Index gescheiterter Staaten Düsterste Aussichten für Sudan und Irak

Armut, Gewalt, Ungleichheit - Forscher haben 177 Staaten der Erde auf das Risiko des Scheiterns hin untersucht. Ihr Index zeigt, dass Afrika am schlimmsten dran ist. Bitter für die US-Regierung: Der Irak liegt auf Platz zwei der Negativliste. Auch Deutschland schneidet nicht erstklassig ab.

Es scheint kaum vorstellbar, dass es noch weiter bergab gehen könnte. Doch ausgerechnet der Sudan und der Irak sind am stärksten von einer weiteren Verschlechterung der Lebensbedingungen bedroht - besonders infolge gewaltsamer Konflikte. Das geht aus einer Studie der Washingtoner Organisation Fund for Peace und des US-Politmagazins "Foreign Policy" hervor. Demnach belegen die beiden Länder die ersten beiden Plätze auf dem Index gescheiterter Staaten ( Failed States Index, online abrufbar ), der am heutigen Montag veröffentlicht wurde.

Schreckensmeldungen, Elend und Hoffnungslosigkeit - im allgemeinen Nachrichtenrauschen hat Afrika wohl ein schlechteres Image als jeder andere Kontinent. Was an dem Vorurteil stimmt, haben die Politikwissenschaftler des Fund for Peace anhand von Schlüsselkriterien vergleichbar gemacht. Zwölf soziale, ökonomische und politische Indikatoren wurden für 177 Staaten der Erde untersucht - von demografischer Entwicklung und Flüchtlingsdruck über wirtschaftlichen Abschwung und ungleiche Verteilung des Reichtums bis zum Zustand des Staatsapparats.

Die Fund-Präsidentin Pauline Baker sagte, dass 12.000 Quellen für die Analyse ausgewertet worden seien. Sie will das Ranking auch als Warnung vor zu naiver Entwicklungshilfe verstanden wissen: "Man darf einfach nicht wegschauen angesichts der Menge an Gräueltaten, die scheiternde Staaten häufig begleiten." Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfe könnten vergeblich investiert sein, solange es nicht auch funktionierende Regierungen und realistische Pläne für den wirtschaftlichen Wandel gebe. Besonders in Afrika deuten der Analyse zufolge in vielen Ländern die Indikatoren auf völliges Scheitern der betroffenen Staaten hin.

Bedrohte Staaten - die Auf- und Absteiger 2007

Land Veränderung Position 2007
Liberia +6,1 27
Indonesien +4,8 55
Demokratische Republik Kongo +4,6 7
Bosnien +4,0 54
Libanon -11,9 28
Somalia -5,2 3
Äquatorialguinea -4,2 41
Niger -4,2 32
Die jeweils vier Staaten mit der größten relativen Veränderung im Vergleich zum Failed-States-Index des Vorjahres. Die Zahlen beziehen sich auf Indexpunkte, einen künstlichen Messwert, den die Autoren der Studie aus der Analyse von zwölf sozialen, wirtschaftlichen und politischen Indikatoren gewonnen haben. Die aktuelle Position bezeichnet den Platz der Staaten auf dem Index 2007 (1 = am schlechtesten, 177 = am besten)
(Quelle: The Failed States Index 2007, The Fund for Peace, Washington)

Der Sudan hat den Autoren zufolge seinen unrühmlichen Spitzenplatz unter den gescheiterten Staaten vor allem der anhaltenden Gewalt in Darfur zu verdanken. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat diesen Konflikt in einem Gastbeitrag für die Zeitung "Washington Post" als Folge des Klimawandels bezeichnet.

Der Fund for Peace nennt weitere Staaten Afrikas besonders gefährdet. Das gelte für die Zentralafrikanische Republik, der Tschad, Somalia, Simbabwe, die Elfenbeinküste, die Demokratische Republik Kongo und Guinea. Nur zwei Staaten in der traurigen Top-10-Liste liegen nicht auf dem afrikanischen Kontinent. Besonders für die US-Leser von "Foreign Policy" dürfte diese Erkenntnis bitter sein: Es handelt sich dabei um den Irak und Afghanistan (Plätze zwei und acht).

