Impfstoff-Entwicklung Europa rüstet gegen das Supervirus

Die Vogelgrippe sorgte für hektische Abwehrmaßnahmen rund um den Globus. Die EU-Außenminister sprechen von einer "weltweiten Bedrohung", in Deutschland soll schnellstmöglich ein Impfstoff entwickelt werden, und auch aus der Nähe von Moskau wird ein Verdachtsfall gemeldet.

Hamburg/Luxemburg/Athen - Die EU-Außenminister haben sich besorgt über die zunehmende Ausbreitung der Vogelgrippe geäußert. Im Entwurf für eine Erklärung der Minister heute in Luxemburg hieß es, "dass die Vogelgrippe-Pandemie eine weltweite Bedrohung darstellt". Erforderlich sei eine "koordinierte internationale Reaktion".

Sowohl die EU als auch die betroffenen Länder müssten sich mit dem Problem befassen. Zugleich betonten die Minister, dass die Europäische Union die Maßnahmen in den einzelnen Staaten durch eine effektive Koordination verstärken soll.

Die Minister begrüßten die bislang von der EU-Kommission eingeleiteten Schritte im Kampf gegen die Vogelgrippe. Nach dem Auftreten des auch für Menschen gefährlichen Virus in der Türkei und Rumänien hatte Brüssel ein sofortiges Importverbot für lebende Vögel und Federn aus diesen beiden Ländern verhängt.

Neue Verdachtsfälle in Rumänien und Russland

Am heutigen Dienstag meldete das rumänische Landwirtschaftsministerium neue Verdachtsfälle von Vogelgrippe. Einer der Fälle sei nahe der Grenze zur Ukraine aufgetreten, hieß es am Dienstag. Auch in der Nähe von Moskau ist der erste Verdachtsfall auf Vogelgrippe im europäischen Teil Russlands aufgetreten. Im Gebiet Tula 150 Kilometer südlich der russischen Hauptstadt seien in den vergangenen Tagen 247 Stück Geflügel verendet, teilte die regionale Verwaltung mit. Todesursache der Hühner, Enten und Gänse in privater Haltung sei wahrscheinlich eine "schwere Virusinfektion".

Die Vogelgrippe

Am Montagabend war ein Virus der Gruppe H5 in Griechenland und damit erstmals in einem Mitgliedstaat der EU aufgetreten. Ob es sich auch dabei um den gefährlichen H5N1-Virusstamm handelt, wird derzeit in einem Speziallabor untersucht. Ergebnisse sollen aber erst in der kommenden Woche vorliegen. "Um Antikörper des gefährlichen Virus zu isolieren, brauchen wir rund sieben Tage", sagte Giorgos Geoorgiadis, Direktor des Labors in der griechischen Hafenstadt Thessaloniki. "Die Ergebnisse werden demnach am kommenden Montag oder Dienstag vorliegen."

Das Virus war auf der Ägäis-Insel Oinousses in der Nähe der türkischen Küste festgestellt worden. Ein auf einem Bauernhof verendeter Truthahn wies das Virus der Gruppe H5 auf. Der Hof wurde unter Quarantäne gestellt. Die Behörden ordneten an, dass keine Geflügelprodukte mehr die Insel verlassen dürfen. Die Bauern wurden angewiesen, ihr Geflügel in den Ställen zu lassen.

Aus den zurzeit von der Vogelgrippe betroffenen Ländern ist schon seit Jahren offiziell kein Geflügel mehr nach Deutschland eingeführt worden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kamen in den vergangenen fünf Jahren weder aus Griechenland, der Türkei oder Rumänien noch aus den asiatischen Staaten lebende Hühner, Enten, Gänse oder Truthähne nach Deutschland. Wie das Bundesamt am Dienstag berichtete, kamen die Geflügelimporte in diesem Jahr zu 99,8 Prozent aus EU-Staaten, den Rest steuerten die Vereinigten Staaten, die Schweiz und Kanada bei.

Impfstoff-Forschung läuft auf Hochtouren

Unterdessen wird weltweit an Impfstoffen gegen ein künftiges Vogelgrippe-Virus geforscht, das durch Mutationen oder Vermischung mit einem menschlichen Influenza-Erreger auch von Mensch zu Mensch übertragbar sein könnte. Das Resultat wäre möglicherweise eine Pandemie verheerenden Ausmaßes.

Da unbekannt ist, wie genau ein solcher Erreger aussähe, läuft derzeit die Entwicklung eines Prototyps. Nach Angaben von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) soll dieser schon binnen weniger Wochen bereitstehen. "Ich gehe zuverlässig davon aus, dass Ende des Jahres die Zulassung beantragt werden kann", sagte Schmidt. Die Bundesregierung unterstützt die Entwicklung des Impfstoffs durch die Pharmaindustrie mit 20 Millionen Euro.

Sollte die Pandemie beginnen, hoffen Wissenschaftler, das Virus möglichst schnell zu isolieren und in den Impfstoff einzubauen. "Das würde wahrscheinlich rund drei Monate in Anspruch nehmen", sagt Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, dem Bundesamt für Sera und Impfstoffe. Die anschließende Produktion von 80 Millionen Impfdosen für den Schutz der gesamten Bevölkerung würde weitere sechs bis acht Wochen in Anspruch nehmen.

Roche steigert Tamiflu-Produktion

Die Produktion von antiviralen Medikamenten wie Tamiflu oder Relenza, die im Falle einer Grippe-Infektion helfen sollen, wird aus Furcht vor einer Vogelgrippe-Pandemie vielerorts angekurbelt. So baut der Schweizer Pharmakonzern Roche seine Herstellungskapazität für Tamiflu weiter aus. Die US-Gesundheitsbehörde FDA bewilligte den Bau eines weiteren Tamiflu-Produktionswerks in den USA, wie Roche heute in Basel mitteilte.

Roche hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten Aufträge für Tamiflu-Lieferungen von rund 40 Staaten erhalten oder bereits ausgeführt. Tamiflu wirke gegen alle klinisch relevanten Grippeviren. Zudem hätten Tierversuche namhafter internationaler Forscherteams gezeigt, dass das Mittel auch gegen das gefürchtete Vogelgrippe-Virus H5N1 wirke. In Vietnam haben Forscher jedoch bereits eine gegen Tamiflu resistente H5N1-Variante gefunden.

Unterdessen gerieten die für die Umsetzung der Notpläne zuständigen deutschen Bundesländer unter Druck, weil sie nach Auffassung der EU-Kommission, der Bundesregierung sowie von Forschungsinstituten derzeit noch zu wenig Medikamente vom Typ Tamiflu und Relenza vorhalten.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Reinhard Kurth, hält es für wahrscheinlich, dass bei Ausbruch einer Vogelgrippe-Pandemie 30 Prozent der deutschen Bevölkerung infiziert werden könnten. "Mit etwas Glück ist es weniger, bei Pech eben mehr", sagte Kurth. Würde tatsächlich durch Kreuzung des gefährlichen - in der Türkei und in Rumänien festgestellten - Vogelgrippe-Virus H5N1 mit menschlichen Grippeviren ein Supervirus entstehen, wäre theoretisch mit einer um 50 Prozent höheren Sterblichkeit zu rechnen als bei einer normalen Grippe.

Für 20 Prozent der Bevölkerung müssten deshalb Grippemedikamente wie Tamiflu und Relenza zur Verfügung stehen, sagte Kurth. Tatsächlich sind nach Angaben aus Länderkreisen aber erst Medikamente für 10 Prozent der Bevölkerung bestellt.

Markus Becker

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