Ig-Nobelpreise 2010 Tierischer Oralsex sorgt für Forscher-Ruhm

Es ist ein Abend voller Genies und geistreichem Unfug: An der Harvard University sind die Ig-Nobelpreise für skurrile Forschungsarbeiten vergeben worden. Wie etwa für die Erkenntnis, dass es im Liebesleben von Flughunden auch Oralsex gibt. Doch nicht jeder nahm die Verleihung mit Humor.

REUTERS

Boston - Der ehrwürdige Saal an der Harvard University ist rappelvoll. Wo normalerweise lange, intellektuelle Reden geschwungen werden, bietet sich einmal im Jahr ein ganz anderes Bild. Auch die Zuschauer schauen längst nicht so aufmerksam und ernst drein wie sonst. An diesem Abend johlt das Publikum immer wieder, Papierflugzeuge und andere Wurfobjekte segeln durch die Luft. Die kurzen und erheiternden Dankesreden tun ihr übriges. Es ist der Tag der Ig-Nobel-Preisverleihung.

Auch in diesem Jahr sind kurz vor der Verleihung der "richtigen" Nobelpreise in der kommenden Woche an der amerikanischen Elite-Universität die höchsten Auszeichnungen für unwahrscheinliche und skurrile Forschungsarbeiten verliehen worden. Ig-Nobel" ist ein Wortspiel mit "ignoble", was unwürdig, schmachvoll und schändlich bedeuten kann. Und wie es sich seit einigen Jahren für die Zunft gehört, wurden die Preise von richtigen Nobelpreisträgern überreicht.

Den Ig-Friedensnobelpreis gewannen Professor Richard Stephens und seine Studenten von der Keele University in Großbritannien. Die Inspiration für seine Forschung zog der Psychologe aus ein paar schmerzhaften Erfahrungen: Als er sich mit dem Hammer auf den Daumen schlug und ihm dabei ein nicht druckbarer Fluch entfuhr, fühlte er sich plötzlich besser. Ähnlich war es seiner Frau ergangen, die kurz darauf die gemeinsame Tochter zur Welt brachte - und bei den besonders langen und schmerzhaften Wehen so übel geflucht haben soll, dass selbst ein Seemann errötet wäre. Danach habe sie sich zwar bei der Hebamme entschuldigt. Diese aber meinte, das sei doch nichts Besonderes.

Inzwischen hat der Forscher gemeinsam mit seinen Studenten diese Erkenntnis wissenschaftlich untermauert: Fluchen kann schmerzlindernd wirken. "Wir glauben, dass beim Fluchen eine innere Reaktion in einem selbst erzeugt wird, die das Nervensystem anregt und eine Kampf- oder Fluchtreaktion auslöst", erklärte Stephens das Phänomen.

Weniger Rutschen durch Socken über dem Schuh

In der Kategorie Biologe ging der Ig-Nobelpreis für Biologie an sieben chinesische Forscher. Sie dokumentierten, dass es im Liebesleben von Flughunden auch Oralsex gibt. Der Preis für die besondere Ingenieursleistung ging an drei Forscher, die ein Verfahren entwickelten, sich prustenden Wale mit ferngesteuerten Hubschraubern zu nähern. Die über das Blasloch der Meeressäuger "ausgeschiedenen Atemkondensate" könnten Aufschluss über den Gesundheitszustand des Tieres geben, so die ernste Aussage der Wissenschaftler, die im Publikum besonders großes Gelächter erntete.

Neuseeländische Forscher bekamen den Ig-Physiknobelpreis für den wissenschaftlichen Nachweis, dass über die Schuhe gezogene Socken die Rutschgefahr auf glatten Wegen deutlich mindern. Der Management-Preis ging an drei Wissenschaftler, die mathematisch bewiesen, dass die Organisationen effizienter werden, die Beförderungen nach dem Zufallsprinzip vornehmen. Allein, welcher Personalchef würde dieses Verfahren gerne in seinem Unternehmen ausprobieren?

