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04. Oktober 2005, 15:42 Uhr

Hurrikan-Flieger

Bilder aus dem Auge des Monsters

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Sie sind Wissenschaftler, aber ihr Beruf ist riskanter als der ihrer meisten Kollegen: Meteorologen, die in Hurrikane hineinfliegen, um dort Daten zu sammeln und Bilder zu machen. SPIEGEL ONLINE sprach mit einem Veteranen - und zeigt spektakuläre Aufnahmen aus dem Herzen von "Katrina".

"Katrina" von Innen: Blick auf die "Eyewall"
Michael Black / NOAA

"Katrina" von Innen: Blick auf die "Eyewall"

Michael Black hat aufgehört zu zählen. Seit 20 Jahren tut er immer wieder etwas, das die meisten schlicht als Irrsinn betrachten würden: Er fliegt in Wirbelstürme hinein, mit einem Propellerflugzeug. "Man hat dann schon eine Menge Adrenalin im Blut", sagt Black. Auch durch "Rita" und "Katrina", die große Gebiete im Süden der USA verwüsteten, ist er geflogen, hat im Inneren der Hurrikane Messungen vorgenommen, Fotos geschossen und gefilmt. "Manche Stürme sind Routine", sagt der Forscher, "'Katrina' und 'Rita' waren das aber nicht."

Ungefähr 400 Hurrikane hat Black inzwischen durchquert, schätzt er. Für den Meteorologen sind seine Ausflüge ins Auge des Sturms kein tollkühnes Hobby - weltweit freuen sich Experten, wenn er wieder einmal unterwegs war. Denn die Daten, die von den Hurrikan-Fliegern gesammelt werden, sind bitter nötig, um Vorhersagemodelle zu verbessern.

Dementsprechend gespalten ist die Einstellung, mit der Black neuen Tropenstürmen dabei zusieht, wie sie über dem Atlantik Schwung holen, um womöglich als Hurrikane über die USA hereinzubrechen: "Es scheint ein bisschen verrückt - aber so sehr wir es hassen, sie zu sehen, brauchen wir sie auch, um unsere Vorhersagen zu verbessern." Am liebsten wäre es den Forschern, die Stürme blieben stets über dem offenen Meer. Da sind sie für die Menschen ungefährlich - und gleichzeitig am stärksten.

Denn ein starker Hurrikan verhält sich anders als ein schwacher. Und schließlich, stellt Black lakonisch fest, "interessieren sich die Leute mehr für starke als für schwache Stürme". Je größer die Gefahr, desto notwendiger sind präzise Vorhersagen.

Mit "Katrina" etwa verband sich für die Meteorologen auch, so bizarr das klingt, ein Erfolg: Das leichte Abdrehen des Sturmes in letzter Sekunde, das verhinderte, dass er New Orleans mit voller Wucht traf, hatten sie vorhersagen können. Das gleiche gilt für die mächtigen Flutwellen, die "Rita" an die Küste von Texas und Louisiana warf. Die Schäden können zwar so nicht verhindert werden, aber zumindest ist es inzwischen möglich, Evakuierungen rechtzeitig zu empfehlen, wie es bei "Rita" gelang.

Also fliegt Black weiter in Stürme hinein und wieder heraus. Und das ist, versichert er, oft gar nicht so schlimm, wie man es sich vorstellt. Das, was den Sturm für alles am Boden so gefährlich macht, sind die horizontalen Winde - sie reißen Dächer ab, fällen Bäume, wirbeln Fahrzeuge durch die Luft, peitschen das Meer auf. Ein Flugzeug aber durchschneidet diese horizontalen Winde wie ein Messer, sagt Black. Die Gefahr für die Insassen ergibt sich eher aus den Turbulenzen, die in der Nähe der "Eyewall", also der Wand des Sturmauges, besonders stark sind: plötzliche auf- oder abwärtsgerichtete Winde, die das Flugzeug wie ein Jo-Jo herumschleudern können.

"Wir haben das Flugzeug zu stark belastet"

Beim Flug durch "Katrina" hätten die Schwerkraftmessgeräte im Flugzeug Schläge von zweieinhalbfacher Erdbeschleunigung (g) nach oben und dreieinhalb g nach unten angezeigt, sagt Black. "In der Kabine wurden Sachen herumgeschleudert", erinnert sich Black und kommentiert nüchtern: "Wir haben das Flugzeug zu stark belastet." Dass ein Flugzeug buchstäblich auseinander breche, sei zwar unwahrscheinlich. Aber etwa Hydraulik und Ruder könnten beschädigt werden.

