Demografie Wenn Mama hungern muss, wird's oft ein Mädchen

In schlechten Zeiten werden mehr Mädchen geboren. Das bestätigt eine aktuelle Auswertung von Geburten in China. Wie es zu dem Effekt kommt, wissen Forscher allerdings nicht genau. Mädchen sind möglicherweise im Mutterleib anspruchsloser.

Chinesisches Baby (in Chongqing, 2003): Geschlechterverhältnis bei Geburten verschoben
DPA

Chinesisches Baby (in Chongqing, 2003): Geschlechterverhältnis bei Geburten verschoben


London - In Hungerphasen bringen Frauen häufiger Mädchen zur Welt. Diesen im Grundsatz bereits bekannten Zusammenhang bestätigt eine neue Studie. Forscher berichten im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B", wie sie Daten von Neugeborenen analysiert haben, die während und nach der großen Hungersnot in China zwischen 1959 und 1961 zur Welt kamen.

Die Hungersnot wurde in China vom sogenannten "Großen Sprung nach vorn" ausgelöst - einem Plan der chinesischen Führung, die industrielle Produktivität massiv zu steigern und damit die wirtschaftliche Entwicklung der Volksrepublik zu beschleunigen. Das Programm scheiterte und führte zum Hungertod von mehr als 30 Millionen Menschen.

Shige Song vom Queens College and Cuny Institute of Demographic Research in Flushing (US-Staat New York) ging nun der Frage nach, ob die Hungersnot das Geschlechterverhältnis bei den Geburten verschob. Er analysierte Daten einer nationalen Erhebung, bei der 1982 mehr als 310.000 chinesische Frauen zwischen 15 und 67 Jahren zu ihren Schwangerschaften und Geburten befragt worden waren. Von September 1929 bis Juli 1982 kamen demnach 830.045 Kinder zur Welt.

Song entdeckte einen abrupten Rückgang bei den Geburten männlicher Babys von April 1960 an - rund ein Jahr nach Beginn der Hungersnot. Die Mütter waren etwa im Juli 1959 schwanger geworden, also ein halbes Jahr nach Beginn der Hungersnot. Die Reaktion auf die Mangelernährung erfolgte demnach verzögert. Ungefähr zwei Jahre nach der Hungerphase, im Oktober 1963, kam es zu einem schnellen Anstieg der Zahl neugeborener Jungen. Das herkömmliche Geschlechterverhältnis wurde binnen zwei Jahren erreicht.

Ob bei einer Hungersnot zu Beginn der Schwangerschaft von vornherein mehr weibliche Embryonen im Mutterleib entstehen, oder ob im Lauf der Schwangerschaft männliche Embryonen und Föten seltener überleben, geht aus den Daten nicht hervor. Auch die Bedeutung in der Evolution bleibt unklar. Einer Theorie zufolge könnten Mädchen grundsätzlich anspruchsloser sein und schlechte Zeiten eher als Jungen überleben.

chs/dpa



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