Homosexualität Gehirn von Lesben reagiert einzigartig

Die Botenstoffe, welche unbewusst jedem intimen Kontakt vorauseilen, werden im Gehirn von homosexuellen Frauen anders ausgewertet als bei Heterosexuellen. Aber auch im Vergleich zur Signalverarbeitung im Hirn von Schwulen fanden Forscher Unterschiede.


Wie reagieren Menschen auf das jeweils bevorzugte Geschlecht? Bei homosexuellen Frauen spricht das Gehirn anders an als bei ihren heterosexuellen Geschlechtsgenossinnen. Aber auch von homosexuellen Männern unterscheidet sich die Reaktion im Hirn von Lesbierinnen. Das fanden schwedische Wissenschaftler in einem Experiment mit Sexuallockstoffen heraus.

Lesbische Liebe: Zwei Frauen beim Christopher Street Day in Hamburg
DDP

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Im Versuch nutzten die Forscher das Wissen um Pheromone, unterschiedliche Geruchsbotenstoffe von Männern und Frauen, die auf der Suche nach einem Partner das Kennenlernen anbahnen. Ob ein Gegenüber sympathisch, attraktiv und sexy erscheint, das ist eine unbewusste Reaktion auf die verströmten Pheromone - so viel ist bekannt. Bei Tieren lösen Pheromone etwa Verteidigungsreflexe oder Paarungsbereitschaft aus.

Zwölf Lesbierinnen, zwölf heterosexuelle Frauen und zwölf heterosexuelle Männer ließen die Neurologen am Stockholmer Karolinska Institut an unterschiedlichen Duftproben riechen, während ihre Hirnreaktion untersucht wurde. Sowohl Proben mit dem männlichen Pheromon AND und dem weiblichen Lockstoff EST gab es für die Freiwilligen zum Schnuppern als auch vier gewöhnliche Gerüche ohne beigemischte Botenstoffe.

Die Hirnuntersuchungen zeigten: Die ordinären Düfte wurden allesamt in jenen Hirnregionen verarbeitet, die für Gerüche zuständig sind. Bei heterosexuellen Frauen wurde der männliche Lockstoff AND im Hypothalamus verarbeitet, einem Teil des Gehirns, das auch für sexuelle Erregung sorgt. EST-Duft hingegen verarbeiteten sie im normalen Duftzentrum. Bei heterosexuellen Männern war es genau anders herum.

Auf die Frage, welchen der beiden Duftstoffe sie als vertrauter empfänden, antworteten die Probanden aller drei Gruppen übereinstimmend: das männliche Pheromon AND. So viel zu den Gemeinsamkeiten im Fachaufsatz der Forscher, der im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) veröffentlicht wurde.

Auch Frauen-Lockstoff ins Duftzentrum verbannt

Im Gehirn nämlich reagierten Lesbierinnen anders als alle anderen Probanden: Sowohl männliche als auch weibliche Lockstoffe wurden bei ihnen ganz profan im Riechzentrum verarbeitet. Der Hypothalamus blieb außen vor.

Das ist besonders interessant, weil dieselbe Forschungsgruppe um Ivanka Savic im vergangenen Jahr in einem ähnlichen Experiment mit homosexuellen Männern festgestellt hatte, das bei diesen die Gehirnreaktion der von heterosexuellen Frauen sehr ähnlich war.

"Das ist also keine spiegelbildliche Situation", sagte Sandra Witelson von der McMaster University of Hamilton in Kanada zu den Ergebnissen der schwedischen Gruppe. "Sie zeigen uns, dass sexuelle Orientierung bei Männern und Frauen sehr wohl eine unterschiedliche Basis haben könnte." Witelson ist Expertin für Neuroanatomie und sexuelle Orientierung.

Ähnlich sehen es auch die Autoren der Studie selbst: Für weibliche wie für männliche Homosexualität gibt es eine physikalische Basis, die man auf Botenstoffniveau nachvollziehen kann. Die Homosexualität sei aber bei der Frau im Vergleich zum Mann offenbar anders strukturiert, schreiben Savic und ihre Kollegen.

Ideologischen Sprengstoff stellen solche Forschungsergebnisse namentlich in den Vereinigten Staaten und anderen Gesellschaften dar, in denen der Umgang mit Homosexualität umstritten ist: Dort vertritt ein großer Teil der christlich-konservativen Rechten die Position, Homosexualität entbehre einer körperlichen Grundlage. Die Unterstellung, Schwule und Lesben legten lediglich ein gelerntes Verhalten an den Tag, gar mutwillig, gehört zum Standardrepertoire rechter Argumentatoren.

stx/AP/dpa



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