Alle Preisträger unter den 1200 Gästen waren zur Preisverleihung erschienen, die seit 20 Jahren stattfindet - bis auf eine Ausnahme: Offenbar konnten die Manager von Goldman Sachs, AIG, Lehman Brothers, Bear Stearns, Merril Lynch und Magnetar dem ganzen Spektakel nichts abgewinnen und wollten nicht den sarkastischen Ig-Wirtschaftsnobelpreis für die Erfindung und Förderung neuer Investitionen haben, "die finanziellen Zuwachs maximieren und finanzielles Risiko minimieren".

Der Chefredakteur der "Annals of Immprobable Research", Marc Abrahams, sagte, schon der Versuch, Einladungen auszusprechen, sei bei den Mitverantwortlichen der schweren Finanzkrise gegen eine Mauer des Schweigens geprallt. "Sie haben nie geantwortet, noch nicht einmal mit einem 'Nein, danke'." Auch die Gäste durften einen buchstäblich kleinen satirischen Preis mit nach Hause nehmen: Bakterien, überreicht mit der Eintrittskarte. Und sie wurden mit der Weltpremiere der "Bacterial Opera" unterhalten, die von Abenteuern kleiner Lebewesen erzählt, die auf dem Schneidezahn einer Frau leben.

Der heimliche Star des Abends war jedoch eine Preisträgerin des vergangenen Jahres: Elena Bodnar, eine Medizinerin an der Universität von Chicago, hatte 2009 den Ig-Nobelpreis in der Kategorie Gesundheitswesen erhalten. Die bahnbrechende Erfindung, für die sie gewürdigt worden war, ist ein Büstenhalter, der sich im Notfall fix zu zwei Atemschutzmasken umbauen lässt. Ihr BH-Masken-Auftritt bei der diesjährigen Verleihung sorgte erneut für große Erheiterung.

