IEA-Chef Tanaka Gipfelhilfe vom Rohstoff-Therapeuten

Die Mächtigen der Welt schachern um den Klimakompromiss - und bekommen dabei Nachhilfe von Nobuo Tanaka. Der Chef der Internationalen Energieagentur mahnt die Staatschefs zu einem Vertrag, weil die Welt sonst in eine schwere Energiekrise stürzt.
Nobuo Tanaka: "Jedes Jahr, das wir verlieren, kostet die Staaten dieser Welt später 500 Milliarden Dollar mehr für den Umbau ihres Energiesystems"

Nobuo Tanaka: "Jedes Jahr, das wir verlieren, kostet die Staaten dieser Welt später 500 Milliarden Dollar mehr für den Umbau ihres Energiesystems"

Foto: Jean-Paul Pelissier/ REUTERS

Kopenhagen

Die Erde gleicht in diesen Tagen einem kränkelnden Patienten. Viele tausend Ärzte behandeln ihn in . Die meisten sorgen sich um sein Fieber. Doch Nobuo Tanaka ist vor allem um den Puls des Planeten bemüht.

Der Japaner ist Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), und deshalb schon von Amts wegen daran interessiert, dass der Menschheit nicht die Kraft für all ihre Verrichtungen ausgeht.

Dass sie dafür Gigatonnen an Kohlendioxid produziert und mit diesem schädlichen Tun aufhören sollte, findet auch er - doch nicht so sehr aus Angst vor der Klimakrise. Er fürchtet eine "schleichende" Energiekrise. "Das sind nämlich zwei Seiten der gleichen Medaille", eröffnete er den Teilnehmern des Kopenhagener Gipfels.

"Entscheiden Sie sich am besten jetzt"

Seine Zuhörer überschüttete er mit schwindelerregenden Zahlen, doch in seiner Botschaft an die Staatschefs, die während seines Vortrags nur ein paar Räume weiter um einen Klimavertrag pokerten, hatte er am Ende eine schlichte Botschaft: "Entscheiden Sie sich am besten jetzt", sagt Tanaka und schob eine Zahl als Begründung hintan: "Jedes Jahr, das wir verlieren, kostet die Staaten dieser Welt später 500 Milliarden Dollar mehr für den Umbau ihres Energiesystems."

Lange galt Tanakas Organisation mit Sitz in Paris in den Augen vieler Umweltschützer als heimliches Sprachrohr der großen Energiekonzerne. Diesen Vorwurf wollte der 59-jährige Ökonom in seinem Auftritt in Kopenhagen ganz und gar nicht aufkommen lassen. Auch die IEA kämpft seit ihrem Energie-Report 2009 für das Zwei-Grad-Ziel, auf das die weitere Erderwärmung gestoppt werden soll. Die Kohlendioxidkonzentration in der Erdatmosphäre muss dazu auf 450 parts-per-million (Teilchen pro Millionen) begrenzt werden, und so haben Tanakas fleißige Mathematiker ein Szenario entwickelt, wie die Welt dieses Ziel auch tatsächlich erreichen kann. "Ich bin da sehr optimistisch", sagt er.

Dramatische Engpässe bis 2030

Zunächst aber dozierte Tanaka über die dramatischen Engpässe, die der Menschheit bis zum Jahr 2030 drohen, wenn alles so weitergeht wie bisher. Die aufstrebenden Schwellenländer werden einen schier unstillbaren Energiehunger entwickeln, der noch einmal 40 Prozent mehr Öl, Kohle und Gas mehr verschlingen wird als heute. Millionen von Menschen würden dabei aus der Armut befreit, und doch bleibt die Zahl derer, die auch im Jahre 2030 keinen Zugang zu Elektrizität haben, fast unverändert bei 1,3 Milliarden - die steigende Bevölkerung vor allem in den Entwicklungsländern ist schuld daran.

Gewaltige Mengen fossiler Energie würden benötigt, bei Gas etwa die vierfache Menge dessen, was an Erdgas in Russland lagert. Der Ölpreis wird nach Berechnungen der IEA im Jahre 2030 bei mindestens 115 Dollar liegen - und die Industrienationen müssten dafür gut zwei Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes aufbringen. "Das ist ein vollkommen ungesundes Verhältnis", warnt Tanaka.

Allein das seien gute Gründe, die Sucht nach immer mehr fossilen Energien aufzugeben. Damit die globalen Temperaturen nicht um mehr als zwei Grad Celsius steigen, muss der Kohlendioxidausstoß drastisch reduziert werden. 20 Prozent könnten im Jahre 2030 dafür aus alternativen Energien stammen, auch die Kernenergie werde gebraucht, so Tanaka.

"Eigentlich ist das hier eine Wirtschaftskonferenz"

Doch zwei Drittel der CO2-Einsparungen sollen dadurch zustande kommen, dass Energie effizienter genutzt wird. 8,6 Billionen Dollar lassen sich dadurch in den nächsten 20 Jahren einsparen. "Ich kann nur hoffen, dass die Staatschefs sich diese Zahl für ihre Verhandlungen gut gemerkt haben", sagt Tanaka.

Diese Summe sei der Grund, warum die Weltwirtschaft nicht aus den Fugen gerate, wenn man sich hoffentlich auf drastische CO2-Reduzierung geeinigt habe. "Eigentlich ist das hier eine Wirtschaftskonferenz, bei der es doch nur um den schon längst fälligen Umbau unseres Energiesystems geht."

Tanakas Worte hören sich fast so beruhigend an wie die eines Psychotherapeuten, der einen Angstpatienten behandelt. Er hat selbst für Länder Balsam parat, die in Kopenhagen wie kaum ein anderes um ihre Interessen fürchten: die ölexportierenden Staaten der Opec. Sie müssen auch in Zukunft nicht darben. Tanaka: "Die werden selbst in unserem günstigen Klimaszenario ihre Gewinne bis ins Jahr 2030 vervierfachen."