tote Fliege zuerst im Ofen geröstet, dann zerrieben und gemeinsam mit Zucker in einen Topf Wasser eingerührt. Ein Teelöffel Fliegenpulverwasser wird dann in einen Topf voll sauberem Wasser gemischt. Und dann das Gleiche noch mal. Und noch mal. Und so weiter. Am Ende sollen die Nachwuchswissenschaftler einen Löffel von der achtfach massiv verdünnten Fliegen-Zucker-Suppe kosten. Was vermutlich nie jemand wirklich macht. Dabei wäre es gefahr- und geschmacklos: "Weder werden euch die Fliegenkrümel schocken, noch schmeckt ihr Zucker", schreibt Benecke. "Es ist nämlich nix Wahrnehmbares mehr drin."

Dann verrät der Forensiker, dass dieses Experiment nur eine Botschaft transportieren soll: "Nicht alles glauben - besser selbst ausprobieren!" Benecke glaubt, wie die meisten Wissenschaftler, nicht an Homöopathie, die auf den gleichen Prinzipien basiert wie das Fliegenwasser, nur mit noch extremeren Verdünnungen. Irgendwie merkt sich das Wasser, was einmal darin gelöst war, das ist die Logik der Homöopathie, und diese Erinnerung hilft dann angeblich gegen alle möglichen Krankheiten.

Dass viele Wissenschaftler davon rein gar nichts halten, hat, neben der extremen Unplausibilität der Annahme, dass ein Wirkstoff umso stärker wirkt, je stärker man ihn verdünnt, einen einfachen Grund:

"Es gibt keine qualitativ hochwertigen Studien mit gutem Design und für bedeutsame Aussagen ausreichender Teilnehmerzahl, die zu dem Schluss kommen, dass Homöopathie effektiver wirkt als ein Placebo oder gesundheitsfördernde Effekte hat, die denen anderer Behandlungen gleichkommen."

Der Satz stammt nicht von mir und auch nicht von Mark Benecke, sondern aus einer aufwendigen 2015 erschienenen Metaanalyse, die der nationale Forschungsrat für Medizin und Gesundheit (NHMRC) Australiens in Auftrag gegeben  hat. Es gibt zahlreiche andere Analysen, die zum gleichen Ergebnis kommen: Homöopathie wirkt nicht besser als Zuckerpillen.

Das ist der Stand der Forschung.

Und dann gab es diese Woche diesen Tweet der Techniker Krankenkasse (TK).

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Nach "sauberen, wissenschaftlichen Studien" wurde da gefragt, die "die Nicht-Wirksamkeit von Homöopathie belegen". Nachts um ein Uhr bei Twitter.

Die Folge war eine heftige Reaktion, die unbedarfte Social-Media-Beobachter vermutlich als "Shitstorm" bezeichnen würden, die aber in Wirklichkeit eher ein "Rationality Storm" war: Gut informierte Nutzer wiesen den TK-Twitterer darauf hin, dass es viele, viele Studien gibt, die keinen Beleg für Homöopathie liefern  konnten.

Der Antwort-Thread ist ein Fundus hochwertiger Forschung zum Thema .

Andere betonten etwas noch Wichtigeres: Dass es nämlich wissenschaftstheoretischer Unsinn ist, Belege für die "Nicht-Wirksamkeit" einer Therapie zu verlangen. Der eine oder andere Twitterer fand dafür durchaus originelle Beispiele: Einer forderte einen wissenschaftlichen Beweis dafür, "dass keine unsichtbare Teekanne um die Erde kreist" , ein anderer wollte wissen, ob es Studien gebe, die "die Wirksamkeit von Kobe-Rind mit Trüffel widerlegen" , andernfalls würde er jetzt zur TK wechseln. Ein Dritter forderte die Erstattung des Goldbarrens , der seinen Schnupfen geheilt habe.

Die Techniker reagierte schließlich mit einer Entschuldigung für den unbedachten Tweet und einem vorsichtigen Blog-Eintrag , in dem die (Un-)Wirksamkeit von Globuli geschickt ausgespart und stattdessen darauf hingewiesen wurde, dass "manche Versicherte sich sogenannte komplementärmedizinische Angebote - in Ergänzung zur Schulmedizin - wünschen". Im Klartext: Die Techniker bezahlt, so wie viele andere Krankenkassen auch, für ärztlich verordnete Globuli, weil die Kundschaft das so wünscht.

Zum SPIEGEL sagte die Sprecherin der TK: "Wir haben keinen Wirksamkeitsnachweis für die Homöopathie vorliegen."

Etwa ein Viertel der Deutschen glaubt ein paar Jahre alten Allensbach-Zahlen zufolge daran, dass Homöopathie wirkt. Warum also Millionen Kunden vergrätzen? Zumal, wie herauskam, als das Thema 2010 einmal kurz politisch diskutiert wurde, nur 0,06 Prozent der Krankenkassen-Ausgaben für Homöopathisches aufgewendet werden, das waren damals neun Millionen Euro im Jahr. Eine, sorry, homöopathische Summe also im Vergleich zu den 170 Milliarden Gesamtausgaben. Die Finanzierung eines durch keinerlei empirische Absicherung getrübten Glaubenssystems ist letztlich eine vergleichsweise preiswerte Marketingmaßnahme.

Validierung des Irrationalen

Das vermutlich Nützlichste an der Homöopathie ist, dass Ärzte, die Globuli verschreiben, vorher oft lange mit ihren Patienten reden, und das hilft eben manchmal. Noch nützlicher wäre es vermutlich aber, wenn die Mediziner in dieser Zeit nicht die absurden Prämissen eines unhaltbaren Glaubenssystems besprächen - sondern sich lieber mit Stressoren, Lebensführung und anderen tatsächlich gesundheitsrelevanten Faktoren beschäftigten.

Die Validierung des Irrationalen durch das Gesundheitssystem jedenfalls bleibt ein Schritt in die falsche Richtung. Mehr denn je in Zeiten, in denen wissenschaftliche Grundprinzipien auch gern mal von höchster Stelle angezweifelt oder für irrelevant erklärt werden, wenn es politisch gerade passt.

Was übrigens passiert, wenn man Anhängern nicht empirisch belegbarer Glaubenssysteme widerspricht, können Sie bald im Forum unter dieser Kolumne nachlesen. Zum Abschluss deshalb noch mal Mark Benecke, der Mann mit den Käfern: "Glauben ist nicht Wissen. Und noch mal, glauben kann jeder, was er oder sie will. Solange man damit nicht andere einschränkt."

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