Ig-Nobel-Preis Die Rolle des Gürteltiers in der Weltgeschichte

Forschung muss nicht trocken sein, wie der "Ig-Nobel-Preis" eindrucksvoll beweist. Der Spaß-Nobelpreis wurde diesmal etwa für die Entdeckung verliehen, dass Cola Spermien tötet, Stripperinnen an fruchtbaren Tagen mehr verdienen und Gürteltiere die Weltgeschichte verändern.

Boston - Spieltrieb und Erkenntnis sind zwei Seiten derselben Medaille, heißt es oft. Wer nach Beweisen für diese These sucht, findet sie an der altehrwürdigen Harvard University in Boston. Jedes Jahr Anfang Oktober steigt hier die Spaßparty der Wissenschaft, vom Fachblatt "Nature" zum "wahrscheinlichen Highlight im Jahreskalender der Forschung" erhoben.

Tatsächlich ist der Ig-Nobel-Preis alles andere als die Goldene Himbeere der Wissenschaft: Es dürfte nur wenige Veranstaltungen im Jahr geben, wo so viele echte Nobelpreisträger in einem Raum anzutreffen sind. Auch die Geehrten sind mit Feuereifer dabei: In diesem Jahr sind sieben der zehn Preisträger auf eigene Kosten angereist, um ihren Preis in Empfang zu nehmen und eine streng auf 60 Sekunden begrenzte Dankesrede zu halten.

Folgende Studien - die übrigens allesamt in ansonsten bierernsten Fachblättern veröffentlicht wurden - hat die Jury in diesem Jahr in den zehn Ig-Nobel-Kategorien für preiswürdig befunden:

Frieden: Die Würde der Pflanzen

Menschen haben sie, Tiere auch, und jetzt wurde sie auch den Pflanzen bescheinigt: Würde. In der Schweiz gibt es gar eine Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Außerhumanbereich, und die hat die Ig-Nobel-Jury - zusammen mit allen Bürgern der Schweiz - jetzt für die Anerkennung der Pflanzenwürde ausgezeichnet. Unter dem Titel "Die moralische Berücksichtigung von Pflanzen um ihrer selbst willen" hat die Kommission festgestellt, dass auch unsere grünen Freunde mit Respekt behandelt werden sollten .

Archäologie: Wie Gürteltiere die Geschichte prägen

Kaiser, Könige, Päpste, Feldherren und Gürteltiere haben die Geschichte geprägt. Für diese erstaunliche Erkenntnis haben Astolfo Gomes de Mello Araujo and José Carlos Marcelino von der Universität São Paulo in Brasilien den Ig-Nobel-Preis für Archäologie bekommen. An welchen Positionen alte Fundstücke in der Erde stecken, ist extrem wichtig für deren Deutung und Altersbestimmung. Haben sich aber Gürteltiere einmal durchs Erdreich gewühlt, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Manche Artefakte finden sich dann mitunter meterweit von ihrem Ursprungsort wieder, haben die Forscher im Fachblatt "Geoarchaeology"  konstatiert. Araujo war hocherfreut über seine Auszeichnung: "Es gibt keinen Nobelpreis für Archäologie. Da ist der Ig-Nobel-Preis eine tolle Sache."

Biologie: Hundeflöhe hüpfen höher

Hund und Katze sind sich einander in ewiger Konkurrenz verbunden. Und die erstreckt sich bis tief ins Fell: Sogar die Flöhe, die auf beiden Spezies hausen, kann man gegeneinander antreten lassen. Das jedenfalls haben Marie-Christine Cadiergues und ihre Kollegen von der École nationale vétérinaire de Toulouse getan - und dafür den Ig-Nobel-Preis gewonnen. Denn sie haben herausgefunden, was niemand zuvor wusste: Hundeflöhe können höher springen als Katzenflöhe. 20 Zentimeter, um genau zu sein. Wer noch mehr lesen möchte: Der Fachbeitrag der Forscher ist im Magazin "Veterinary Parasitology"  erschienen.

Medizin: Teure Placebos wirken stärker

Die Art, auf die Dan Ariely zu seiner Ig-Nobel-Preis-würdigen Erkenntnis gelangt ist, war nicht lustig: Er verbrachte drei Jahre im Krankenhaus, weil er Verbrennungen dritten Grades an 70 Prozent seines Körpers erlitten hatte. In der Klinik stellte er fest, dass Patienten, die nachts mit starken Schmerzen aufwachen, sofort wieder einschliefen, nachdem ihnen eine Pflegerin eine Injektion gegeben hatte. Die Schwester verriet Ariely später, dass sie den Patienten oft nur eine Kochsalzlösung spritzte. Arielys Schlussfolgerung: "Wenn man erwartet, dass etwas passiert, sorgt das Hirn dafür, dass es geschieht."