Positivbeispiele Liberia und Indonesien

"Die schwächsten Staaten der Welt sind nicht bloß eine Gefahr für ihre eigenen Bürger", sagte Baker. "Sie können auch den Fortschritt und die Stabilität von Ländern auf der anderen Seite des Globus gefährden."

Der Index wurde zum dritten Mal erstellt, und im Vergleich zu den beiden Ausgaben der Jahre 2005 und 2006 fanden die Wissenschaftler auch Positivbeispiele:

  • Das westafrikanische Liberia habe die meisten Fortschritte gemacht. Das Wirtschaftswachstum betrage in dem Land sieben Prozent und die Milizen aus einem Jahrzehnt Bürgerkrieg würden entwaffnet. Nach freien Wahlen stabilisiere sich die Lage im Land. Es steht allerdings immer noch an Stelle 27 der Staaten mit den schlimmsten Zuständen, verbesserte sich aber am stärksten.
  • Am Beispiel Indonesien zeigt sich nach Ansicht der Autoren, wie eine erfolgreiche politische Führung die Situation in einem Land noch retten kann. Dort habe der erste direkt gewählte Präsident Bambang Yodhoyono Susilo nach Jahren der Korruption und der Zerstörung durch den Tsunami im Jahr 2004 zu politischer Beständigkeit beigetragen.
  • Auch Russland und China sind im Ranking des Fund for Peace aufgestiegen. Die Autoren führen dies auf das chinesische Wirtschaftswachstum beziehungsweise die relativ ruhige Lage im Bürgerkriegsgebiet Tschetschenien zurück.

Auch Deutschland nicht erstklassig, Libanon mit stärksten Verlusten

Nur wenige Staaten erhielten von den Experten das Siegel "nachhaltig" - insgesamt nur fünfzehn, davon elf in Europa. Deutschland ist jedoch nicht darunter. Die Bundesrepublik erhielt ebenso wie etwa Frankreich, Großbritannien oder die USA nur die zweitbeste Gesamtbewertung "moderat" und liegt an 24. Stelle jener Staaten der Erde, in denen die Welt relativ in Ordnung ist. Bedenklich ist die schlechteste Einzelwertung, die Deutschland von den Analytikern erhielt: Der Indikator "ungleiche ökonomische Entwicklung innerhalb verschiedener Gruppen" fiel deutlich schlechter aus als bei den bestplatzierten nordischen Staaten Schweden (Platz drei), Finnland (Platz zwei) und Norwegen (Platz eins).

Die größte Einbuße auf dem Stabilitätsindex der US-Forscher musste im vergangenen Jahr der Libanon verzeichnen: Auf dem Failed-States-Index 2006 befand sich das Mittelmeer-Land noch auf Platz 65 (Kategorie "Warnung"), jetzt rutschte es auf den Platz 28 (unterste Kategorie "Alarm"). Dies sei vor allem dem bewaffneten Konflikt des vergangenen Jahres mit Israel, innenpolitischen Verwerfungen und Hunderttausenden Flüchtlingen und Obdachlosen geschuldet.

Dem Muster des Scheiterns entspricht das traurige Beispiel vom Mittelmeer indes nicht. Starke Männer, die sich lange an der Macht halten können, sind nach Ansicht der Autoren das größte Risiko für eine Gesellschaft. So würden drei der fünf am schlechtesten abschneidenden Staaten von solchen Autokraten regiert - der Tschad, der Sudan und Simbabwe.

Das Magazin "Foreign Policy", Medienpartner des Washingtoner Thinktanks, bebilderte diese Erkenntnis in Quartettkarten-Optik: Die Porträts der Präsidenten Omar Hassan al-Bashir (Sudan), Robert Mugabe (Zimbabwe) und Idriss Déby (Tschad) prangen auf dunkelroten Spielkarten. Darunter aufgelistet sind drei traurige Indikatoren für den Zustand ihrer Gesellschaften - Rangliste auf dem Index gescheiterter Staaten, Jahre an der Staatsspitze und Machterlangung per Staatsstreich.

stx/AP

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