cib/dapd



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Uwe4270 01.10.2010
1. Die Ivy-League Wissenschaftselite hat hier jedes Jahr einmal Humor. Aber sonst nicht!
Skurril ist es schon, was da jedes Jahr bei Harvard abläuft. Vielleicht kann man es sich wie einen Festball der Mainzer Fassnacht vorstellen: Wie es ja in Deutschland mit dem Elfenbeinturm der Spitzen-Politiker auch üblich ist, ist es hier einmal im Jahr erlaubt, dem Gefüge des Elfenbeinturms der Spitzen-Wissenschaft mit Humor zu begegnen. Wenn also hier jährlich Ig-Nobelpreise vergeben werden, dann ist das zumindest den höchsten Ivy-League Stockwerken des Elfenbeinturms der Wissenschaften hoch anzurechnen, dass sich sogar die Harvard University als Veranstaltungsort dafur hergibt. Aber machen wir uns hier nichts vor: Die Wissenschaftliche Forschung ist heut mehr denn je eine harte Knochenarbeit im ewigen gesellschaftlichen Wettbewerb. Die zeitgenössische Wissenschaft ist auch mehr denn je politisiert. Denn das ist unvermeidbar gerade in dem Maße, in dem die gesellschaftliche Relevanz von Forschung schon von den riesigen Geldsummen her immer als Rechtfertigungs-Grundfrage auftritt. Es ist aber heute mehr als das: Gerade in relevanz-kritischen Wissenschaftsbereichen können bereits die pure Vergabe von öffentliche Forschungsmitteln (abgesehen von deren Höhe) zur Durchführung von Forschungsvorhaben ein politisches Thema sein. Außerdem werden individuelle Wissenschaftler (inklusive Arbeitsteams) durch die professionelle Identität ihrer fachlichen Erfahrungen oft unfreiwilligerweise als vermeintliche Verfechter von Ideologien, die grundsätzlich politisch sind, sich aber wissenschaftlichem Unterbau bedienen. Zwei Beispiele, für die solche Politisierung sehr krasse Formen annehmen kann, ist erstens der Anthropogene Klimawandel: ein internationales Beispiel, und zweitens die moderne Intelligenzforschung as wissenschaftlichen Unterbau von Thilo Sarrazin's biologistische Bedrohungs- und Verdummungsideologie: ein aktuelles deutsches Beispiel. In diesem Sinne ist es auch bezeichnend, dass die amerikanische Investment-Industrie, im deutschen Volksumund eben ganz naiv die "Wall Street" Establishment, auf Einladungen zu der Verleihungszeremonie schlicht nur mit Schweigen reagierte. Dies zeigt auch leider hier die Essenz des Problems: solange Wissenschaft nur skurril ist, kann man sie mit dem Ig-Nobel Preisen auch halb-ernsthaft und halb-humorvoll zelebrieren. Und da sind auch die prominente Echt-Nobelpreis Wissenschaftselite wie die Preisträger selbst gerne mit von der Partie. Aber wenn die Investment-Technologie in den USA mit trick-betrügerischem "financial engineering" vorsätzlich so betrieben wird, dass diese international geradezu eine Welt-Wirtschaftskrise mit globalen Verlusten von Hunderten von Milliarden Dollars hervorruft, dann kann auch der "Ig-Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften" im Jahre 2010 nicht mehr als nur ein trauriges Symbol sein. Dementsprechend nehmen auch keine eingeladenen Spiztenmanager der amerikanischen Investment-Industrie an der Verleihung teil. Im Endeffekt ist z.B. die zeitgenössische Wissenschaft des Financial Engineering of Derivatives weit mehr als nur eine skurrile Wissenschaft: sie ist durchzogen von explizit wirtschafts-kriminellen Elementen. Auch sind Elemente der organisierten Anti-Klimawandel Ideologie viel mehr nur skurrile Wissenschaft: sie ist ideologischer Missbrauch von als solcher ursprünglich wertneutraler Wissenschaft. Vielleicht sollte es hier einen "Abfall-Nobelpreis", "Anti-Nobelpreis" oder "Junk-Nobelpreis" für explizit betrügerischen Missbrauch von Wissenschaft geben.
MarkusKrawehl, 01.10.2010
2. Wie immer in der Geschichte...
Es gibt kein "unnützes" Wissen. Es gibt nur Dinge, welche uns derzeit "sinnvoll" und andere Dinge, welche uns derzeit "unsinnig" oder "unnütz" erscheinen mögen. Wie es morgen aussieht - das kann ich nicht beurteilen, aber Theorien oder Ergebnisse in der Hinterhand zu haben, mag für die Menschheit nicht von Nachteil sein. Darauf kann man aufbauen, die Bequemlichkeit erleben, die wir heute haben (oder auch nicht). Die Erde ist eine Kugel - so ein Quatsch! Pferdelose Kutschen - so ein Quatsch! Reisen zu den Sternen - wozu? Schnön, dass wir manchmal glauben so selbstironisch über unseren Forschungstrieb urteilen zu können. Aber er ist doch das, was uns Menschen ausmacht...die Zeit wirds noch zeigen.
