Hurrikan "Gustav" Angst hinterm Uralt-Deich

Schutz an der falschen Stelle: Nach Hurrikan "Katrina" haben die US-Behörden die Deiche rund um New Orleans aufgestockt - doch andernorts ist gar nichts passiert. Ausgerechnet auch an jenen Abschnitten, wo nun "Gustav" die Küste erreicht hat.

Hurrikan Gustav (über der Karibik, 29. August 2008): "Die Deiche sind gefestigt."
REUTERS

Hurrikan Gustav (über der Karibik, 29. August 2008): "Die Deiche sind gefestigt."

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Harvey Johnson, Spitzenmanager der US-Katastrophenschutzbehörde Fema, wählte klare Worte. Hurrikan "Gustav" sei ein katastrophaler Sturm. Deiche in und um New Orleans würden in Mitleidenschaft gezogen. Die Menschen seien im Vergleich zu "Katrina" allerdings besser geschützt, verkündete er - und sein Chef David Paulison beteuerte: "Wir haben aus unseren Fehlern gelernt. Wir wissen: Die Deiche sind gefestigt." Auch das zuständige Ingenieurskorps der US-Armee (ACE) verbreitete in einer Pressemitteilung Optimismus: New Orleans verfüge über den besten Flutschutz seiner Geschichte.

Doch die Wucht des Sturms haben nun vor allem die Dämme südlich der Stadt zu spüren bekommen. Bei Cocodrie, 110 Kilometer außerhalb von New Orleans, traf "Gustav" an Land (siehe Karte) - und dort gibt es nur Uralt-Deiche, um die sich zuletzt niemand gekümmert hat. Denn diese Regionen waren von der "Katrina"-Flut vor drei Jahren kaum betroffen.

Besonders schlecht geschützt ist die Ölstadt Houma südwestlich von New Orleans. Gerade einmal drei Meter sind die Dämme hier hoch. Beim Deichbau ist zuletzt außer jahrelangen Planungen wenig passiert.

Offiziell hatte die US-Regierung nach "Katrina" den Wiederaufbau und die Sanierung der Deiche rund um New Orleans zur Chefsache gemacht. Weit mehr als eine Milliarde Dollar bekam das Ingenieurskorps; mehr als 3000 Arbeiter bauten komplett zerstörte Deiche neu und stockten bestehende Schutzwälle auf. Das Ergebnis ist dennoch unbefriedigend - wie "Gustav" jetzt beweist. Nur ein läppisches Viertel der Bauarbeiten in der betroffenen Gegend ist bisher abgeschlossen.

Für sie kommt der Hurrikan schlicht zu früh. Der Kongress hat zwar 15 Milliarden Dollar für Bauarbeiten bereitgestellt - doch das Projekt wird bestenfalls im Jahr 2011 abgeschlossen sein.

"Eine Sicherheit vorgetäuscht, die es nicht gibt"

Immer wieder hat es Kritik am Deich-Wiederaufbau gegeben. Der Hauptvorwurf: Die Dämme würden mit minderwertigem Material geflickt. "Die Regierung täuscht den Bewohnern der Stadt eine Sicherheit vor, die es nicht gibt", sagte Deichbauexperte Ivor van Heerden von der Universität Louisiana.

Das Militär wies solche Vorwürfe lange zurück - räumt mittlerweile aber ein, dass Risiken für die Stadt bestehen. "Es gibt noch Schwachstellen. Wir haben Lücken im System", sagte ACE-Vizechef Don Riley und gab zu, dass auch diesmal viel von der Stärke des Sturms abhänge, außerdem von der Windgeschwindigkeit, der Höhe der Flutwelle und dem Tempo, mit dem sich das Sturmzentrum fortbewegt.

"Im Moment ist die Stadt besser geschützt (als bei "Katrina", d. Red.), aber das ist noch nicht ausreichend", sagt Ed Link von der University of Maryland. Er hatte die Untersuchungen nach dem Hurrikan-Drama vor drei Jahren geleitet. Viele Menschen starben damals durch mieses Katastrophenmanagement.

New Orleans: Kampf gegen Überschwemmungen
200 Kilometer Deiche
Das Gebiet der US-Südstaatenmetropole New Orleans liegt zwischen dem Mississippi-Delta und dem Lake Pontchartrain. Es wird mit einer Suppenschüssel verglichen: 70 Prozent der Fläche liegen unterhalb des Meeresspiegels. Seit ihrer Gründung im Jahr 1718 muss die Stadt darum gegen Überschwemmungen kämpfen. Heute schützen Deiche mit einer Gesamtlänge von mehr als 200 Kilometern sowie ein System aus Kanälen, Schleusen und Pumpstationen die Metropole. mehr zu New Orleans auf der Themenseite
Trauma "Katrina"
Der letzte Hurrikan, der die Stadt traf, war 2005 "Katrina": Nach Deichbrüchen wurde New Orleans damals fast vollständig überflutet, rund 1800 Menschen kamen ums Leben. Das Krisenmanagement war überfordert. mehr zu "Katrina" auf der Themenseite
1,4 Millionen Menschen im Großraum
New Orleans ist mit rund 470.000 Einwohnern die größte Stadt im US-Bundesstaat Louisiana, im Großraum leben sogar 1,4 Millionen Menschen. Mit ihrem bedeutenden Seehafen ist sie der wichtigste Außenhandelsplatz für die Erzeugnisse der Mississippi-Staaten wie Erdöl, Baumwolle und Zucker. Die Altstadt (French Quarter) mit französischen und spanischen Architektureinflüssen ist Hauptanziehungspunkt für jährlich Hunderttausende Touristen. Der hier Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte New-Orleans-Jazz gilt als erste voll ausgebildete Stilform dieser Musikrichtung.

