Experten über unterbrochene Impfstoff-Studie "Die Unterbrechung sollte paradoxerweise als eine gute Sache betrachtet werden"

Vorläufig muss der Pharmakonzern AstraZeneca eine Studie zu einem Corona-Impfstoff unterbrechen. Eine Pleite für die Wissenschaft? Nein, Forscher begrüßen den Stillstand sogar.
Eine Patientin lässt sich eine Impfung verabreichen

Eine Patientin lässt sich eine Impfung verabreichen

Foto: Martin Schutt / dpa

Seit Monaten sehnt die ganze Welt einen Corona-Impfstoff herbei - der Druck auf Pharmakonzerne und Wissenschaftler, schnell Ergebnisse zu liefern, ist enorm. Seit Mittwoch zeichnet sich ab: Wir werden uns wohl noch etwas länger gedulden müssen, denn die Tests mit einem vielversprechenden Kandidaten wurden soeben unterbrochen.

An rund 200 Wirkstoffen wird weltweit geforscht. Einen der hoffnungsvollsten Kandidaten haben Forscher der Universität Oxford entwickelt: Die Substanz AZD1222. Gerade lief eine umfangreiche Studie des schwedisch-britischen Pharmakonzerns AstraZeneca mit Tausenden Probanden in Großbritannien, Brasilien und Südafrika. Seit August wird der Wirkstoff zusätzlich in einer sogenannten Phase-III-Studie in den USA ausprobiert. Insgesamt sollen bereits 17.000 Menschen geimpft worden sein.

Am Mittwochmorgen wurde bekannt, dass AstraZeneca die Studie vorläufig stoppen musste. In Großbritannien besteht bei einem der Probanden der Verdacht auf eine schwerwiegende Erkrankung, wie der Konzern einräumte (mehr dazu lesen Sie hier).

Sollte sich bestätigen, dass AZD1222 die Erkrankung ausgelöst hat, wäre das bestenfalls ein herber Rückschlag bei der Entwicklung, vielleicht aber sogar das Aus für den Impfstoff. Dennoch sehen Experten bisher kaum Gründe, den Impfstoff vorschnell abzuschreiben.

"Eine solche Aussetzung ist nicht ungewöhnlich für Phase-III-Studien, die Zehntausende von Teilnehmern haben", sagt Ohid Yaqub, ein Experte für Biochemie an der University of Sussex. Nun werde geprüft, ob der Vorfall mit dem Impfstoff zusammenhängt oder zufällig passiert sei. In gewisser Hinsicht sei es gut, dass ein solcher Routinefall öffentlich bekannt wird, denn das trägt zur Vertrauensbildung bei den Bürgern bei, hofft Yaqub.

Ähnlich sieht es auch Charlie Weller, Impf-Expertin bei der britischen Wellcome-Stiftung. "Impfstoffe gehören zu den am strengsten getesteten und überwachten Produkten, die wir in der Gesellschaft haben. Und so sollte es auch bei den Covid-19-Impfstoffen sein", sagte sie dem Science Media Center (SMC).

Noch sind viele Fragen zu der Erkrankung des Probanden offen. Beispielsweise muss geklärt werden, ob die Person überhaupt den Impfstoff erhalten hat oder zur Kontrollgruppe gehörte. Die Krankheit könnte außerdem zufällig aufgetreten sein, sagt Stephen Evans, Pharmakologe an der London School of Hygiene & Tropical Medicine. "Zwar wissen wir nicht, was passiert ist. Aber wir müssen auch mit Zufällen rechnen, ganz besonders wegen der Tatsache, dass in Großbritannien auch über 70-Jährige an der Studie teilnehmen."

Evans erinnert an den dramatischen Fall eines Mädchens, das im September 2009 kurz nach einer HPV-Impfung in Coventry starb. Sofort wurde die entsprechende Impfstoff-Charge zurückgezogen. Aber nach einer Obduktion zeigte sich, dass die Todesursache ein seltener Tumor in ihrer Brust war. Das Programm konnte weitergehen.

Auch der deutsche Infektionsforscher Stephan Becker von der Universität Marburg führt ein Beispiel aus seinem Forschungsbereich an, bei dem es eine Studienunterbrechung gab, die letztlich folgenlos blieb. Bei der Überprüfung eines Ebola-Impfstoffs kam es bei Probanden zu Gelenkentzündungen. Diese waren tatsächlich auf den Impfstoff zurückzuführen, aber hauptsächlich in einer Studienkohorte. In diesem Fall pausierte die klinische Studie ebenfalls, wurde aber nach einer Untersuchung fortgesetzt. Heute ist der Impfstoff zugelassen.

Ergebnisse müssen abgewartet werden

Über die Ursache der aktuellen Erkrankung in der Studie zu diskutieren, ist bisher reine Spekulation. Aber selbst wenn der Impfstoff der Auslöser war, muss das nicht zwingend das Ende des Vakzins sein. "Vielleicht finden wir Faktoren, die darauf hindeuten, dass er bei einigen Menschen sicher angewendet werden kann, bei anderen jedoch vorsichtshalber nicht", so Evans.

Nun soll eine unabhängige Expertengruppe den Fall untersuchen. Diese Überprüfung wird man abwarten müssen. Bis dahin dürfte die Studie weiter pausieren. Aber genau dieser Mechanismus ist wünschenswert, um einen sicheren Impfstoff zu gewährleisten, so der Tenor vieler Forscher gegenüber dem SMC.

"Die Tatsache, dass die Impfstoffstudie von AstraZenca und Oxford vorübergehend unterbrochen wurde, sollte paradoxerweise als eine gute Sache betrachtet werden", sagt James Gill von der Warwick Medical School.

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Sicherheitsventile in den Testverfahren

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hebt zuallererst die Sicherheit bei der Entwicklung von Impfstoffen hervor. "Nur weil wir über Geschwindigkeit sprechen, heißt das nicht, dass wir anfangen, Kompromisse einzugehen oder Abkürzungen zu nehmen", sagte die leitende Wissenschaftlerin der WHO, Soumya Swaminathan.

Der bekannte US-Immunologe Anthony Fauci  sprach von einem der Sicherheitsventile, die es bei solchen Studien gebe. Gleichwohl sei der Vorfall unglücklich, sagte der Pandemieberater des US-Präsidenten dem Sender CBS. "Hoffentlich werden sie herausfinden, was passiert ist, und mit der Studie fortfahren."

Sollte das nicht passieren, ruht die Hoffnung in den restlichen Impfstoffen, die derzeit entwickelt und erprobt werden. Dass es alle bis zur Marktreife schaffen, ist ohnehin nicht zu erwarten.

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