Newspeak, 02.10.2010
3. ...
Zitat von Uwe4270Skurril ist es schon, was da jedes Jahr bei Harvard abläuft. Vielleicht kann man es sich wie einen Festball der Mainzer Fassnacht vorstellen: Wie es ja in Deutschland mit dem Elfenbeinturm der Spitzen-Politiker auch üblich ist, ist es hier einmal im Jahr erlaubt, dem Gefüge des Elfenbeinturms der Spitzen-Wissenschaft mit Humor zu begegnen. Wenn also hier jährlich Ig-Nobelpreise vergeben werden, dann ist das zumindest den höchsten Ivy-League Stockwerken des Elfenbeinturms der Wissenschaften hoch anzurechnen, dass sich sogar die Harvard University als Veranstaltungsort dafur hergibt. Aber machen wir uns hier nichts vor: Die Wissenschaftliche Forschung ist heut mehr denn je eine harte Knochenarbeit im ewigen gesellschaftlichen Wettbewerb. Die zeitgenössische Wissenschaft ist auch mehr denn je politisiert. Denn das ist unvermeidbar gerade in dem Maße, in dem die gesellschaftliche Relevanz von Forschung schon von den riesigen Geldsummen her immer als Rechtfertigungs-Grundfrage auftritt. Es ist aber heute mehr als das: Gerade in relevanz-kritischen Wissenschaftsbereichen können bereits die pure Vergabe von öffentliche Forschungsmitteln (abgesehen von deren Höhe) zur Durchführung von Forschungsvorhaben ein politisches Thema sein. Außerdem werden individuelle Wissenschaftler (inklusive Arbeitsteams) durch die professionelle Identität ihrer fachlichen Erfahrungen oft unfreiwilligerweise als vermeintliche Verfechter von Ideologien, die grundsätzlich politisch sind, sich aber wissenschaftlichem Unterbau bedienen. Zwei Beispiele, für die solche Politisierung sehr krasse Formen annehmen kann, ist erstens der Anthropogene Klimawandel: ein internationales Beispiel, und zweitens die moderne Intelligenzforschung as wissenschaftlichen Unterbau von Thilo Sarrazin's biologistische Bedrohungs- und Verdummungsideologie: ein aktuelles deutsches Beispiel. In diesem Sinne ist es auch bezeichnend, dass die amerikanische Investment-Industrie, im deutschen Volksumund eben ganz naiv die "Wall Street" Establishment, auf Einladungen zu der Verleihungszeremonie schlicht nur mit Schweigen reagierte. Dies zeigt auch leider hier die Essenz des Problems: solange Wissenschaft nur skurril ist, kann man sie mit dem Ig-Nobel Preisen auch halb-ernsthaft und halb-humorvoll zelebrieren. Und da sind auch die prominente Echt-Nobelpreis Wissenschaftselite wie die Preisträger selbst gerne mit von der Partie. Aber wenn die Investment-Technologie in den USA mit trick-betrügerischem "financial engineering" vorsätzlich so betrieben wird, dass diese international geradezu eine Welt-Wirtschaftskrise mit globalen Verlusten von Hunderten von Milliarden Dollars hervorruft, dann kann auch der "Ig-Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften" im Jahre 2010 nicht mehr als nur ein trauriges Symbol sein. Dementsprechend nehmen auch keine eingeladenen Spiztenmanager der amerikanischen Investment-Industrie an der Verleihung teil. Im Endeffekt ist z.B. die zeitgenössische Wissenschaft des Financial Engineering of Derivatives weit mehr als nur eine skurrile Wissenschaft: sie ist durchzogen von explizit wirtschafts-kriminellen Elementen. Auch sind Elemente der organisierten Anti-Klimawandel Ideologie viel mehr nur skurrile Wissenschaft: sie ist ideologischer Missbrauch von als solcher ursprünglich wertneutraler Wissenschaft. Vielleicht sollte es hier einen "Abfall-Nobelpreis", "Anti-Nobelpreis" oder "Junk-Nobelpreis" für explizit betrügerischen Missbrauch von Wissenschaft geben.
Das Problem ist, daß sie diesen Preis jährlich weltweit an zigtausende vergeben müssten. Denn es ist nun einmal Fakt, daß wir beileibe nicht in einem aufgeklärten Zeitalter leben, sondern daß 400 Jahre nach Newton zum Teil schlimmere Zustände herrschen, als 400 Jahre davor. 95% der Menschheit weiß den wissenschaftlichen Fortschritt gar nicht zu würdigen, ist schlichtweg ignorant oder dumm oder gleich ganz wissenschaftsfeindlich eingestellt. 1% ist das Gegenteil, aufgechlossen, neugierig, dankbar und 4% sind selbst Wissenschaftler, da erübrigt sich die Einteilung.
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