" Wir waren mitverantwortlich", sagte seinerzeit Jeffrey Bedey, Kommandeur des Ingenieurskorps in New Orleans - weil sich jahrelang niemand so recht um den Deichbau gekümmert hatte. Und nun soll es schon wieder Verzögerungen, Versäumnisse, Probleme gegeben haben? Fest steht:

  • Experten haben 2007 in einem Gutachten für das "National Geographic Magazine" unter anderem beklagt, dass die Dämme im Mississippi River Gulf Outlet Canal (Spitzname "Mr. Go") nach wie vor Probleme machen könnten. Dieser Kanal ist eine ziemlich nutzlose Rinne, die eigentlich der Schifffahrt eine Abkürzung zwischen dem Hafen von New Orleans und dem offenen Meer bieten sollte. Tatsächlich wird er wegen zu geringer Wassertiefe kaum genutzt - lässt aber das Überflutungsrisiko signifikant steigen, weil Flutwellen hier an Höhe zulegen können. Als "Katrina" wütete, hatten hier rund 20 Bruchstellen die Stadtviertel Lower Ninth Ward und St. Bernard unter Wasser gesetzt.
  • Ein weiterer Schwachpunkt ist der Industrial Canal, dessen Wasser ebenfalls das Viertel Ninth Ward geflutet hatte. Entlang dieses Kanals wurden mittlerweile Sturmflutwände aufgestellt. Weil zumindest ein Teil davon wohl Konstruktionsfehler aufwies, wurde er in den vergangenen Wochen noch eilig mit Sandsäcken stabilisiert. Eine haltbarere Konstruktion - Kostenpunkt: 700 Millionen Dollar - wird frühestens in drei Jahren fertig.

Die Deiche am Lake Pontchartrain, der nördlich von New Orleans liegt, sollen mittlerweile einen Meter höher sein als zu der Zeit vor "Katrina" - immerhin.

Das strukturelle Problem von New Orleans ist damit aber nicht gelöst. Die Stadt ist gebaut auf Sedimenten, die der Mississippi angeschwemmt hat. Sie sinkt unaufhörlich, während zugleich der Meeresspiegel steigt. Und das Mississippi-Delta, das die Stadt vor gefährlichen Fluten schützen könnte, wird immer kleiner. Für den Hochwasserschutz bedeutet das noch komplexere Herausforderungen.

Doch die Stadt aufgeben, wie es manche Experten nach "Katrina" vorgeschlagen hatten, wollen die USA nicht. Dann lieber bei jedem Hurrikan zittern, ob der Deich hält.

Was die Hurrikan-Stärken bedeuten
Hurrikans werden nach der sogenannten Saffir-Simpson-Skala je nach Intensität in Kategorien von 1 bis 5 eingestuft. Wichtige Merkmale zur Einordnung sind Windgeschwindigkeit und Zerstörungskraft.
Windgeschwindigkeiten von 119 bis 153 Kilometer pro Stunde - minimale Schäden an Bäumen und schlecht verankerten Gebäuden.
Windgeschwindigkeiten von 154 bis 177 Kilometer pro Stunde - Bäume werden entwurzelt und Schilder umgerissen, auch können Hausdächer, Fenster und Türen beschädigt werden. Küstenstraßen werden überflutet, kleinere ungeschützte Schiffe aus der Verankerung gerissen. Bewohnern an Küstenstreifen wird empfohlen, sich in Sicherheit zu bringen.
Windgeschwindigkeiten von 178 bis 209 Kilometer pro Stunde - mobile Häuser werden zerstört, ebenso leichtere Bauwerke in Küstennähe. Der Wind drückt Fenster ein und deckt Dächer ab. Große Bäume werden entwurzelt oder knicken einfach um. Die Überflutungen werden stärker. Ein Küstenstreifen von etwa 400 Metern Breite sollte geräumt werden.
Windgeschwindigkeiten von 210 bis 249 Kilometer pro Stunde - extreme Schäden an Gebäuden. Wohnwagen werden zerstört oder weggeweht. Bauwerke an der Küste werden durch Wind und Wellen schwer beschädigt oder zerstört, tiefer liegende Gebiete überflutet. Massive Evakuierungen sind notwendig. Menschen können zu Schaden kommen oder getötet werden.
Windgeschwindigkeiten ab 250 Kilometer pro Stunde - die Zerstörungen sind katastrophal. Es gibt schwere Überschwemmungen, Häuser werden zerstört oder fortgeblasen. Es gibt massenweise abgedeckte Dächer, zertrümmerte Türen und Fenster. In Küstengebieten sind manchmal große Evakuierungsaktionen erforderlich. Wer sich nicht in Sicherheit bringt, kann verletzt oder getötet werden.

Mit Material von Reuters und AP

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