Das brachte den Wirtschaftsfachmann der amerikanischen Duke University auf die Idee, Placebos - deren Einsatz in der Medizin so umstritten wie alltäglich ist - psychologisch ein wenig aufzupeppen. Das Ergebnis seiner Studie, die im renommierten "Journal of the American Medical Association"  erschienen ist: Wenn man billige Nachahmer-Medikamente, sogenannten Generika, teuer und edel aussehen lässt, wirken sie gleich viel besser.

Kognitionswissenschaft: Schleimpilze können Rätsel lösen

Erst die Pflanzen, jetzt die Schleimpilze: Kein Wunder, dass sich Menschen immer weniger einzigartig fühlen zwischen all den würdevollen und intelligenten, wiewohl nichtmenschlichen Kreaturen. Ein japanisches Forscherteam hat herausgefunden, dass auch Schleimpilze in der Lage sind, Rätsel zu lösen. Sie ließen die Pilze in einem Labyrinth nach zwei unterschiedlich weit entfernten Futterstellen suchen. Und voilà, die Pilze fanden zielsicher die kürzeste Strecke. Das brachte dem Team um Toshiyuki Nakagaki nicht nur den Ig-Nobel-Preis ein - die Studie erschien auch im Top-Fachblatt "Nature" .

Wirtschaft: Fruchtbare Stripperinnen verdienen mehr

Dass Frauen während ihrer fruchtbaren Phase attraktiver auf Männer wirken, wurde bereits in mehreren Studien gezeigt. Geoffrey Miller, Joshua Tybur und Brent Jordan von der University of New Mexico glichen das mit der ökonomischen Praxis ab - indem sie einen genauen Blick auf den Verdienst von 18 Strip-Tänzerinnen warfen. Das beachtliche Ergebnis: Der durchschnittliche Verdienst in einer Fünf-Stunden-Schicht, sonst bei 250 Dollar, schwoll während der fruchtbaren Tage auf 350 bis 400 Dollar an.

Diese Erkenntnis, erschienen im Fachblatt "Evolution and Human Behavior" , war dem Ig-Nobel-Komitee eine Auszeichnung und für manche Dame bares Geld wert. "Ich habe gehört, dass Tänzerinnen ihre Arbeitszeiten auf Basis dieser Forschung neu gestaltet haben", sagte Miller.

Physik: Warum Fäden sich immer spontan verknoten

Wer kennt den Ärger nicht? Egal, welche Art von Fäden - seien es Haare, Kabel oder was auch immer - sich zu einem Haufen zusammenfindet, am Ende steht ein meist unauflöslicher Knoten. Die US-Forscher Dorian Raymer und Douglas Smith haben zwar keine Lösung für das Problem gefunden, das Phänomen aber immerhin mathematisch erklärt - und dafür den Ig-Nobel-Preis für Physik erhalten. Wenn sich also angesichts des nächsten Kabelsalats ein "Warum?" durchs Bewusstsein hallt, kann man die Antwort im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" nachlesen: "Spontaneous Knotting of an Agitated String" .

Chemie: Cola tötet Spermien

"Mit Cola wäre das nicht passiert", hat sich vielleicht schon so mancher unfreiwillige Vater neun Monate nach einer ansonsten schönen Nacht gedacht. Ein Team um Sharee Umpierre von der Universität von Puerto Rico hat das Gerücht, Cola könne Spermien abtöten, dem wissenschaftlichen Test unterzogen. Und tatsächlich: Cola, insbesondere Cola light, ist ein effektives Spermizid, wie die Forscher im "New England Journal of Medicine" bereits 1985 dargelegt haben. Eine Gruppe taiwanesischer Mediziner hat später nachgelegt und bewiesen , dass weder Cola noch andere Softdrinks zur Empfängnisverhütung geeignet sind. Sie alle teilen sich nun den Ig-Nobel-Preis für Chemie.

Literatur: Über den Zorn innerhalb von Organisationen

Ein Fluch im Titel einer wissenschaftlichen Publikation? Auch das ist möglich, wie David Sims von der Cass Business School in London bewiesen hat. "Du Bastard" ist die Überschrift seines Beitrags über die "narrative Erforschung von Ärger innerhalb von Organisationen". Seine Erkenntnis, ausgezeichnet mit dem Ig-Nobel-Preis für Literatur: "Unsere Geduld, das Verhalten anderer zu interpretieren, ist nicht unbegrenzt." Wie wahr. Nachzulesen im Fachblatt "Organization Studies" .

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