Er selbst sei besorgt gewesen, eine andere Passagierin aber keineswegs: "Ich hatte eine Studentin aus Frankreich dabei, die bei uns im Institut zu Gast ist - sie fand das lustig, sie hat die ganze Zeit gelacht." Wie unruhig der Flug in einem Hurrikan wirklich ist, hängt nicht unbedingt von seiner Intensität ab: "Stärkere Stürme können auch ruhiger zu durchfliegen sein."

Echte Angst habe er selbst im Sturm nur ein einziges Mal gehabt, vor einigen Jahren: Das Flugzeug sei nur etwa 60 bis 70 Meter über der Meeresoberfläche unterwegs gewesen. Außenhaut, Fenster und Ruder legten sich durch das aufgepeitschte Meer Salzkrusten zu, die Sicht wurde immer schlechter. Plötzlich, erinnert sich Black, habe der Bordingenieur sich gemeldet mit den Worten "Feuer in Nummer drei". Einer der vier Motoren der Propellermaschine stand in Flammen.

Anfangs ist das Auge trocken

Dennoch brachte die Crew die Maschine sicher zur Basis zurück. Aber "es ist nicht sicher, Flugzeuge in einem Hurrikan in dieser Höhe zu fliegen", sagt Black, "wenn die Wellen unter ihnen 20 Meter hoch sind." Inzwischen werden solche Flüge in niedriger Höhe kaum noch durchgeführt, die Einsatzregeln wurden geändert.

Die Bilder aus dem Inneren von "Katrina" hat Black in etwa 1700 Metern Höhe aufgenommen. "Es sieht aus, als ob wir ganz oben im Auge des Hurrikans sind, aber das täuscht", sagt er. "Wenn wir durch den Sturm ins Auge hinein fliegen, ist der obere Rand in etwa 15 Kilometern Höhe." Im Inneren des Auges ist die Luft in den frühen Stadien eines Hurrikans oft noch völlig klar. "Das Auge wird erst nach einigen Tagen feucht", beschreibt Black das Phänomen. Nach einer gewissen Zeit fülle sich auch das Zentrum eines Wirbelsturms mit Wolken.

Mitten im Hurrikan zeigt das Flugzeug des National Hurricane Center dann, was es eigentlich ist: ein fliegendes Labor. Es misst permanent Windgeschwindigkeit, Luftfeuchtigkeit, Druck und Turbulenzen, transportiert Radargeräte sowie Sensoren für Wassertröpfchen und Eispartikel in der Luft. Während es den Sturm durchquert, wirft es weitere Messinstrumente an Fallschirmen ab, die auf ihrem Weg nach unten die tieferen Schichten des Wirbels durchmessen. Einmal pro Sekunde wird der gesamte Datenstrom, der dabei entsteht, an die Bodenstation in Miami übermittelt, Rechner an Bord verarbeiten die Daten teilweise auch sofort.

Tatsächlich haben die Wissenschaftler im Augenblick mehr Zahlen, als sie tatsächlich brauchen können: Die momentan im Einsatz befindlichen Prognosemodelle für Hurrikane sind "sehr grob, sehr eingeschränkt", sagt Black. Nur ein winziger Teil der erhobenen Daten geht in die Prognosen ein. Ein Modell der nächsten Generation ist am Hurricane Center derzeit in Arbeit, bis 2007 soll es im Ernstfall eingesetzt werden können. Die Messdaten von Bojen, Flugzeugen und Wetterstationen würden in ein solches, mit vielen unterschiedlichen Parametern gefüttertes Modell direkt einfließen. Vollautomatisch entstünde so in Echtzeit eine möglichst akkurate Vorhersage. Eines Tages, so Black, könne der Weg eines Hurrikans bis zu drei Tage im Voraus prognostiziert werden.

Er weiß aber auch: "Viel von dem Weg dahin ist Versuch und Irrtum." Immer neue Modellvarianten werden mit Daten gefüllt, ihre Vorhersagen mit dem tatsächlichen Verlauf der Stürme abgeglichen. Und Michael Black wird weiterhin Flugzeuge besteigen, die mitten in die schwersten Hurrikane hineinsteuern - nicht ohne sich dabei auch ein bisschen privilegiert zu fühlen. "Ich finde, ich habe Glück", sagt Black über seinen Beruf. Wenn man von innen her einen Blick auf die "Eyewall" werfen kann, sagt er, "ist das, als ob sie ganz oben irgendwo in den Alpen stehen."

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